Liedermacher Oliver Scheidies über Lilo Wanders und eine Freiburg-Hymne

Den Weg nach Freiburg fand der gebürtige Hamburger Oliver Scheidies nach eigener Aussage mit dem Finger auf der Landkarte und der Schneewittchenfrage: „Wo ist es am schönsten im ganzen Land?“ Als schelmischer Liederpoet ist er aktuell mit seinem Programm „Liebeslieder für alle“ deutschlandweit unterwegs. Am 1. Dezember, sagt er, könne man mit ihm im Freiburger ArTik das Leben vom Tragischen bis zum Komischen auskosten. chilli-Autor Ingo Heckwolf hat mit ihm gesprochen.

 

chilli: Mit 21 haben Sie sich den großen Traum erfüllt, Schauspieler und Clown zu werden. Es folgten Engagements etwa auf der Reeperbahn im Schmidt Theater. Wie war die Zeit in Hamburg?
Scheidies: Großartig. Das Schmidt Theater war damals noch eher unbekannt. Zu meiner Zeit lief dort jeden Tag von Montag bis Donnerstag um Mitternacht die Tresenshow. Da durfte jeder Hans und Franz auf die Tresen rauf, hat fünfzig Mark bekommen und konnte dann seine lustigen Sachen machen. Da wir als Studenten ja arm waren wie die Kirchenmäuse, haben wir das natürlich genutzt. Eines Abends kam dann der Moderator Ernie Reinhardt alias Lilo Wanders zu uns und sagte, wir sollten doch mal mit in die große Mitternachts-Show am Samstagabend kommen, und da haben wir dann unsere ersten Sporen verdient und unser erstes Bühnenblut gerochen.

chilli: In Freiburg haben Sie später zusammen mit Walther Hofherr das Theatre Dö gegründet, das 2004 den Emmendinger Kleinkunstpreis gewonnen hat.
Scheidies: Den Walther habe ich auf einer Klassenreise kennengelernt, und wir haben sofort die Nächte durchgelacht. Da war klar, dass wir das mal in einem richtigen Programm, Comedia del Rituale, unterbringen mussten. Wir spielen am 16. März übrigens unsere Etappe 74 „Letzter Einkauf“ in Kirchzarten.

chilli: Sie schreiben Liebeshymnen für Städte. Hamburg, Berlin und Mannheim sind schon besungen, eine Freiburg-Hymne gibt es noch nicht …
Scheidies: Oft ist das Naheliegende am weitesten entfernt. Aber ich bin schon dran und werde den Freiburg-Song am 1. Dezember mit ins ArTik bringen.

chilli: Was ist die Motivation der künstlerischen Arbeit?
Scheidies: Das Leben zu feiern. Und das bedeutet für mich, Instrumente zu holen, tanzen, singen und dabei jeden in seiner Andersartigkeit zu würdigen und immer mehr herauszufinden, wer man selber ist, und das auch zu feiern.

 

chilli: Was ist das zentrale Thema?
Scheidies: Die Liebe. Es fängt an mit der Liebe und es endet mit ihr. Die Liebe ist das Leben. Das Leben offenbart sich durch die Liebe. Du musst erst einmal alles annehmen und zulassen, wie es ist. Dann steht dir alles offen. Dann gehst du raus auf die Straße und fängst an, alles Lebendige innerlich zu besingen, jede Begegnung, jede Stimmung ist dann eigentlich schon der Anfang für einen Song. Menschenbegegnung kann nur auf gleicher Augenhöhe stattfinden. Es gibt keinen Menschen, der über oder unter dir ist, jedwede Machtspielchen werden somit obsolet, und dann fängt die Feier an, weil du einen schönen a-Moll-Akkord reinhaust.

chilli: Haben Sie Idole?
Scheidies: Für mich ist die Kassiererin im Supermarkt ein Idol.

chilli: Was bedeutet Religion für Sie?
Scheidies: Ich gehöre keiner Religion an, und die führen sich gerade ja mal wieder selbst ad absurdum. Ich finde Religionsgemeinschaften überflüssig. Aber bitte, wenn jemand darin einen Sinn sieht, dann soll er das natürlich machen.

chilli: Was ist für Sie Erfolg?
Scheidies: Die herzerfüllte Reaktion von den Menschen, die bei den Auftritten mitfeiern.

Text: Ingo Heckwolf / Foto: Privat