Die Freiburger Slavistin Elisabeth Cheauré hat kürzlich den Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg erhalten. Schon in einer Zeit, in der Gender-Fragen kaum eine Rolle gespielt haben, hat sich Cheauré als Frauenbeauftragte an der Universität Freiburg für die Gleichberechtigung eingesetzt. Mittlerweile wirkt sie weit über die Uni hinaus – etwa als Mitglied des Fachbeirats Gender Mainstreaming der Landesregierung und als Trainerin für Gleichstellungsbeauftragte. Mit chilli-Autorin Tanja Bruckert hat sie sich über die neuen Prorektorinnen, die Umbenennung des Studierendenwerks oder die Vorreiterrolle der Freiburger Uni unterhalten.

 

chilli: Frau Cheauré, sie haben die höchste Ehre erhalten, die das Land zu vergeben hat. Als Sie 1992 als Frauenbeauftragte an der Philosophischen Fakultät angefangen haben, hätte Sie damals gedacht, dass Ihre Arbeit einmal solch eine Wertschätzung erfährt?

 

Cheauré: Überhaupt nicht, denn der Anfang war sehr hart. Ich war die erste Frauenbeauftragte an meiner Fakultät und da war das Klima sehr feindselig. Es wurde diskutiert, ob ich an Fakultätsratsitzungen teilnehmen darf und wann ich vor die Türe gehen muss. Dinge, die heute unvorstellbar sind. Da ist viel erreicht worden – auch an Überzeugung, dass man geistige Ressourcen verschleudert, wenn man Frauen nicht einbezieht.

 

chilli: Erst vier Jahre zuvor hatte die Uni das Amt der Frauenbeauftragten als erste Hochschule in Baden-Württemberg überhaupt eingeführt. Welche Themen standen denn in den Anfangszeiten auf der Agenda?

 

Cheauré: Als ich damals als junge Professorin mit drei Kindern nach Freiburg kam, war das jüngste knapp drei Jahre alt – und in ganz Freiburg gab es keinen Kindergartenplatz. Auf meine Anfragen an der Uni bekam ich die Antwort, dass die Kinderversorgung eine Privatangelegenheit sei. Der Ausbau der Uni-Kita war daher sicherlich ein wichtiger Schritt – ich möchte die Gleichstellung jedoch nicht auf die Kinderfrage reduzieren. Ich habe zusammen mit vielen anderen Engagierten auch erreicht, dass Genderfragen in der Wissenschaft für viele selbstverständlich geworden sind, dass mehr Berufungen stattfinden und dass der Frauenanteil heute wesentlich höher ist.

 

Winfried Kretschmann und Elisabeth Cheauré. Bild: Staatsministerium Baden-Württemberg

Winfried Kretschmann und Elisabeth Cheauré. Bild: Staatsministerium Baden-Württemberg

 

chilli: Im Leitfaden zu Berufungsverfahren an der Uni ist festgelegt, dass eine Fakultät 5.000 Euro erhält, wenn sie für eine Berufungskommission eine Frau vorschlägt oder wenn sie zu Bewerbungsvorträgen 50 Prozent Frauen einlädt. Finden Sie es ein probates Mittel, da mit Geld zu arbeiten?

 

Cheauré: Ich bin da gespalten, weil die Verbindung von Frau und Geld eine jahrtausendelange Tradition hat, die in mancher Hinsicht auch belastet ist. Doch wir leben in einer Gesellschaft, in der Wertigkeiten leider vor allem in Geld bemessen werden. Dafür sind 5.000 Euro dann wiederum zu wenig.

 

chilli: Hat man als Frau nicht das Ziel, es aufgrund der eigenen Leistung zu schaffen, und nicht, weil die Fakultät für die Berufung 5.000 Euro bekommt?

 

Cheauré: Keine Fakultät wird jemals wegen des Geldes eine Frau berufen. Und nach meiner langjährigen Erfahrung im Senat reicht es immer noch nicht, wenn Frauen genauso gut sind wie die Männer – sie müssen besser sein, um berufen zu werden. Ich finde, die Prämie ist ein gutes Signal, um deutlich zu machen, dass es der Uni sehr wichtig ist, ihre Professuren mit Frauen zu besetzen.

 

chilli: Würden Sie sagen, dass die Uni Freiburg in Sachen Gleichberechtigung immer noch Vorreiter ist?

 

Cheauré: Nein, das würde ich nicht sagen. Vorreiter waren wir Ende der Neunziger Jahre: Da haben wir durch die Gründung eines Zentrums für Anthropologie und Gender Studies und die gebetsmühlenartig wiederholten Forderungen nach Integration von Genderfragen viel im Bewusstsein verändert. Doch mittlerweile haben andere Universitäten aufgeholt, zum Glück für die Wissenschaft und die Gesellschaft.

 

chilli: Als Sie sich 2008 für das Amt des Uni-Rektors beworben haben, haben Sie nach der Wahlniederlage an den Wissenschaftsminister geschrieben, weil Sie sich als Frau benachteiligt fühlten. Mittlerweile hat Freiburg zwar immer noch keinen weibliche Rektoratsspitze, aber bald zwei weibliche Prorektorinnen. Ist das ein Zeichen, dass sich an der Uni etwas geändert hat?

 

Cheauré: Der Ausgangspunkt war, dass der damalige Vorsitzende des Unirats, Horst Weitzmann, öffentlich erklärt hatte, diese Uni sei noch nicht reif für eine Frau. Das war in vieler Hinsicht unangemessen und hat mit Recht große Wellen geschlagen. Dass es nun zwei Prorektorinnen gibt  – und es ist ja noch eine weitere Stelle offen, wo es die Chance gibt, eine Frau zu berufen – ist ein Signal, dass sich zweifelsohne etwas tut. Schließlich gab es das in der ganzen Geschichte der Uni noch nicht.

 

chilli: Eine Berliner Professorin ist kürzlich in die Schlagzeilen geraten, weil sie Vorschläge für eine geschlechtsneutrale Sprache gemacht hat, nach der sich der Professor etwa Professx nennen müsste. Viele finden das ja überzogen…

 

Cheauré: Das ist ein schwieriges Thema. Ich bin der Überzeugung, dass Sprache Bewusstsein prägt. Wenn ich konsequent ein Geschlecht nicht benenne, oder immer nur bei sozial weniger angesehenen Berufen die weibliche Form nenne, wie etwa bei der Bezeichnung Putzfrau – das prägt Bewusstsein. Insofern halte ich es für dringend notwendig, sprachlich neutral zu formulieren oder beide Geschlechter zu benennen. Dass das manchmal Blüten treibt und die Formen nicht immer richtig gefunden werden, will ich gerne zugestehen.

 

chilli: In Freiburg hat sich das Studentenwerk in Studierendenwerk umbenannt. War der alte Name tatsächlich diskriminierend?

 

Cheauré: Wenn nur andere Rollen vorgelebt werden – auch sprachlich – nehme ich das Diskriminierende in vielen Äußerungen gar nicht mehr wahr. Rollenstereotypen schleichen sich unbewusst ein oder werden eben nicht aufgebrochen. Insofern ist die Umbenennung richtig. Bei einem über 50 Prozent liegenden Anteil von Frauen bei den Studierenden wäre es geradezu absurd, weiterhin nur von „Studenten“ zu sprechen. Und persönlich bin ich auch froh, nun als Professorin tituliert zu werden, und nicht mehr als „Professor“, der zu Veranstaltungen gemeinsam mit seiner Ehefrau eingeladen wird. Dies ist in der Vergangenheit nämlich nicht selten geschehen.