Genau 60 Jahre nach den verheerenden Bombenangriffen am 27. November 1944 hatte der Dokumentarfilm „Bomben auf Freiburg“ der jungen Filmemacher Dirk Adam und Hans-Peter Hagmann eine beachtliche Resonanz. Sie hatten Zeitzeugen interviewt, neues, teils nie zuvor gesehenes Archivmaterial recherchiert und diese morbiden 23 Minuten an jenem dunklen Herbstabend ebenso lebendig wie trefflich skizziert. Jetzt arbeiten sie an einem zweiten Teil. chilli-Autor Ingo Heckwolf blickt mit Adam zurück auf „Bomben über Freiburg“ und voraus auf „Es war einmal in Freiburg – Geschichten nach der Stunde null“.

Freiburg nach dem Bombenangriff
chilli: Rückblende: Wie war es eigentlich 2004 zu der Idee für ‚Bomben auf Freiburg‘ gekommen?
Adam: Hans-Peter Hagmann und ich saßen im März im Café des Wiehre-Bahnhofs und rätselten beim Anblick des Häuserriegels der Quäkerstraße, wann dieser wohl gebaut wurde. Wir kamen mit einer älteren Dame ins Gespräch, die, wie sich herausstellte, selbst seit der Nachkriegszeit dort wohnte. Sie war begeistert über unser Interesse und begann uns spontan ihr Herz auszuschütten. Es seien mit die ersten Häuser, die nach dem Krieg Mitte der Fünfzigerjahre wieder errichtet wurden und die katastrophale Wohnungsnot in Freiburg entschärften.

chilli: Und so ein Gespräch nehmen Sie zum Anlass, einen Film zu drehen?
Adam: Uns hat das eröffnet, wie wenig wir über die Zerstörung Freiburgs im Zweiten Weltkrieg wussten. Bei weiterer Recherche stellten wir fest, dass es kaum Material gab und dass unbedingt etwas dazu gemacht werden musste. Zufälligerweise fiel unsere Idee auf den 60. Jahrestag, wodurch wir mit Hochdruck anfingen, die Geschichte aufzuarbeiten. Genau am 27. November konnten wir den Film zum ersten Mal zeigen.

chilli: Welchen Bezug hatten Sie damals zu Freiburg?
Adam: Ich studierte mein erstes Semester Geologie in Berlin. Im April 1990 flüchtete ich spontan nach Freiburg, das ich bis dahin nur aus der „Schwarzwaldklinik“ kannte. Mit meinem alten Ford-Transit-Wohnmobil stand ich auf der Sonnhalde, blickte auf die Stadt hinunter und war fast schon schockiert, wie schön die Welt sein kann.

Freiburg nach dem Bombenangriff
chilli: ‚Bomben auf Freiburg‘ erhielt große Zustimmung, aber auch Kritik.
Adam: Die Resonanz war für uns überwältigend. Der Film ist ja so eine Art moralischer Trichter. Er zeigt am Beispiel Freiburgs die Eskalation des Luftkrieges und wie globale Entwicklungen als persönliche Tragödie beim Individuum ankommen. Kritische Stimmen gab es nach einer Aufführung im Kommunalen Kino. Vonseiten der Antifa warf man uns vor, den Holocaust verschwiegen zu haben und das entspräche der Naziideologie. Aber Holocaust und Judenverfolgung haben wir bewusst nicht integriert.

chilli: Weil?
Adam: Es war schlicht nicht Inhalt unseres Films. Und ich kann das doch nicht in irgendeinem Nebensatz abhaken, nur um dann auch zur „guten“ Seite der Menschheit zu gehören. Später am Abend fiel dann die Aussage: „Mit Nazis dürfe man nicht spaßen und die gehören alle ins Lager“, was mir verdeutlichte wie sich die Extreme doch ähneln.

chilli: Ein Blick voraus: Neun Jahre später wollen sie einen zweiten Teil drehen. Gestaltet sich die Suche nach Zeitzeugen nicht langsam schwierig?
Adam: Wir werfen uns schon vor, nicht bereits in den letzten neun Jahren mit der Arbeit begonnen zu haben. Die Sterblichkeit nimmt ja statistisch mit dem Alter zu, aber es gibt noch Zeitzeugen in rüstigem Allgemeinzustand. Den Zeitzeugenaufruf werden wir erst wagen, wenn die Grundfinanzierung gesichert ist. Es ist allerhöchste Zeit, mit dem Film zu beginnen.

chilli: Die Finanzierung steht noch gar nicht?
Adam: Die Grundfinanzierung beinahe. Wir haben Zusagen von der Sparkassen-Stiftung, der Stadt Freiburg und der Freiburger Stadtbau GmbH. Und wir haben zumindest mündliche Zusagen von zwei weiteren Freiburger Stiftungen.

Freiburg nach dem Bombenangriff
chilli: Worauf wollen Sie im Nachfolger den Fokus legen?
Adam: Der Film wird konkret das Leben in Freiburg zwischen 1945 und 1955 behandeln. Diese zehn Jahre erscheinen mir wie aus der Zeit gefallen, eine Zeit, die Menschen heute überhaupt nicht mehr nachempfinden können. Deutschland stand mit so vielen Ländern wie kein anderes Land zuvor im Krieg und hat es geschafft, sich für die nächsten hundert Jahre bei der Weltbevölkerung unbeliebt zu machen. Deutschland musste begreifen, dass es nicht nur den schlimmsten Krieg aller Zeiten verursachte, sondern auch zu Recht jegliche Akzeptanz und Zuneigung verloren hatte. Und ich glaube, dass wir noch heute trotz Sommermärchen eindeutig die Nachwirkungen von diesem Trauma tragen.

chilli: Wie wollen Sie das filmisch umsetzen?
Adam: Inhaltlich werden wir auf drei Bausteine aufbauen. Erstens das deutsch-französische Verhältnis zwischen Besatzung und Freundschaft, ein bizarrer Mix aus Arroganz, Selbstmitleid und Vorurteilen. Zweitens die Geschichten aus einer Trümmerwüste, Obdachlosigkeit, Mangel an Kleidung und Lebensmittel und drittens die sozialpsychologische Situation, die fehlenden Heldengeschichten und das Generationentrauma. Ich bin sehr gespannt auf die Antworten, wie wieder Lebensmut und Selbstvertrauen gewonnen wurden.

Freiburg nach dem Bombenangriff
chilli: Woran recherchieren Sie derzeit?
Adam: Ich bin konkret auf der Suche nach zwei höchst interessanten Filmen: 1948 wurde der Spielfilm ‚Wohin die Züge fahren‘ des Berliner Nachkriegsregisseurs Boleslaw Barlog auf den Trümmern von Freiburg gedreht. Der Film floppte und verschwand sehr schnell in diversen Archiven. Niemand wollte sich Trümmer auch noch im Kino ansehen. Wir haben im Freiburger Stadtarchiv eine Filmrolle gefunden, die drei, vier Minuten dieses Films enthielt. Über die Herkunft dieser Rolle herrscht noch heute große Unklarheit. Einige dieser Szenen landeten dann als Einspielungen in ‚Bomben auf Freiburg’. Wir suchen diesen Film. Und zweitens entstand ein Film des von 1946 bis 1949 in Freiburg stationierten Arne Torgersen, ein Amerikaner norwegischer Abstammung und UN-Hochkommissar. Torgersen hatte wenige Jahre zuvor noch die antideutsche Propaganda der BBC geleitet. Beim Anblick des Elends der Bevölkerung entschloss er, etwas zu unternehmen, gründete die ‚Norwegerhilfe‘ und trieb den Ex-Kameramann von Leni Riefenstahl, Sepp Allgeier, auf, der seit Kriegsende mit Arbeitsverbot in seiner Heimatstadt weilte. Die Doku muss so eindrücklich gewesen sein, dass die Norweger tatsächlich spendeten, und Torgesen brachte damit Tausende hungernder Freiburger über die Runden. Allerdings verschwand der Film in einem Wiener Kopierwerk. Arne Torgersens Sohn hatte ihn vor dessen Tod noch gesehen. Heute weiß niemand, wo sich das Filmmaterial befindet, aber ich bin entschlossen, dieses und noch mehr aufzuspüren.

chilli: Herr Adam, wir danken für dieses Gespräch.

Fotos: Privat / Stadtarchiv Freiburg

Info: Bomben auf Freiburg

Die DVD ‚Bomben auf Freiburg‘ ist in der Buchhandlug Rombach und im Münsterladen erhältlich. Noch vor Weihnachten will Adam den Film auch wieder ins Freiburger Kino bringen.