Til Schweiger ist hier geboren worden, Heike Makatsch soll demnächst als Tatortkommissarin rund ums Münster auf Verbrecherjagd gehen. Zwei Fakten, die Freiburg noch nicht zu einer Filmstadt wie Hamburg, Berlin oder München machen. Doch auch hier gibt es sie: Kreative Filmschaffende, die fernab vom Glanz der großen Studios und Sendeanstalten ihre Projekte verwirklichen. Diese reichen von Musikvideos über Imagefilme bis hin zu Kurz- und Spielfilmen. chilli-Autor Christian Neumann hat drei Filmschaffende getroffen, die in der lokalen Szene verwurzelt sind.

 

Über Blackwood nach Hollywood

Cosmea Spelleken ist Schülerin und macht nächstes Jahr Abitur. Zum Film ist die 18-Jährige durchs Schauspielern gekommen. Seit 2007 steht sie regelmäßig beim Freiburger Cargo Theater auf der Bühne, doch Film ist stets ihr erklärtes Ziel gewesen: „Anfangs war da noch das Bild von Hollywood, alles Bling-Bling und so.“ Doch hat sie schnell gemerkt, dass man klein anfangen muss. In Freiburg hat die junge Frau lange nach Gleichgesinnten gesucht, bis sie vor zwei Jahren auf Blackwood-Films stieß. Diese seit 2005 bestehende unabhängige Filmgruppe, die sich mindestens zwei Mal monatlich trifft, lebt vom kreativen und handwerklichen Input ihrer Mitglieder. Einen speziellen Schwerpunkt gibt es nicht – ob Kurzfilm, Spielfilm oder Dokumentation, gedreht wird, was realisierbar ist. Jeder kann dazu- kommen, es gibt keine Hierarchie. Einzige Bedingung ist, dass man sein Equipment und sein Können zur Verfügung stellt.

© Eazy-Entertainment

 

Cosmea hat inzwischen die organisatorische Leitung der Gruppe übernommen, die mittlerweile den Zusatz „creative pool“ trägt. „Die Organisation macht zwar sehr viel Spaß, ich würde aber gerne selber auch mehr drehen“, sagt sie. Die Gruppe hat bereits zahlreiche Projekte verwirklicht, aktuell den Episodenfilm „Es war einmal …“ zum Thema Märchen, bei dem Cosmea auch eine Episode inszeniert hat. Ihre Episode ist eine moderne Variante des Andersen-Märchens „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“. „Bei mir ist das Mädchen eine Prostituierte, die mit den Zündhölzern ihr Heroin aufkocht“, berichtet die angehende Abiturientin. Um die Szene möglichst authentisch darstellen zu können, war Cosmea sogar in der Drogenberatungsstelle.

 

Schwierig bleibt die Finanzierung und Vermarktung der Filme. Es besteht eine gute Zusammenarbeit mit dem Freiburger Kommunalen Kino und dem ArTik, in dem sich die Mitglieder auch regelmäßig treffen. Die jungen Filmemacher organisieren Workshops oder reichen ihre Filme bei Wettbewerben ein. Der Lohn ist allerdings meist nur die Publicity.

 

Neben der Arbeit bei Blackwood-Films verwirklicht Cosmea auch eigene Projekte. Ihr Kurzfilm „Pfefferminzträume” beschäftigt sich mit philosophischen Fragen: Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Was ist Leben? Was macht Glauben und Bewusstsein aus? „Ich habe versucht, es in einem Dialog zwischen einer Person und ihrem Unterbewusstsein zu erzählen”, berichtet die junge Regisseurin. Ihre Filme sollen den Zuschauer emotional berühren und in ihm ein Gefühl auslösen. „Welches das im Endeffekt ist, ist gar nicht mal so wichtig.“

 

Über Imagefilme zum Erfolg

Einen anderen Weg, ihren Traum vom Film zu verwirklichen, hat Lena Fakler eingeschlagen. Die 23-Jährige studiert in Freiburg Medienkulturwissenschaft und Germanistik. Im ersten Semester lernte sie bei einem Kurzfilmdreh Alexander Schröder und Joachim Lutz kennen, mit denen sie nun eine Firma gründet. Gemeinsam haben die drei bereits zwei Kurzfilme inszeniert – „Heißkalt“ und „Werdegang“ –, die beide letztes Jahr auf den 35. Biberacher Filmfestspielen liefen. „Werdegang” war sogar für den diesjährigen Jugendvideopreis nominiert, der wichtigsten bundesweiten Auszeichnung für junge Filmemacher. Der Film kam unter die besten Dreißig und wurde auf dem zugehörigen Festival in Halle gezeigt. In dem knapp zweiminütigen Streifen geht es darum, sich nicht den gesellschaftlichen Zwängen und Erwartungen zu beugen und auch mal „Nein” zu sagen, um so dem Druck zu entfliehen. In „Heißkalt” malt sich ein Junge die möglichen Folgen einer Beziehung zu einem Mädchen aus, das er grade erst gesehen hat.

© Manfred-Fakler

 

Der Schwerpunkt von Blendkultur, so der Name der neuen Filmschmiede, soll aber auf Subkultur liegen. „Videos von Bands, Konzerten, Festivals und Skaterzeug“, meint Lena. Diese Richtung haben sie schon mit ihren Akustik-Session Videos vom Pirate Satellite Festival 2014 in Stuttgart eingeschlagen. Auch ein Musikvideo für die junge Freiburger Band „Redensart” haben die drei realisiert. Unter ihren Projekten können aber auch schon mal so kuriose Dinge wie ein Imagefilm zur Nordic Walking WM sein. „Wir lernen und sammeln Erfahrungen und versuchen, ein bisschen was damit zu verdienen. So können wir uns ein Portfolio aufbauen”, erklärt Lena. Auftragsarbeiten wie Image- oder Hochzeitsvideos gehören da eben dazu.

 

Über die Philosophie ins Filmbusiness


Für Serhad Yuvanc alias Chepo Gewez ist Filmemachen mehr als nur ein Beruf. Der „aus dem türkischen Teil von Kurdistan“ stammende Regisseur und Drehbuchautor hat in der Heimat Psychologie studiert. Er floh vor rund 16 Jahren nach Deutschland, wo er zunächst in Mainz an der Volkshochschule Deutsch lernte, um dann in Berlin Philosophie, Germanistik und Film- und Theaterwissenschaften zu studieren. Die akademische Laufbahn endete, als er seine Familie ernähren musste. Mit dieser zog er dann nach Freiburg, um vor allem seinen Kindern ein ruhigeres Umfeld zu bieten. Im Bezug auf seine beruflichen Chancen hat er diesen Schritt bis heute jedoch bereut.

© Helin-Yuvanc

 

Die Studienzeit in Berlin war von Theorie geprägt, die Praxis des Filmemachens hat sich Chepo selber beigebracht. Als Autorenfilmer schreibt er seine Geschichten selber, diese hat er bisher in zwei Kurzfilmen und zwei Spielfilmen inszeniert. „Die Lage der Immigranten hier in Deutschland aus einer Innenperspektive heraus zu erzählen“ ist für ihn wichtig, allerdings sei er nicht dafür da, „Brücken aufzubauen oder Integrationsarbeit zu leisten“. Seine Filme sind politisch, aber nicht politisch korrekt. Sein erster Film „Cherx – Das Rad” etwa handelt von einem kurdischen Mädchen, das in der Türkei zwangsverheiratet werden soll. Als sie auf dem Weg dorthin flieht, wird sie umgebracht. Sie kehrt als Geist zurück und rächt sich an den Männern. „Wir hatten lauter Entmannungsszenen, wo sich das Mädchen daran macht, Männern der Reihe nach den Penis abzuschneiden.“ Das stieß auf harte Kritik und Ablehnung aus den eigenen Reihen. Doch das kümmert Chepo nicht. Er will den Zuschauer mit unbequemen Themen konfrontieren und ihn gegebenenfalls zum Umdenken bewegen. „Kunst muss verstören, um überhaupt Aufmerksamkeit zu erzielen.“

 

Ein großes Problem ist allerdings die Finanzierung seiner Projekte. Etwas Geld kommt durch Sponsoring rein, für eine Filmförderung von Stadt oder Land hatte er sich beworben, jedoch eine Absage bekommen. „Ein Kurde, der versucht einen Kannibalenfilm zu machen, hat da keine Chance“, erklärt er. Also sorgt er für die Vermarktung seiner Filme selbst. Sein zweiter Spielfilm „GAV – In Zeiten des Wandels” lief in Freiburg, Berlin und auf dem London Kurdish Film Festival. In Zukunft will sich Chepo mehr auf Kurzfilme konzentrieren, die sich mit den Ängsten, Wünschen und Erwartungen von Jugendlichen beschäftigen. Der erste dieser Filme, „Down up”, soll noch dieses Jahr Premiere feiern.

 

Text: Christian Neumann / Fotos: © Blackwood Films; Eazy-Entertainment; Manfred-Fakler; Helin-Yuvanc