Überraschende Option – im Hettlinger nur Trainingsplätze

Der Bundesligist SC Freiburg wird eine neue Arena bekommen. Die Tage des Dreisamstadions an der Schwarzwaldstraße sind nach einer 98.000 Euro teuren Studie der Ernst & Young Real Estate GmbH gezählt. Ein Umbau würde sich nicht nur nicht lohnen, er würde dem SC sogar im besten Fall ein jährliches Minus von 2,8, im schlechtesten von 6,1 Millionen Euro bescheren. Deswegen muss jetzt ein neuer Standort her. Bisher kursieren drei Flächen: die Kleingartenanlage Hettlinger, die Hirschmatten am Zubringer Mitte und – nach einem interfraktionellen Antrag von Grünen, SPD, Unabhängigen Listen und Freien Wählern – auch der Flugplatz.

Obwohl Oberbürgermeister Dieter Salomon (Grüne) diesen Standort scheut wie der Teufel das Weihwasser, weil es dort 1995 einen Bürgerentscheid für den Erhalt des Flugbetriebs gab: „Die Platte ist heiß, ich kann keinem raten, die anzufassen.“ Nach chilli-Informationen aber wird im Dezernat von Baubürgermeister Martin Haag hinter verschlossenen Türen noch eine ganz andere Lösung geprüft, die bisher nur einem sehr kleinen Kreis bekannt ist – und eine eigene Idee des Dezernenten sein soll. Der gab sich im Gespräch mit dem chilli wortkarg, wollte die Information aber auch nicht dementieren. Demnach könnte die neue Arena auf dem Messplatz gebaut werden – und nur die Trainingsplätze kommen nebenan auf die Hettlinger-Anlage – eine Schmetterlingslösung. Mit der wäre auch das Kernproblem gelöst, dass die Fläche auf dem Hettlinger für Stadion und Trainingsplätze zu klein ist und somit die Vermarktung der Fläche an der Schwarzwaldstraße für den Wohnungsbau ins Abseits gestellt würde.

Könnten Nachbarn werden: Wenn das Stadion neben die Messe gebaut wird, müssen neue Parkplätze und bessere Verkehrswege gebaut werden.

 

 

In der Drucksache G-12/254, die dem Gemeinderat am 11. Dezember zur Kenntnis vorgelegt wurde, spielen mögliche Standorte für einen Stadion-Neubau noch keine Rolle. Doch genau um die geht es jetzt. Und zwar nicht mit Langmut, denn nicht nur SC-Schatzmeister Heinrich Breit würde gerne von den derzeit niedrigen Zinsen für die Millionen-Investition profitieren. Da die Eigentumsverhältnisse bei der Kombilösung Messeplatz/Hettlinger lang nicht so kompliziert sind wie auf den Hirschmatten, und da es bei der Flugplatz-Lösung wohl nur ein Entweder-Oder gibt (wenn Stadion, dann keine Landebahn), was einer schnellen Lösung sicher abträglich wäre, hat die neue Idee einigen Charme.

Die neue Arena läge zwischen Emmy-Noether-Straße und Messerestaurant und wäre städtebaulich markant schon von der Kaiserstuhlbrücke aus zu sehen. Auf einem Teil der Fläche steht in diesen Tagen der Weihnachtscircus Circolo, hier spielte auch Herbert Grönemeyer seine Open-Airs in Freiburg. Die trennende Straße, die dann zwischen Stadion und Trainingsgelände liegen würde, könnte gekappt werden. In der Planung sind offenbar auch zwei Türme am Stadion, die zusätzliche Nutzungen erlauben würden – unter anderem ein neues Hotel, Büroflächen, vielleicht Handel, aber auch Räume für die Verwaltung vom Sportclub und der Freiburg, Wirtschaft, Touristik und Messe GmbH (FWTM). Im geltenden Bebauungsplan 2-073.2 ist die Fläche – auf der früher das Lufthansa-Gebäude stand – als Sondergebiet ausgewiesen, der Bau einer neuen Arena samt fußballfremden Nutzungen von daher kein Problem. Teile des Stadiongrundstücks in spe hatte vor drei Jahren der Architekt Wolfgang Frey gekauft und wollte dort schon im Frühjahr 2010 mit seinem Büro einziehen. Doch die Pläne der FWTM, das Rotteckhaus freizumachen und an die Messe zu ziehen, verzögerten die Sache. Dem Vernehmen nach will die FWTM – womöglich mit ihrer Tochter Freiburg Wirtschaftsimmobilien GmbH – das Grundstück nun von Frey zurückkaufen. Oder mit einer Fläche auf dem Güterbahnhof tauschen.

Es gibt aber auch hier mindestens zwei Kardinalprobleme: Zwar bietet der Messeparkplatz rund 3000 Stellplätze, die baurechtlich teilweise sogar wohl in Anspruch genommen werden könnten, weil die Messe mehr gebaut hat, als sie rechtlich gemusst hätte. Faktisch aber werden 3000 bei voller Rothaus-Arena oder Baden-Messe bei gleichzeitigem SC-Heimspiel nicht reichen. Selbst bei 4000 würde – wie in Strafräumen stark defensiv ausgerichteter Mannschaften – sehr dichtes Gedränge herrschen.

Neben der Neu-Organisation des ruhenden ist die zweite knifflige Aufgabe der fließende Verkehr. „Mit der heutigen Situation wären die Messe und ein Stadion in direkter Nachbarschaft kaum kollisionsfrei möglich“, sagt Messechef Klaus Seilnacht im chilli-Interview (Seite 18) – ohne, dass er da schon wusste, wie direkt diese Nachbarschaft sein könnte. Seilnacht befürchtet Besucher- und damit auch Umsatzrückgänge, weil an Heimspieltagen das Messepublikum wegen der drohenden Staus fernbleiben könnte.

Flächentrio: Bisher waren die Kleingartenanlage Hettlinger …

 

Ein Plus bei der Schmetterlingslösung hingegen: Der Gipserbetrieb Emter und eine Halle des Müllentsorgers Remondis könnten auf dem Hettlinger stehen bleiben, weil die Trainingsplätze weniger Raum brauchen. Zu den Fans dieser Lösung wird sicher auch CDU-Stadtrat Udo Harter zählen, weil dann der Flugplatz gesichert wäre, von dem er sich mit seiner gleichnamigen Flugschule nur auf dem Klageweg verabschieden würde. Aus dem Fraktionen ist mit einer massiven Verteidigungshaltung nicht zu rechnen. An der Messe hält in drei Jahren die Tram, die Breisgau-S-Bahn ist schon da, für Radler ist sie leicht erreichbar. Anwohner gibt es nur im Süden, in der nördlichen Neunlinden- und Kaiserstuhlstraße. Gut 200 Meter entfernt.

… der Flugplatz mit der Flugschule Harter und …

 

Die Stadiondebatte beschäftigt Stadt, SC und Fans schon seit Herbst 2010. Vier Studien sind seither gefertigt worden. Erst hatte das Euskirchener Institut für Sportstättenberatung (IFS) eine Machbarkeitsstudie vorgelegt, dann Albert Speer + Partner (AS+P) eine Standortanalyse mit 24 Flächen. Im Oktober 2011 präsentierten Rathaus und Rasensportler die beiden favorisierten Standorte Hirschmatten und Hettlinger – grüne Wiese mit Sendemast oder Kleingartensiedlung mit Gleisanschluss. Natürlich regte sich hüben wie drüben Spontankritik. Die Kleingärtner kündigten eine Sammelklage an („Die können ja nicht einfach einen Verein gegen einen anderen austauschen, die nehmen mir keinen Garten mehr, sonst starte ich einen Musterprozess“, so der Gartenfreunde-Freiburg-Vorsitzende Hans Siegel). Der BürgerInnenverein Rieselfeld kündigte Widerstand an, weil er befürchtet, dass die Fans mit der Tram bis zur Endhaltestelle Bollerstaudenstraße fahren, lärmend zum Stadion abziehen und je nachdem wütend oder euphorisiert dort auch wieder ankommen.

… die Hirschmatten am Zubringer in Lehen im Topf. Und bei allen gab es natürlich vielstimmige Kritik von amtierenden Nutzern oder Naturschützern.

 

 

Zunächst präferierte die Politik, ganz anders als die SC-Chefetage, jedoch einen weiteren Ausbau. Als die Rathausspitze und der SC-Vorstand Journalisten im Februar berichteten, dass einer Freyler-Studie zufolge ein Umbau (mit dann 25.000 Plätzen und sechs Logen) 53 Millionen Euro kosten und elfeinhalb Jahre (Salomon: „Eine unterirdische Bauzeit“) dauern würde, trug das nicht zur Versachlichung bei. Nun kam Ernst & Young, bestätigte die Freyler-Kosten, rechnete aber mit einer viel kürzeren Bauzeit. Am Ende aber kickt diese Studie das Dreisamstadion vom Spielfeld.

Was die Kicker mit ihrem Präsidenten Fritz Keller immer noch nicht gemacht haben: ein Modell für eine Finanzierung des je nach Größe bis zu 70 Millionen Euro teuren Stadions vorzulegen. Das hatte Keller nach der Vorstellung der AS+P-Studie Ende September nur angekündigt. Aber: Es macht für einen Finanzierungsplan einen enormen Unterschied, ob ein reines Stadion oder eines mit Hotel oder anderen Flächen kalkuliert werden muss. Dass sich neue Stadien positiv aufs Ergebnis auswirken, ist an vielen Standorten (Aachen mal ausgenommen) zu sehen. So hat der FSV Mainz 05 nach dem Bau der Coface-Arena unlängst das beste Betriebsergebnis der Vereinsgeschichte präsentiert – und dabei spielten die Einnahmen aus Logen und VIP-Hospitality für den 7,5 Millionen Euro schweren Überschuss die Hauptrollen. Bei den Business Seats stiegen die Einnahmen um rund 270 Prozent (4,33 Millionen statt 1,6 im Vorjahr), bei den Logen sogar um 520 Prozent (2,91 Millionen statt 0,56). Die Erlöse aus dem Stadion machen beim SC etwa ein Viertel des 35-Millionen-Euro-Etats aus.

Wie intensiv die öffentliche Hand beim Arena-Bau mitspielen wird, ist unklar. Ministerpräsident Winfried Kretschmann reagierte beim Derby gegen „seine“ Stuttgarter zurückhaltend, und auch aus dem Freiburger Rathaus war bisher nicht zu hören, dass im nächsten Doppelhaushalt Geld für einen Stadionbau eingestellt wird. Das Rathaus könnte – gelänge der Coup an Messeplatz/Hettlinger – die Flächen einbringen. „Der SC muss ein schlüssiges Finanzierungskonzept vorlegen. Grundsätzlich ist der Neubau eines Stadions für einen Profi-Verein nicht Aufgabe der Kommune“, sagen die Fraktionschefs der Unabhängigen Listen, Michael Moos und Atai Keller. Allerdings könne die Stadt den SC mit einer Bürgschaft und der verkehrliche Erschließung unterstützen. Die Grüne Alternative Freiburg fordert gar einen Bürgerentscheid für den Bau eines neuen Stadions. Die Rathausspitze soll dem Gemeinderat in den nächsten Monaten einen Standort für einen Grundsatzbeschluss vorlegen. Womöglich wird dies der Schmetterlingsstandort – und nicht die bisher diskutierten sein.

Text: Lars Bargmann / Fotos: chilli