Vor fast zwei Jahren ließ das Freiburger Rathaus den größeren Teil der Kleingartenanalage Gutleutmatten abreißen. Die Bagger waren schon vollgetankt. Denn nach der ursprünglichen Planung sollte zwischen Gartenstadt und Feuerwehr, zwischen Haslacher Hallenbad und Bahnlinie heute schon lange gewohnt werden. Aber erst im September – nach reichlich planerischem Hickhack – soll nun der Bebauungsplan zur Satzung beschlossen werden. Den Spaten werden Oberbürgermeister Dieter Salomon, Baubürgermeister Martin Haag und andere Verantwortliche aber schon am 24. Juli in den Boden stechen. Und irgendwann einmal werden im neuen Viertel dann tatsächlich rund 500 Wohnungen mehr als 1000 Menschen beherbergen.

Aus der Adlerperspektive:  Etwa in der Breite der Wiese  am Rande der Gartenstadt wird sich das neue  Baugebiet bis zur Bahnlinie im Süden ziehen.

 

Der Wind ist lau, ein Bächle glitzert, unter den Schuhsohlen knirscht der Kies auf dem Weg, und inmitten der größtenteils hochgewachsenen Gräser tanzen Kinder mit bunten Luftballons zu Livemusik von „Otto Normal“. Die Gemeinschaft Haslach (Mensch – Institution – Vereine) hat zum Fest auf den Gutleutmatten geladen. Guido Enso (66), Inhaber einer kleinen Pizzeria in der Nähe, sieht sich das bunte Treiben an: „Verstehen sie mich nicht falsch, ich liebe die Natur, aber wir sind leider an einem Punkt angekommen, an dem wir städtische Grünflächen für den Wohnungsbau aufgeben müssen, damit die Mietpreise wieder sinken.“ Ein paar Meter weiter steht Rainer Trielus. Der 56-Jährige hatte selbst einen der abgerissenen Schrebergärten und wohnt vis-à-vis in der Gartenstadt. „Es ist gut, dass hier wenigstens mal etwas passiert“, kommentiert er leicht spöttisch das kleine Fest und die enormen Verzögerung bei der Entwicklung. Doch dass die Mieten sinken werden, wenn mehr Wohnraum zur Verfügung steht, daran glaubt er nicht. „Die Mieten in den hier entstehenden Häusern werden wohl eher hoch sein. Und wahrscheinlicher werden die Mieten der Gartenstadt danach auch noch angeglichen.“ Eine eher düstere Prophezeiung.

Auf der anderen Seite der Eschholzstraße steht eine Reihe von Protestschildern. Gegen noch aufzustellende Neubauten zu protestieren, ist in Freiburg derzeit Volkssport. „Des kleinen Mannes Gartenfreude / ist für die Stadt gefund’ne Beute / Verloren gehen Baum und Beete / als Bauland zieht sie dafür Knete“, steht auf einem. Edith Lamersdorf schüttelt den Kopf: Das wirtschaftliche Ziel des Rathauses sei unterm Strich eine schwarze Null, sagt die Stadtsprecherin. Die Verwaltung wolle nicht drauflegen, aber das vorrangige Ziel sei das Schaffen von bezahlbarem Wohnraum.

Das glaubt Trielus nicht: „Die Stadt verdient eine Menge Geld damit.“ Mindestens 5,5 Millionen Euro und die Kosten für die Erschließung muss das Rathaus wieder reinholen. Denn 5,5 Millionen hat sie an die Freiburger Stiftungsverwaltung überweisen müssen, damit die – ein äußerst seltenes Ereignis in der jahrhundertelangen Geschichte der Stiftung – ihre Flächen abgibt.

Protestschild:  Auch die Kleingärtner östlich der Eschholzstraße müssen ihre Parzellen bald räumen.

 

Klar ist hingegen, dass das Rathaus an den Gutleutmatten nicht den Fehler machen wird, alle Grundstücke zu Höchstpreisen an die Baubranche zu vergeben. Am 23. Juli soll der Gemeinderat ein Vermarktungskonzept beschließen. Darin sollen bereits definierte Baugrundstücke für interessierte Erwerber wie die Freiburger Stadtbau GmbH, die Baugenossenschaften, Baugruppen und normale Bauträger festgesetzt werden. Nach den baulandpolitischen Grundsätzen der Stadt müsste etwa ein Drittel der Fläche oder 170 Wohnungen für den sozialen Wohnungsbau reserviert werden. Zudem sollen je zur Hälfte Miet- und Eigentumswohnungen entstehen. Nur einen Tag später werden Salomon, Haag und andere den ersten Spaten in den Boden stechen.

Auf dem Fußweg der Carl-Kistner-Straße kommt eine rüstige Dame mit zwei Hunden ans zwischenzeitlich ja auch als Hundeklo zwischengenutzte Areal. Sie heiße Ketterer. Einen Vornamen will sie der Zeitung nicht preisgeben. „Ich finde es sehr schade, dass nicht zuerst auf den bereits freien Gebieten wie dem seit Jahren leerstehenden Götz+Moriz-Gelände gebaut wurde. Dann hätten die Leute hier ihre Schrebergärten länger gehabt.“ Auswirkungen auf Mietpreise würde der Neubau von 500 Wohnungen sicher nicht haben. „Sorgen machen mir aber die Parkplatzmöglichkeiten für die neuen Häuser. Sehen sie sich um, es gibt schon jetzt zu wenig Parkplätze hier, und heute hat doch jeder ein Auto.“ Sie glaube nicht, dass die Häuser Tiefgaragen bekommen, das sei „viel zu teuer“.

Allein, Tiefgaragen zählen zu den baurechtlichen Selbstverständlichkeiten, und auch der Bebauungsplan für ein immerhin acht Hektar oder elf Fußballfelder großes Areal wird unterirdische Parkflächen vorschreiben. Die Gutleutmatten waren vom 13. bis ins 18. Jahrhundert noch Weidefläche des Freiburger Gutleuthauses, das nach Recherchen der BZ etwa dort gestanden haben soll, wo heute das Pressehaus steht. Das Gutleuthaus war eine Leprastation, in die die Kranken zwangsweise einquartiert wurden, ausgestoßen von den anderen. In der Station wohnten, lebten, arbeiteten sie und wurden zur Religion verpflichtet.

Auf diesen Weiden soll nun Freiburgs nächstes Vorzeigeviertel mit Plusenergie- und Passivhäuern, mit offenen Wegebeziehungen zwischen den Gebäuden, neuen Uferzonen am Dorfbach und attraktiver Architektur entstehen. Guido Enso, Rainer Trielus und die vornamenlose Frau Ketterer werden hier nicht einziehen. Auch nicht mit Tiefgaragen.

Text: Ingo Heckwolf & Lars Bargmann / Fotos: Neithard Schleier & Ingo Heckwolf