Ihre Eltern kommen aus Gabun und Jamaika, aufgewachsen ist sie auch in Japan und Kanada. Von fernöstlicher Haiku-Lyrik über deutsche Volkslieder bis zum britischen Poeten Linton Kwesi Johnson spannen sich ihre Einflüsse. Die Weltbürgerin Jazzmin Tutum lebt seit 2007 in Freiburg und hat jetzt ihr Debütalbum „Share the flame“ herausgebracht. Stefan Franzen hat sich mit der zweifachen Mutter unterhalten.

Jazzmin Tutum
chilli: Jazzmin Tutum, Sie nennen Ihre Musik „spheric dub“, sphärischen Dub. Das klingt fast nach Science Fiction …
Tutum: Dieser Aspekt schwingt durchaus mit. Ich höre ein Dubstück und denke: „Wow, beam me up, Scotty!“ Dub entstand ja aus Instrumentalfassungen von Reggaestücken, über die dann improvisiert wurde, mit vielen Bässen. Das katapultiert mich in eine andere Bewusstseinssphäre. Dass ich mein Album „Share The Flame“ genannt habe, hängt damit zusammen: Die Flamme, von der ich spreche, ist die des Bewusstseins. Ich möchte Wissen und Lebenserfahrung teilen. Und das geschieht auch auf einer metaphysischen Ebene, in der die Spiritualität ins Spiel kommt.

chilli: Wie haben Sie gemerkt, dass Dub das beste Transportmittel für Ihre Verse ist?
Tutum: Das hängt bei mir mit dem Gefühl der Entwurzelung zusammen. Mein Vater war Politiker und wir reisten viel. Im Dub und im Reggae fand ich eine dauerhafte Beziehung zu Jamaika. Und als ich anfing, Gedichte zu schreiben, schwang immer ein musikalisches Element mit. Bevor ich das erste Wort schreibe, fühle ich immer einen Rhythmus. Dann habe ich eine Idee, kurze Wortfolgen, die wie in einem japanischen Haikugedicht komplexe Gedanken verdichten. Die Bässe aus der Dubmusik sind der Motor, der meinen Geist antreibt.

chilli: Besuchen Sie heute noch Jamaika?
Tutum: Ja, und wenn ich da hingehe, dann sitze ich manchmal im lokalen Bus und fahre stundenlang über die Insel. Ich höre den Leuten zu und das ist das beste Fernsehen, das beste Radio des Lebens. Diese Touren inspirieren mich dann auch oft zu meinen Textpassagen auf Patois, der lokalen Sprache.

Jazzmin Tutum
chilli: Wer Ihr Album hört, gewinnt den Eindruck, dass Dub universell ist: Da sind Einflüsse von Marlene Dietrich und Billie Holiday zu hören, Klezmerfärbungen, indische Klänge, gepaart mit politischen genau wie poetischen Botschaften.
Tutum: Dub hat viele andere Genres beeinflusst und jetzt schließt sich der Kreis wieder. Für mich geht es darum, meinen Platz in der Welt zu finden, das heißt auch, offen zu sein. Was immer ich schreibe, ist ein Teil von mir und zeigt, wie ich im Gegenzug ein Teil dieser Welt sein will.

chilli: Das Erbe Ihrer Wahlheimat Deutschland haben Sie auch im Volkslied „He-ho, spann den Wagen an“ eingeflochten.
Tutum: Ich hörte dieses Stück, als ich das erste Mal nach Deutschland kam. Der Vater meiner Kinder brachte es mir bei und ich liebe es bis heute. Etliche deutsche Musiker haben ja ein Problem mit deutscher Volksmusik, das ist schade. Was immer auch das Dritte Reich mit dieser Musik angestellt hat, das war deren Interpretation. Jetzt haben wir die Chance, das für uns neu zu interpretieren.

chilli: Sie haben einen Lyrikband über Ihren Alltag in Freiburg veröffentlicht, da geht es um die Relativität von Hautfarben, um absurde Bürokratie, die Sehnsucht nach der Heimat. War es Ihnen wichtig, die Gedichte auf Deutsch zu entwerfen?
Tutum: Ich wollte meinem Schreiben eine neue Note geben. Ich kämpfe mit der deutschen Sprache, es wird wohl eine lebenslange Herausforderung bleiben, aber ich stelle mich dieser Aufgabe. Beim Schreiben auf Deutsch merkte ich, dass die Struktur meiner Ideen sehr frisch herauskam. Es hat großen Spaß gemacht, über meine Erfahrungen hier in Freiburg zu schreiben.



Cover
Info:

CD: „Share The Flame“ (Universal Egg)
Buch: „Freiburger Gedichte” (epubli)
Radio: „Dub Kali Rootz” auf Radio Dreyeckland, jeden zweiten Montag von 22.30-24 Uhr

Fotos: Helmut Albert