Jazz ist Südstaaten-Musik. Kein Wunder also, dass das Jazzhaus im deutschen Südstaat Baden steht. Bereits am Eröffnungsabend im Oktober 1987 wurde das Gewölbe vom damaligen deutschen Jazz-Papst unter den Journalisten, dem SWF-Reporter Joachim-Ernst Berendt, zu einem „der schönsten Jazzkeller der Welt“ emporgehoben. Da fällt es schwer zu glauben, dass dieser so stimmungsvolle unterirdische Raum ursprünglich von der Stadt als Tiefgarage vorgesehen war. Menschen wie der ehemalige Oberbürgermeister Rolf Böhme, Pianist Waldi Heidepriem, Verleger Christian Hodeige oder Veranstalter Michael Musiol haben indes daraus im Laufe der Jahre eine Traumfabrik gemacht. Den chilli-Rückblick beginnt aber ein anderer …


„Das Gebäude neben dem Weinschlösschen stand leer und war einmal ein Objekt der Begierde der alten Hausbesetzerszene“, blickt KULT-Stadtrat Atai Keller zurück. Damit beginnt er die Geschichte des Jazzhauses anders als jeder, der offiziell und direkt an dessen Entstehung beteiligt war. Bei einer Aktion, die in der Szene „der große Kongress“ genannt wurde, zogen damals knapp 200 Leute los und besetzten das abbruchreife Haus, das dort stand, wo sich heute das Goethe-Institut befindet: unmittelbar über dem Jazzhauskeller. „Und die Kulturleute haben dann nachts ein Kulturprogramm abgezogen“, erinnert sich Keller. Darunter waren auch einige Jazzer, die nach dem Brand des autonomen Zentrums AZ im Glacisweg im Januar 1985 – keine 300 Meter vom Jazzhaus entfernt – eine Weile ohne Dach über dem Kopf dastanden. Wenige Monate später waren sie unter den Mitbegründern des Jazzhaus-Vereins. Die Aktion endete in den frühen Morgenstunden, das Haus wurde abgerissen, das Goethe-Institut gebaut. Und in den alten Gewölbekeller, der vom benachbarten Weinschlösschen herüberreicht, sollte eine Tiefgarage kommen.

Hier beginnt jetzt die offizielle Geschichte des Freiburger Jazzhauses. Wer die erzählen wil, der kommt – das bestreitet auch Keller nicht – am Namen des ehemaligen Oberbürgermeisters nicht vorbei: Rolf Böhme ist zusammen mit dem verstorbenen Musiker Waldi Heidepriem Vater des Musikkellers. „Ich bin sozusagen verantwortlich für die Hardware“, scherzt der Jazzfan Böhme heute. Nach dem Krieg, während seines Studiums in Freiburg, entdeckte er die Musik für sich: „Jazz war für mich eine Offenbarung, ein Element der Freiheit.“ Er fand Anschluss in der Szene und lernte den auch überregional bekannten Heidepriem und seine Modern-Jazz-Group kennen. Die Wege trennten sich zwar, Böhmes Laufbahn verschlug ihn in den Bundestag nach Bonn, der Kontakt brach aber nie ab. 1982 kehrte der Sozialdemokrat als OB zurück, sein Freund Heidepriem lag ihm fortan mit einer fehlenden Kultureinrichtung in den Ohren. „Im November 1986 habe ich mir dann diese Tiefgarage angeschaut – die war schon ziemlich weit, aber man sah noch den alten Keller und ich dachte: Menschenskind, das wär’s doch.“ Umittelbar nach dem Termin ruft Böhme Heidepriem an: „Waldi, guck dir das mal an.“ Der Bürgermeister erledigt in der Folge, wie er heute sagt, „den politischen Teil der Umplanung“. Er überzeugte den Gemeinderat. Ohne großen Widerstand wurde aus der Tiefgarage ein Musikkeller. Den Namen „Jazzhaus“ gab ihm Heidepriem selbst, der auch mit der Vorstandschaft des neu gegründeten und fürs Programm zuständigen Jazzhaus-Vereines beauftragt wurde.

1987 öffnet der städtisch subventionierte Keller seine Pforten. Es folgen Jahre, in denen der Jazz in Saus und Braus gefeiert wird. Keine Woche nach der Eröffnung kommt etwa Miles Davis in die Stadt –einer der größten Jazzmusiker aller Zeiten – und steigt zu einer Jamsession auf dem neuen Bösendorfer-Flügel ins Gewölbe hinab. Der Verein, der sich aus Kulturinteressierten verschiedener Richtungen zusammensetzt, häuft bis Mitte der 90er einen Schuldenberg von einer halben Million Mark an. „Die verschiedenen Programmmacher haben sich hin und wieder auch einfach verkalkuliert“, setzt Christian Hodeige, der 1989 in den Vorstand einsteigt und später auch erster Vorsitzender wird, zu einer Erklärung an, „man hat sich da unten halt auch Träume erfüllt.“ Zum Zehnjährigen kommt etwa Weltstar Dianne Reeves. „Eigentlich haben wir das nicht bezahlen können, aber wir haben es trotzdem gemacht.“


Hodeige springt immer wieder mit seinem Privatvermögen ein: „Ohne die Unterstützung meiner Stammfirma Rombach und des Badischen Verlages würde das Haus heute nicht mehr existieren – wenn man das zusammennimmt, waren das ein paar Hunderttausend.“ Nachdem Heidepriem 1998 dem Krebs erliegt, ist das Jazzhaus „sehr nah am Abgrund“, wie der Verleger eingesteht.

1999 wird Michael Musiol, der zu der Zeit den Blues-Club „Blue Monday“ betreibt, als beratender Geschäftsführer ins Boot geholt. 2001 gründet der dann die Jazzhaus GmbH – im Rückblick war das wohl der Rettungsanker für die sinkende Kultureinrichtung. Die GmbH übernimmt einen Großteil der Schulden, Musiol lässt den Club renovieren und mistet zunächst einmal das Programm ordentlich aus. „Da gab es den Tanztee am Sonntagmittag oder den Oldtime-Dixie-Stammtisch, wo die Finanzen einfach nicht gestimmt haben“, schüttelt er den Kopf. In den vergangenen zehn Jahren hat Musiol es geschafft, aus der verschuldeten Traumfabrik ein solides, wirtschaftlich arbeitendes Unternehmen zu machen.

Heute ist das Jazzhaus „fast komplett entschuldet“, wie Hodeige weiß. „Wir haben alles, was Rang und Namen im Jazz hat, hier her geholt und tun das heute noch – wenn auch maßvoller und organisierter“, bilanziert der ehemalige Vorstand.

„Das Haus funktioniert, wir sind wichtig und man spielt gerne bei uns“, fügt Musiol an, „und die Freiburger lieben diesen alten Weinkeller.“ Dass hier früher gegorener Rebensaft gelagert wurde, passt übrigens ins Bild: Manches wird eben besser, je älter es wird. Happy Birthday Jazzhaus.

Text & Foto: Felix Holm