Es ist wohl die Nähe zum Nachbarn jenseits des Rheins: In keinem anderen Bundesland gibt es so viele Boule-Lizenzspieler wie in Baden-Württemberg. 3800 von bundesweit rund 15.000 schieben im Ländle die Kugel. In Freiburg sind es rund 250, die im Verein ihrer Leidenschaft nachgehen, 100 mit der „licence to boule“. Einer unter ihnen ist Niclas Zimmer, 21, mehrfacher Deutscher Jugendmeister, mehrfacher Deutscher Meister bei den Männern, Dritter bei der EM 2011. Viele andere aber treibt mehr der spielerische als der sportliche Ehrgeiz.

Gesellige Stimmung beim Boule am Kommunalen Kino

 

„Klack klack“ ist der Soundtrack des Sommers am Alten Wiehrebahnhof. Der gewalzte Boden hat die Wärme des Tages gespeichert. Feine Steinchen auf dem Bouleplatz knirschen beim Auftreten. Im Schatten der Platanen steht ein älterer Franzose. Pétanque-Spielen ist für ihn zum Vater-Sohn-Ritual geworden. Wenn er seinen Jungen in Freiburg besucht, hat er seine Kugeln immer im Gepäck. „Bei meinem ersten Aufenthalt war ich positiv überrascht, dass mein Lieblingssport auch bis hierher verbreitet und so beliebt ist“, sagt der Mann aus Marseille.

Rund ums Kommunale Kino herrscht eine gesellige Stimmung mit einem Hauch Savoir Vivre, über die Jahre haben sich hier auch ein paar gebürtige Franzosen sehr gut eingelebt. Die meisten sind Schönwetterspieler. Mit einer Kopfbewegung deutet der Franzose in Richtung neuer Wiehrebahnhof, wo sozusagen das Boule-Hauptquartier der Freiburger Turnerschaft von 1844 ist: „Dort wird weniger traditionell und nicht so locker wie hier bei uns gespielt.“ Tatsächlich steht ein paar Kugelwürfe weiter südlich das Sportliche im Vordergrund. Hier wird für Landes-, Bundes- und sogar Weltmeisterschaften trainiert.

Die Hoffnungen ruhen dabei auf der jungen Generation. Heutzutage seien die Deutschen nicht mehr so weit entfernt vom Niveau der Nachbarn aus Frankreich – findet zumindest Raphael Henkes, der Trainer von 1844 Freiburg. Einer seiner Spieler ist der dreifache deutsche Jugendmeister Niclas Zimmer. Der 21-Jährige hat auch bei den Erwachsenen in der Disziplin „Tireur“ (Präzisionsschießen) schon Titel gesammelt und war 2011 gar Dritter bei der Europameisterschaft.

Die FT ist mit 55 Mitgliedern der zweitgrößte Bouleverein in Freiburg. Jeden Montag um 17.30 Uhr trainiert das Team, es herrschen Konzentration und Beharrlichkeit. Der Platz ist so lang und breit wie ein olympisches Schwimmbecken, elf Spieler stehen stirnrunzelnd aneinandergereiht. Trainer Henkes hat eine schwierige Aufgabe gestellt, es geht um den Aufschlagpunkt, oder auf Französisch: la Donnée.

Niclas Zimmer treibt der sportlichen Ehrgeiz.

 

Selbst Titelträger Zimmer findet das anspruchsvoll. „Man muss sein Donnée mit einer Kugel präzise treffen, dann durch die von Raphael aufgestellten Wasserflaschen durchkommen und an die Sau heranbringen“, erklärt der 21-Jährige, der bei der Wahl zum Freiburger Sportler des Jahres im Frühjahr auf Platz zwei landete.

Bei ihm funktioniert der kräftige Schuss im hohen Bogen recht gut. In Baden-Württemberg können nur wenige mit ihm mithalten. Einer seiner größten Konkurrenten ist zugleich seit fast zwölf Jahren ein guter Kumpel: Frank Maurer aus Rheinhausen löste 2013 Zimmer als Deutschen Tireur-Meister ab. Er spielt beim Verein Boule-Connection Lahr-Ettenheim.

In allen Freiburger Vereinen, in denen es heute eine Boule-Abteilung gibt – FT 1844, SV Blau-Weiss Wiehre, Alemannia Zähringen, SG Sportbund Sonnland –, wurde diese übrigens von ehemaligen Spielern des ältesten und größten Boule-Vereins vor Ort gegründet: dem Badischen Pétanque-Verein (BPV). Der ausschließlich dem Spiel mit den Kugeln verschriebene Club zählt derzeit 90 Mitglieder.

Der Anteil der Frauen liegt zwar nur bei rund 20 Prozent, an der Spitze steht Erika Passon. Die Vorsitzende war dabei, als der Sport in die Breisgau-Metropole kam: „Mit der französischen Militärpräsenz in der Folge des Zweiten Weltkrieges reisten im Gepäck der französischen Soldaten auch Boulekugeln nach Freiburg.“

Die Franzosen bauten einen großen Bouleplatz neben dem Kommandozentrum am Freiburger Flugplatz, dort, wo heute die Messe steht. Der Bouleclub des Militärs hieß Boule Joyeuse (BJ). Erst später durften auf diesem Platz auch Deutsche mitspielen. Ein Teil dieser Spieler gründete 1976 den BPV, in den der Club BJ integriert wurde. Als Ende der 90er mit dem Bau der Neuen Messe begonnen wurde, wichen die Kugelwerfer in die Wiehre aus, wie Passon weiß: „BPV und Boule Joyeuse waren zwei Jahre lang ohne festen Platz und spielten in dieser Zeit hauptsächlich am Alten Wiehrebahnhof.“ BJ löste sich 1999 schließlich auf, als der BPV ins neu gebaute „Boulodrome“ am Seepark umzog. Gespielt wird heute aber auch im Ganter-Biergarten, bei Alemannia Zähringen in der Hinterkirchstraße oder auf dem FKK-Platz des Sportbunds Sonnland unweit der Gaskugel am Zubringer Mitte.

Das Boule-Hauptquartier der Freiburger Turnerschaft von 1844 am Neuen Wiehrebahnhof.

 

Vom Savoir Vivre ist beim ernsten Training nicht mehr viel zu spüren: Rentner mit einem Glas Pastis im Schatten eines Laubbaumes sucht man hier vergebens. Aber wer den Franzosen, bei denen fast 400.000 Spieler in Vereinen registriert sind, sportlich gleichkommen will, muss hart trainieren. „Die Franzosen haben Pétanque ja mit der Muttermilch aufgesaugt“, erzählt Henkes mit einem Lachen.

Er setzt seine Hoffnung auf den Nachwuchs: „Meine Generation 60 plus ist noch deutlich schlechter als unsere Nachbarn. Die Jungen dagegen, die jetzt um die 20 sind, das sind die ersten, die mit den Franzosen mithalten können. Sie sind noch nicht besser, aber auf jeden Fall können sie mithalten.“

Vor zwanzig Jahren habe die Generation von schon ganz ordentlichen Spielern langsam angefangen, ihre Kinder bereits im Säuglingsalter auf den Bouleplatz mitzubringen. Inzwischen sind die Kleinen von damals richtig gut geworden. „So hat sich das deutsche Spiel rasch professionalisiert. Die Kluft zwischen Deutschland und Frankreich ist enger geworden“, findet Henkes. „Pointer“ statt „tirer“ (legen statt schießen), dieser Refrain gehöre der Vergangenheit an. Heute werde nicht nur defensiv, sondern auch richtig offensiv wie in Frankreich gespielt.

Zum besseren Spielverständnis hat auch ein besseres Sprachverständnis beigetragen: Die Beherrschung der französischen Fachwörter hat eine wichtige Rolle gespielt, um das subtile Wurf- und Geschicklichkeitsspiel der Nachbarn zu enthüllen. Auf dem Platz am Neuen Wiehrebahnhof spricht man deutsch-französisches Kauderwelsch. Beim Training übertönen Wörter wie Triplette (Dreiermannschaft), tête-à-tête (Spiel zwischen zwei Einzelspielern) oder cochonnet (das Schweinchen) oft die dröhnend-synthetische Stimme der Lautsprecher der Deutschen Bahn, die vom Bahnsteig in Richtung Bouleplatz tönen. Aber der Sound, den sie alle am liebsten hören, lässt sich nicht übersetzen: „Klack klack“.

Text & Fotos: Anais Lauvergeon