Fast ein Jahr lang, seit November 2016, war im Augustinermuseum die erste große Ausstellung zum Thema „Nationalsozialismus in Freiburg“ zu sehen – und zog mehr als 80.000 Besucher an. An manchen Tagen, sagte Kurator Tilmann von Stockhausen bei der Finissage, seien die Räume gar „an der Kapazitätsgrenze“ angelangt – etwa dann, wenn mehrere Schulklassen gleichzeitig anwesend waren.

 

Stadthistoriker Peter Kalchthaler, Torang Sinaga vom Rombach-Verlag und Tilmann von Stockhausen, Leitender Direktor der städtischen Museen, bei der Buchpräsentation.

 

 

Der Leitende Direktor der Städtischen Museen freute sich über das große Interesse der Menschen aus der Region an diesem Thema, „von dem wir nie gedacht hätten, dass es uns wieder so nahe kommt“. Und während er im Dachgeschoss des Museums zusammen mit Stadthistoriker Peter Kalchthaler das im Rombach Verlag erschienene Buch „Freiburg im Nationalsozialismus“ präsentierte, strömten die Besucher noch zahlreich in das Untergeschoss, um einen letzten Blick auf die sorgsam vorbereitete und anschaulich aufbereitete Ausstellung zu werfen. Deren Exponate sind inzwischen wieder auf dem Weg zurück zu den verschiedenen Leihgebern.

 

In dem Band, der in der Schriftenreihe des Landesvereins „Badische Heimat“ publiziert wurde, sind acht Vorträge zusammengefasst, die, als Begleitprogramm zur Ausstellung, im Wintersemester 2016/17 in der vom Studium Generale organisierten Vorlesungsreihe Samstags-Uni gehalten wurden. Der Vortrag von Professor Wilhelm Oberkrome zum Thema „Organisierter Heimatschutz“ ist nicht enthalten; nach Angeben von Peter Kalchthaler wurde er frei gehalten und liegt nicht in schriftlicher Form vor, dafür ist ein Beitrag von Tilmann von Stockhausen in das Buch aufgenommen, in dem es um das Augustinermuseum geht, das in der Nazizeit mit der damals herrschenden Auffassung von Kunst und Kultur gleichgeschaltet wurde, auch wenn der damalige Direktor kein Parteimitglied war, sich aber „den Erwartungen der Nationalsozialisten anzupassen“ wusste.

 

In weiteren Beiträgen werden die verschiedenen Facetten dieser Gleichschaltung und der darauf folgenden Ausgrenzung und Verfolgung derer beleuchtete, die aus politischen, „rassebiologischen“ kulturellen, gesundheitlichen, sexuellen oder sozialen Gründen als nicht zur „Volksgemeinschaft“ zugehörig und somit als Schädlinge eingestuft wurden. Eine Praxis, die ab 1933 in Freiburg ebenso üblich war wie andernorts. Oder sogar noch üblicher: Wie der Medizinhistoriker Karl-Heinz Leven in seinem Kapitel über die „Mitwisser und Mittäter in der Freiburger Universitätsmedizin“ nachweist, wurde hier von Medizinern wie Eugen Fischer, Franz Büchner oder Waldemar Hoven der intellektuelle Boden für die spätere Einteilung in Über- und Untermenschen sowie die das daraus abgeleitete angebliche Recht zur „Vernichtung unwerten Lebens“ bereitet.

 

Zu dieser Kategorie gehörten auch die Sinti und Roma, wie der Historiker Heiko Haumann in seinem Vortrag über die „Ausmerze und Vernichtung artfremder Rassen“ darstellt. Er zeigt, welche Auswirkungen Weisungen wie „Zigeuner sind wie Juden zu behandeln“ auf die Betroffenen in Freiburgbund Umgebung hatten. Und wie das über Jahre gezeichnete negative Bild dieser Bevölkerungsgruppe bis heute Vorurteile schürt.

 

Weitere Kapitel des Buchs beschäftigen sich mit dem damaligen Universitätsrektor Martin Heidegger (Autor: Rüdiger Safranski), der zwiespältigen Rolle von Erzbischof Conrad Gröber (Christoph Schmider) oder dem Volkskundler Johannes Künzig (Werner Mezger). Historiker Heinrich Schwendemann nimmt sich die städtische Baupolitik vor und Peter Kalchthaler setzt sich mit der „Freiburger Fastnacht zwischen Volksbrauch und Volkstum“ auseinander. Ein wichtiges Buch zur richtigen Zeit.

 

 

 

 

 

 

 

Freiburg im Nationalsozialismus
von Tilmann von Stockhausen & Peter Kalchthaler (Hg.)
Verlag: Rombach, 2017
240 Seiten, gebunden
Preis: 26 Euro

 

 

 

 

 

 

 

Text: Erika Weisser / Bild: © Christine Weis