Bekommt Freiburg einen Stadtkümmerer oder nicht? Noch wird heiß diskutiert. Doch die business-im-Breisgau-Autorinnen Sofia Conraths und Tanja Bruckert warten das Ende nicht ab und ernennen sich kurzerhand selbst zu Stadtkümmerern. Ein Tag im Kampf gegen gelbe Säcke, beklebte Mülleimer und stinkende Pinkelgassen.

Mit Händlern reden, Aufkleber abkratzen, üble Grüche bekämpfen: Braucht Freiburg einen Stadtkümmerer?

 

Der Friseur will’s nicht gewesen sein, das Reisebüro ebenso wenig und auch beim Bäcker heißt es: Fehlanzeige. Gar nicht so einfach, den Besitzer des gelben Sackes zu finden, der am Dienstagvormittag in der Bertoldstraße an einem Baum lehnt. „Das geht so nicht“, findet Sandra Gintaut-Lutz, Inhaberin der Boutique „Jump“ und Vorsitzende der Einzelhändlerinitiative WIR. „Die Säcke werden erst Mittwochmorgen abgeholt, stehen aber schon den ganzen Dienstag rum.“ Die Freiburger Abfallwirtschaftssatzung gibt ihr Recht: Die Säcke dürfen erst am Abholtag ab 6 Uhr morgens auf die Straße.

 

Einige Nachfragen später kann die Herkunft des Sackes doch noch geklärt werden: Die Mitarbeiterin einer anderen Boutique erkennt ihn wieder und erklärt sich sofort bereit, den Sack bis zum Abend in einer Abstellkammer zu verstauen.

 

Ein kleiner Erfolg angesichts des Berges von gelben Säcken, der sich vor dem L’tur-Reisebüro auf der Kaiser-Joseph-Straße auftürmt. Reisebüromitarbeiterin Simone Hitz weiß, dass es hier jeden zweiten Dienstag so aussieht: „Wir haben uns schon daran gewöhnt, dass wir den ganzen Tag auf diesen Müllberg schauen.“

 

Die Schuldigen seien im benachbarten Ärztehaus zu finden, und tatsächlich gibt eine Arzthelferin im zweiten Stock an, dass einige der Müllbeutel aus ihrer Praxis stammen. Die Säcke erst am Abend rauszustellen, käme nicht in Frage: Dann sei nur noch eine einzige Arzthelferin da, die nicht gleichzeitig ihre Aufgaben erledigen und den Müll rausbringen könne. Zu einem kleinen Kompromiss ist die Mitarbeiterin aber bereit: Sie verspricht, ab jetzt den Müll mittags statt morgens rauszustellen. Was wohl die Abfallwirtschaftssatzung jetzt sagen würde, wenn sie sprechen könnte?

 

Mit Händlern reden, Aufkleber abkratzen, üble Grüche bekämpfen: Braucht Freiburg einen Stadtkümmerer?

 

Ein Argument dafür, die Säcke nicht stunden- oder gar tagelang auf der Straße stehen zu lassen, ist das Stadtbild. Ein anderes kennt Andreas Lotz, Schädlingsbekämpfer unter anderem für das Garten- und Tiefbauamt. „Die gelben Säcke locken Ratten an“, so Lotz, „die merken sich, wo die Nahrungsquelle ist und kommen immer wieder.“

 

So habe die Zahl der Ratten in der Innenstadt in den vergangenen Jahren stetig zugenommen. „Schauen Sie sich nur mal an, was sonntagmorgens in der Innenstadt an Essensresten von McDonalds und Co. herumliegt – das sorgt dafür, dass die Ratten immer näher an uns heranrücken.“

 

Sind die selbsternannten Stadtkümmerer zur falschen Zeit unterwegs? Denn obwohl die Nummer des Scherbentelefons der ASF (siehe Infobox) parat ist: überquellende Mülleimer oder verdreckte Ecken sind nicht zu entdecken. Und für die eine liegengebliebene Brötchentüte oder die leere Bierflasche braucht man die Saubermänner nicht zu rufen.

 

Dafür verweist Rolf Bauer vom Eisenwarenladen Luitpold Bauer am Schwabentor auf ein anderes Problem: Selbst wenn die Mülleimer nicht überquellen, sehen sie nicht gerade schön aus. Von den Malereien, mit denen Jugendliche vor vier Jahren die Eimer verschönert haben, ist kaum noch etwas zu sehen: Ein Werbeaufkleber neben dem anderen verunziert die Behälter. Und mit den Mülleimern allein ist es nicht getan: kaum eine Regenrinne oder eine Säule in der Innenstadt, auf der keine – großteils vergammelten und vergilbten – Aufkleber haften. Bauer leiht einen Spatel aus und schon geht’s ans Kratzen. „Mit einem Heißluftföhn würde es besser gehen“, rät ein Passant. Da gerade keiner zur Hand ist, zieht sich die Mülleimer-Säuberungsaktion: Ein Behälter, fünfzehn Minuten – bei rund 90 städtischen Mülleimern in der Innenstadt wäre ein Stadtkümmerer 22,5 Stunden allein mit Aufkleber-Abkratzen beschäftigt. Wie funktioniert das in anderen Städten?

 

Mal besser, mal schlechter, wie Beispiele aus Neu-Isenburg und Mölln zeigen. In der hessischen Hugenottenstadt Neu-Isenburg suchen zwölf ehrenamtliche Stadtkümmerer jede Woche nach Missständen im Stadtbild. Einer von ihnen ist Lothar Holm. Seit Beginn des Stadtkümmererprojekts im Sommer 2008 nimmt sich Holm anderthalb Stunden pro Woche, an denen er den ihm zugeteilten Stadtbereich in Neu-Isenburg abläuft. Auf seinem Weg fotografiert er alles, was ihm unangenehm auffällt: abgerissene Papierkörbe, volle Glascontainer und wilden Müll genauso wie kaputte Verkehrszeichen oder defekte Straßenbeleuchtungen.

 

Die Bilder schickt Holm an Luis Iglesias, seinen Ansprechpartner beim städtischen Dienstleistungsbetrieb (DLB). Der leitet dann die Reinigung, Reparatur oder Räumung in die Wege. „Einmal lagen ein Sofa und ein Sessel im Flussbett“, erzählt Holm, „das habe ich fotografiert und an den DLB geschickt.“ Vier Stunden später transportierte ein LKW beide Möbelstücke ab.

 

„90 Prozent der Aufträge gehen fix“, sagt der 66-Jährige. „Es dauert nur länger, wenn man Ersatzteile braucht.“ Doch selbst Hand anlegen und Aufkleber von Mülleimern abknibbeln – dafür ist er nicht zuständig: „Die Missstände sind ja oft Dinge, die ich gar nicht beheben kann und wofür ich auch nicht befugt bin.“ Er ist daher auf eine gute Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung angewiesen.

 

Was passiert, wenn es bei dieser Zusammenarbeit hakt, zeigt das Beispiel der Eulenspiegelstadt Mölln in Schleswig-Holstein. Ende 2013 musste hier die Stadtkümmerer-Initiative nach drei Jahren wieder beendet werden. Schuld waren, so der ehemalige Stadtkümmerer Gaston Pruesmann, persönliche Empfindsamkeiten. Ein paar der ehrenamtlichen Arbeiter fühlten sich nicht genug beachtet und klagten über mangelnde Unterstützung seitens der Bürger und der Stadt.

 

Dabei hätten die Kümmerer einiges umgesetzt: sie führten Sauberkeitsstatistiken, die an die Stadtverwaltung übergeben wurden, veranlassten neue Fahrradständer am Kurpark, erreichten die Verlegung von Bushaltestellen und die Einstellung von weiteren Stadtreinigern.

 

Und was hält Pruesmann von der WIR-Initiative in Freiburg? Wenig. „Haben diese Einzelhändler denn selber schon mal einen Besen in die Hand genommen?“, echauffiert er sich. „Man sollte erst mal vor der eigenen Haustür kehren, anstatt sich sofort zu beschweren.“ Dabei sieht er jedoch nicht nur die Händler in der Pflicht, sondern auch die Passanten, die den Dreck erst produzieren. Sein Fazit: „Wir sollten alle mal anpacken.“

 

Gesagt, getan. Vom Schwabentor geht es in die Grünwälderstraße. In dem Durchgang neben dem Sportgeschäft „Sportarena“, das mit seinen zerbrochenen Schaufensterscheiben und den Graffiti derzeit ohnehin keinen guten Eindruck macht, schlägt dem Fußgänger zudem noch ein unüberriechbarer Pinkelgeruch entgegen.

 

Der Drogeriemarkt um die Ecke bietet die Lösung: Duftneutralisierer aus der Dose. Großflächig aufgesprüht, und schon liegt statt Pinkelgestank der künstliche Geruch von Blumen in der Luft. Für den Langzeiteffekt schnell noch ein „Cool Lemon“-Pumpspray an die Wand geklebt, das Passanten im Vorbeigehen betätigen können. Laut Verpackung reicht es für rund 150-mal Limone statt Pipi.

 

Mit Händlern reden, Aufkleber abkratzen, üble Grüche bekämpfen: Braucht Freiburg einen Stadtkümmerer?

 

Text & Fotos: Tanja Bruckert & Sofia Conraths

 

 

Info:

 

Scherbentelefon 0761/76707-710
Verschmutzte Straßen, wilder Müll oder Scherben auf Radwegen – ein spezielles Reinigungsteam der ASF kümmert sich nach Anruf.
Schrotträder0761/201-6139 (vormittags)
Um Räder, die eindeutig Müll sind (ein platter Reifen reicht da nicht aus), kümmert sich das Umweltschutzamt. Gemeldet werden können sie mit Ortsangabe und Beschreibung des Rades unter oben genannter Rufnummer.