Bei der Gemeinderatswahl blutet vor allem das kulturelle Knowhow

Die Wahl des neuen Kommunalparlaments in Freiburg hat viele Gewinner und Verlierer geboren. 15 neue Stadträte werden nach der Sommerpause mit der Arbeit beginnen. Vor fünf Jahren waren es 17. Am härtesten getroffen vom Wählervotum ist die Kultur: So müssen im 15-köpfigen Kulturausschuss gleich fünf Expertenstühle ersetzt werden. „Das ist eindeutig eine Schwächung“, sagt Kulturbürgermeister Ulrich von Kirchbach.

Erst mal die Luft raus: Auf dem politischen Spielfeld müssen sich die Kulturverantwortlichen nach der Wahl neu zusammenfinden.

 

Ellen Breckwoldt wollte selber nicht mehr, ihr CDU-Parteikollege Daniel Sander wurde ebenso stark überraschend nicht wiedergewählt wie der Sozialdemokrat Hans Eßmann (SPD). Dazu fehlt mit Tilo Buchholz (Grüne) ein Kenner der Pop- und Rockszene und mit Michael Wiedemann (Kultliste) der Kinomacher aus Freiburg. Für Wiedemann zieht mit Brigitte von Savigny zwar kultureller Sachverstand wieder ein – trefflicherweise hat Kult nun mit Atai Keller einen Experten der darstellenden Kunst und mit von Savigny eine der bildenden Kunst. Wie aber die anderen Fraktionen die vakanten Stellen neu besetzen wollen, steht noch in den Sternen.

 

So wird für von Kirchbach das politische Tagesgeschäft sicher erst einmal schwerer. Denn vor allem mit Breckwoldt, Sander und Eßmann konnte er auch mal außerhalb des Protokolls Dinge anschieben, die die Verwaltung selber nicht oder nur schwer anschieben kann, Mehrheiten für Projekte auf den Weg bringen, die ein vertrauliches Miteinander – und auch eine profunde Einsicht in die Freiburger Kulturszene brauchen. „Du kannst dir nicht von heute auf morgen das kulturpolitische Knowhow aneignen, das es aber braucht, um gute Kulturpolitik zu machen. Das geht ja nicht einmal in fünf Jahren“, sagt Keller.

 

Für die Kultur sei die Wahl „ein schwerer Rückschlag“ gewesen. Denn wichtige Mitstreiter, die etwa an der Sanierung des E-Werks, an der Installation der neuen Kunstkommission oder auch am neuen Theaterhaus an der Haslacher Straße mitgezogen hatten, seien nun nicht mehr da.

 

Es sei die Frage, wie man das überhaupt kompensieren könne. Die Kulturliste fühle sich nun mehr denn je in der Verantwortung. Mit nur zwei Stimmen ist die Wirkungsmacht aber stark begrenzt. Kult muss sich in einer Fraktionsgemeinschaft organisieren, um mehr Gewicht zu bekommen und auch in die Ausschüsse zu kommen.

 

SPD-Stimmenkönig Walter Krögner weiß, dass es eine große Aufgabe ist, die Position von Eßmann zu ersetzen. „Wir haben einen sehr Sachverständigen verloren, es wird ein ganz wichtiges Thema sein, wie wir diese Lücke schließen können.“ Das würden die Genossen „sicher nicht im Vorbeigehen“ lösen können.

 

CDU-Fraktionschef Wendelin von Kageneck geht derweil davon aus, dass „wir auch nach der Ära Daniel Sander in der Kultur gut aufgestellt sind“. Die Christdemokraten würden jemanden benennen, der „Empathie für Kultur“ hat. Nach den Pfingstferien werde man beraten, wer künftig welche Felder beackern soll. Man darf gespannt sein. Tilo Buchholz glaubt, dass die Grünen mit Maria Viethen, Timothy Simms, Maria Hehn und Pia Federer kulturpolitisch „immer noch gut aufgestellt“ sind. Zudem wird er – als erster Nachrücker – im Umkreis der Fraktion bleiben und auch für Fragen zur Verfügung stehen. Auch von Kirchbach habe schon angefragt, ob er weiter ansprechbar sei.

 

Ob auf der anderen Seite mit den neu eingezogenen Listen (Freiburg Lebenswert, Junges Freiburg, Für Freiburg und Die Partei, die zusammen sieben Sitze haben) neuer kultureller Sachverstand ins Gremium einzieht, vermag der Kulturdezernent nicht zu beurteilen. Eins ist aber klar: Kulturpoltische Sprecher, Verfechter der Kulturstadt Freiburg, brauchen innerhalb der Fraktion und auch bei den Kollegen anderer Fraktionen ein gewisses Standing. Für die neuen Kulturköpfe wird es auch darum gehen, sich dieses zu erarbeiten.

 

Text: Lars Bargmann / Foto: fotolia.com