Wie soll eine Behörde über einen Antrag entscheiden, wenn das einzige Dokument, das kritische Fragen regelt, plötzlich verschwunden ist? Ein Investor möchte in Littenweiler drei Mehrfamilienhäuser errichten, Anwohner klagen und berufen sich auf einen Bebauungsplan aus dem Jahre 1962. Doch der war nie gültig – so sieht es jedenfalls die Stadtverwaltung. Die Staatsanwaltschaft ermittelt derweil wegen Urkundenunterdrückung gegen das Rathaus.

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Im beschaulichen Littenweiler geht es meist ruhig zu. Hier und da rauscht ein Auto durch die Lindenmattenstraße, ab und zu radelt ein Fahrradfahrer vorbei. Auf einem verwilderten Grundstück, das zwischen zwei Wohnhäusern liegt und durch einen Lattenzaun abgetrennt ist, möchte ein Investor drei Mehrfamilienhäuser mit 20 Wohnungen bauen. Wer das ist, verrät das städtische Baurechtsamt mit Verweis auf den Datenschutz nicht. Doch das ist auch gar nicht nötig, um die Nachbarn in Rage zu bringen. Sie wollen nicht, dass die Gebäude wie angekündigt drei oder vier Etagen hoch werden. Ihr Argument: Der Bebauungsplan für den Bereich Lindenmattenstraße erlaube maximal zwei Stockwerke.

Hier beginnt der heikle Part. Als die Anwohner bei der Baurechtsbehörde protestieren, erhalten sie eine ungewöhnliche Antwort: Eine genaue Prüfung habe ergeben, dass auf dem zuständigen Bebauungsplan aus dem Jahre 1962 die Unterschrift des Oberbürgermeisters fehle – und er folglich ungültig sei. In der Praxis habe man ausschließlich mit Kopien gearbeitet und dadurch das jahrzehntelange Fehlen nicht bemerkt.

Das halten die betroffenen Anwohner für so unwahrscheinlich, dass sie einen Anwalt einschalteten. „Verschwundene Akten? Da fragt man sich doch, ob man noch in Deutschland ist“, zitierte die Badische Zeitung einen Betroffenen. Auch die Freiburger Staatsanwaltschaft wurde auf den Fall aufmerksam. Schlamperei oder Vorsatz? „Das ist momentan noch schwer zu sagen“, kommentiert Oberstaatsanwalt Wolfgang Maier die Ermittlungen, „wir haben noch keine heiße Spur.“

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Sollte sich herausstellen, dass der Bebauungsplan tatsächlich mit Absicht verschwand, wäre das Urkundenunterdrückung – ein Straftatbestand, auf den bis zu fünf Jahre Freiheitsstrafe stehen. „Allerdings“, schränkt Maier ein, „darf die Sache dann noch nicht verjährt sein.“ Das wäre nach fünf Jahren der Fall. Doch wie findet man heraus, wann der Plan überhaupt verschwunden ist? Und ob das mit Absicht geschah? „Vielleicht stoßen wir auf Unterlagen, vielleicht finden wir auch elektronische Hinweise“, hält sich Maier alle Möglichkeiten offen.

In den Amtsstuben sorgte der Vorfall in den vergangenen Wochen für Wirbel. „Das wurde ausführlich diskutiert“, sagt Rathaussprecherin Edith Lamersdorf. Wieder aufgetaucht ist der Plan trotzdem nicht. „Er war ja auch nie verschwunden“, sagt Lamersdorf – und meint die Exemplare ohne Unterschrift, mit denen tagtäglich gearbeitet wurde. „Vielleicht ist darunter auch das Original, aber das wissen wir eben nicht.“ Generell, sagt Lamersdorf, sei früher etwas schlampiger gearbeitet worden. „Die drei Teile des betroffenen Plans stimmen untereinander auch gar nicht überein.“ Die Konsequenz: Der Bebauungsplan, der vorher auch im Internet abrufbar war, wurde flugs aus dem Netz herausgenommen – schließlich sei er ungültig.

Und die Mehrfamilienhäuser? Wird gebaut oder nicht? Und zu welchen Konditionen? „Das Baurechtsamt verhandelt noch“, sagt Lamersdorf auf chilli-Nachfrage. Um eine genaue Antwort drückt sich die Stadtverwaltung herum, das Thema ist heikel. „Es geht um 20 Wohneinheiten, die wohl auch gebaut werden dürfen. Aber mit wie vielen Etagen, das wird noch diskutiert.“

Text & Fotos: Steve Przybilla