Die erste inklusive Theatergruppe des Landes ist dem Teenageralter entwachsen. Seit 20 Jahren spielen bei den Schattenspringern geistig, körperlich und „normal“ Behinderte – wie sie in der Gruppe heißen – Seite an Seite. Was einst ganz klassisch mit der Aufführung eines Shakespeare-Stücks begann, hat sich mittlerweile zu einem außergewöhnlichen Konzept weiterentwickelt. Kein Autor und kein Regisseur entwickeln die Figuren, sondern die Schauspieler selbst.

 

Auf der Bühne sind alle gleich: Die Schattenspringer bei ihrem vergangenem Stück „Le Café D’Amour“ mit dem langjährigen Schauspieler ­Stefan Boris Birk in ihrer Mitte.

 

 

„Wenn ich in den Spiegel schaue, erkenne ich die Wahrheit“, sagt Stefan Boris Birk eindringlich und lässt den Blick durch den Gemeindesaal schweifen. Plötzlich weicht die ernste Miene einem verschmitzten Lächeln und der Schalk blitzt in den Augen des 51-jährigen Spastikers auf – ganz so, wie man es von einem Till Eulenspiegel erwartet. „Mir sitzt auch manchmal der Schalk im Nacken“, sagt der Schattenspringer der ersten Stunde, „deshalb habe ich mir die Rolle ausgesucht.“

 

Neben dem modernen Eulenspiegel sitzen an diesem Abend 15 Schauspieler im Proberaum. Darunter ein Detektiv, eine Flüchtlingshelferin oder eine Buchhändlerin. Aus diesen unterschiedlichen Figuren ein stimmiges Theaterstück zu machen, das ist Aufgabe der Regisseure Wolfgang Kapp und Felix Möllenhof. „Die vielfältigen Rollen mit einem roten Faden zu verknüpfen, ist eine ganz schöne Herausforderung“, sagt Kapp. Daher dauert es auch rund zwei Jahre, bis ein neues Stück reif für die Premiere ist.

 

Die Theatergruppe ist auch nach 20 Jahren in ihrer Form einzigartig. Während es in manch anderem Ensemble zusätzliche Proben mit den eingeschränkten Schauspielern gibt, machen die Schattenspringer hier keinen Unterschied. „Das Schöne ist, dass die Grenzen verschwimmen“, so Kapp, der seit Anfang an für die Regie zuständig ist.

 

Mit ihrem nächsten Stück steht die 16-­köpfige Gruppe noch ziemlich am Anfang. Die Premiere soll im März 2019 steigen. Im Anschluss geht es traditionell zu Festivals in ganz Deutschland und dem nahen Ausland. Nach Aufführungsmöglichkeiten müssen die Schattenspringer nicht lange suchen. „Mittlerweile haben wir uns einen Namen gemacht und bekommen immer wieder Anfragen“, freut sich Kapp. „Dass unser Projekt mal so große Kreise zieht, darauf hätte ich vor zwanzig Jahren nicht gewettet“, zeigt sich auch Produktionsleiter Bertram Goldbach begeistert.

 

Neue Mitglieder sind nach wie vor willkommen. „Manche schauen erst mal zu, andere sind gleich Feuer und Flamme“, erzählt Möllenhof, der, wenn er nicht gerade Regie führt, Heilpädagogik studiert. „Das ist vollkommen in Ordnung. Bei uns herrscht kein Leistungsdruck, jeder kann sich so einbringen, wie er möchte.“

 

Und der moderne Till Eulenspiegel alias Birk: Wird er die nächsten zwanzig Jahre noch auf der Bühne stehen? Die Antwort gibt er in bester Dinner-for-One-Manier: „Well, I’ll do my very best.“

 

Jubiläumsfeier
Freitag, 20. April, 18–20 Uhr
ABC-Saal, Maienstr. 2, Freiburg

 

Text: Tanja Senn / Foto: © Taro Herbel