Es ist kein Ort, an dem man zufällig vorbeikommt: Zwischen dichten Laubbäumen gelegen, ist die Villa Mitscherlich von der Freiburger Günters- talstraße aus kaum zu sehen – und das, obwohl sie mit 800 Quadratmetern und drei Stockwerken nicht gerade unauffällig ist. Doch vor allem älteren Freiburgern sagt der Name etwas: Die Diskussion um den Abriss des historischen Gebäudes erhitzte 1978 die Gemüter.

Die Unbekannte: Blick in die Künstlervilla Mitscherlich

 

Statt der Abrissbirne rückten schlussendlich 19 Künstler an, und die Stadt setzte mit dem ersten städtischen Atelierhaus ein Zeichen gegen die Ateliernot. Seitdem ist es ruhig um die Villa geworden.

 

Schmiedeeiserne Balkone, helle Wintergärten, rostrote Backsteine – die alte Dame hat sich trotz hohen Alters gut gehalten. Gerade erst hat die Stadt 582.000 Euro – abzüglich der Zuschüsse aus der Denkmalpflege – in die Restau- rierung der Fassade gesteckt, vor wenigen Wochen wurde das letzte Gerüst abgebaut.

 

Auch im Inneren offenbart die Villa aus dem 19. Jahrhundert historischen Charme. Im obersten Stock hat sich Walter Diederichs eingerichtet. An den Wänden hängen farbenfrohe Tupfengemälde zwischen großen Sprossenfenstern, auf dem alten Parkett stapeln sich Farbtuben, Eimer und Pinsel, unter der Werkbank liegt eine Katze in einer leeren Weinkiste und schnurrt zufrieden vor sich hin. Kreatives Chaos wie aus dem Bilderbuch.

Behält den Überblick: Walter Diederichs

 

Der 84-Jährige wohnt seit der Eröffnung des Atelierhauses vor 37 Jahren in der Villa Mitscherlich – da er gleichzeitig der Hausmeister ist, hat er als Einziger nicht nur sein Atelier hier, sondern auch seine Wohnung.

 

Entstanden ist das erste und größte städtische Atelierhaus aus der damaligen Ateliernot heraus. Da es immer schwieriger wurde, auf dem freien Wohnungsmarkt Ateliers zu erschwinglichen Preisen zu finden, reagierte der Gemeinderat und verhinderte den geplanten Abriss. Heute ist die Villa eines von vier städtischen Atelierhäusern in Freiburg, in denen Künstler zu subventionierten Mieten arbeiten können.

 

„Im Vergleich zur Not bei den Proberäumen, sind wir bei den Ateliers auf einem guten Weg“, freut sich Kulturbürgermeister Ulrich von Kirchbach, „wohl wissend, dass der Bedarf immer noch größer ist als das Angebot.“ Dass es die Kunst nicht immer schafft, Freiburger Mietpreise zu finanzieren, weiß auch Bildhauerin Monika Schmid: „Viele von uns haben noch einen Job nebenher.“

Die Unbekannte: Blick in die Künstlervilla Mitscherlich

 

Ihr Atelier liegt gegenüber von Diederichs Wohnung – es ist eines der kleineren, ein ehemaliges Dienstbotenzimmer. Von der Decke hängen filigrane Netze aus Messingdraht, an denen Papier- und Fließstücke befestigt sind. Bis zum September sollen diese Netze einen Baldachin für eine elsässische Kirche ergeben.
Sehr viel großzügiger ist da das Atelier auf der anderen Seite des Ganges. Zur Straße hin lagen einst die Repräsentationszimmer des Chemikers und Fabrikanten Alexander Mitscherlich, der das Gebäude 1883 erbauen ließ. Heute darf der Konzeptkünstler Richard Schindler den Ausblick aus dem verglasten Wintergarten bis zum Münster genießen.

 

Der Gang durch die Villa gleicht einer bunten Ausstellung: Von Schindlers Fotografien rumänischer Türen, waghalsiger Schrankaufbauten oder der Skulptur einer goldenen Brezel geht es weiter zu Angelika Jores, die gerade mit feinen Pinselstrichen lebensgroße Pferdeköpfe an der Wand erscheinen lässt, bis zu Jürgen Giersch, dessen Gemälde von Treppenaufgängen und Gebäuden wie zufällig in seinem Atelier verteilt sind.

Die Unbekannte: Blick in die Künstlervilla Mitscherlich

 

Und ganz oben: Walter Diederichs, der Senior der Villa, der von hier aus den Überblick bewahrt. Ob er ein lebenslanges Bleiberecht habe, auch wenn er einmal nicht mehr malen könne? „Warum sollte ich denn mit der Kunst aufhören“, quittiert er die Frage mit einem Stirnrunzeln. „So lange ich noch etwas bewegen kann, tue ich es. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.“

 

Text: Tanja Bruckert & Fotos: Stella Krause