Seit drei Jahren regiert Grün-Rot in Stuttgart. Gleich zu Beginn kündigte Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) eine Kehrtwende in der Energiepolitik an: Bis 2020 sollten 1200 neue Windräder im Ländle entstehen. Doch bisher ist davon nicht viel zu spüren. Noch immer toben Grabenkämpfe zwischen Befürwortern und Gegnern, auch in Südbaden. Auf dem Ochsenberg könnte eine seit Jahren geplante Anlage so viel Strom erzeugen, wie ihn alle Freiburger Straßenbahnen benötigen. Doch das Projekt ruht – wie so viele andere auch.


Allmählich wird er ungeduldig. Die Windenergie, das weiß Andreas Markowsky, genießt in Stuttgart einen guten Ruf. „Die Stimmung hat sich seit dem Regierungswechsel zum Positiven verändert“, sagt der Geschäftsführer der Freiburger Ökostromgruppe, die aktuell 30 Windräder betreibt. 40 weitere sollen in den nächsten zwei Jahren hinzukommen, eingereiht in jene 1200 neuen Windräder, die die grün-rote Landesregierung bis 2020 bauen will. Theoretisch. Denn so richtig gedreht hat sich der Wind noch nicht; die Projekte kommen einfach nicht in Schwung.

 

Über den Wolken: Windräder auf der Holzschlägermatte in Freiburg. Foto: Christoph Weiler

Über den Wolken: Windräder auf der Holzschlägermatte in Freiburg. Foto: Christoph Weiler

 

Beispiel Schauinsland: Auf dem Ochsenberg, schwärmt Markowsky, könne eine topmoderne, fast 200 Meter hohe Anlage entstehen, die jährlich 15 Millionen Kilowattstunden (kWh) Strom liefert – so viel, wie alle Freiburger Straßenbahnen zusammen verbrauchen. Seit Jahren steht der Ökostrom-Anbieter, der jährlich 80 Millionen kWh saubere Energie produziert, in den Startlöchern. Doch passiert ist nichts. „Das Projekt ruht, weil  ein Wanderfalkenpaar auf dem Ochsenberg nistet. Seit einem Jahr komme ich nicht von der Stelle.“ Insgesamt liefen derzeit 16 Anträge in Südbaden für neue Projekte.

 

Das Vogel-Dilemma ist symptomatisch für die Debatte. Den meisten Beteiligten ist klar, dass Windkraft – im Vergleich zu Atom- und Kohlestrom – die umweltfreundlichere Variante ist. Und natürlich verfolgen auch Unternehmer wie Markowsky eigene finanzielle Interessen. Doch die Spaltung, die bis ins Umweltministerium hineinreicht, ist nicht zu übersehen: auf der einen Seite Windkraft-Befürworter, auf der anderen Seite Naturschützer, die Eingriffe in die Landschaft strikt ablehnen.

 

Wer die Energiewende will, muss auf den Ausbau regenerativer Energien setzen. In Freiburg benötigen private und gewerbliche Verbraucher jährlich aktuell 1,09 Milliarden kWh Strom. Davon wurden im vergangenen Jahr nur 59,35 Millionen regenerativ erzeugt – 11,7 durch Wind, 26,4 durch Sonne, 19,2 durch Biomasse und zwei durch Wasser.

 

Biogasanlage im Gewerbepark Breisgau. Foto: badenova

Biogasanlage im Gewerbepark Breisgau. Foto: badenova

Auf der anderen Seite wollte die Stadt ihren Kohlendioxid-Ausstoß von 1990 bis 2010 um 20 Prozent reduzieren. Geklappt hat das nicht ganz, es wurden nur 17 Prozent. „Man muss dazu aber sehen, dass die Bevölkerung in dieser Zeit auch stetig gewachsen ist“, sagt Rathaussprecherin Edith Lamersdorf. Statt sich über die verfehlten Klimaschutzziele zu ärgern, hat der Gemeinderat die Erwartungen im März 2014 noch einmal hochgeschraubt. Nun sollen die Emissionen bis 2050 um 50 Prozent sinken.

 

Wie das erreicht werden soll, ist noch nicht ganz klar. „Die wohl größten Zuwächse bei erneuerbaren Energien könnten bei der Windenergienutzung erreicht werden“, weiß nicht nur Lamersdorf. Doch auch in Freiburg regiert die Bürokratie: Wer ein Windrad bauen möchte, bekommt es mit dem Baurechtsamt, dem Umweltschutzamt, dem Forstamt und dem Landwirtschaftsamt zu tun. Ist die Anlage höher als 50 Meter, hat der Bauausschuss ebenfalls ein Wörtchen mitzureden. Das ist praktisch nahezu immer der Fall, da sich kleinere Windräder kaum rechnen.

 

Was bedeuten die hohen Hürden für zukünftige Bauvorhaben? „Es deuten sich neue Standorte an, aber nicht in dem Tempo, das wir uns erhofft hatten“, sagt Thorsten Radensleben, Vorstandsvorsitzender der Badenova. Welche Standorte er meint, will er nicht sagen. In der Region ist der Energieversorger an verschiedenen Ökostrom-Projekten beteiligt, darunter 14 Windkraftanlagen sowie Freiburgs größte Solaranlage auf dem Müllberg Eichelbuck. Seit 2008 beliefert die Badenova alle Privatkunden mit Ökostrom, der entweder in der Region, oder in Schweizer und norwegischen Wasserkraftwerken produziert wird. Beim Gesamtstrommix kommt der Energieversorger nach eigenen Angaben auf über 80 Prozent Ökostrom.

 

Doch nicht nur in Freiburg herrscht Gegenwind. Verglichen mit anderen Flächenländern steht Baden-Württemberg beim Ausbau der Windenergie auf dem letzten Platz. In NRW sind laut Bundesverband Windenergie derzeit rund 3000 Windräder in Betrieb, während das Ländle auf nicht einmal 400 kommt. Gebe es mehr, ließen sich womöglich Tausende Kilometer Stromtrassen sparen. Diese werden in den nächsten Jahren von den norddeutschen Offshore-Windparks in den Süden gelegt, um den hiesigen Energiebedarf zu decken.

 

Großes Interesse: Umweltminister Franz Untersteller in Freiburg. Foto: Steve Przybilla

Großes Interesse: Umweltminister Franz Untersteller in Freiburg. Foto: Steve Przybilla

 

Inzwischen bezeichnet sogar der Landesumweltminister die 1200 geplanten Windmühlen als „sehr ambitioniert“. Bei einer Podiumsdiskussion wirbt Untersteller Ende Juni in Freiburg für die Klimaziele der Landesregierung: 90 Prozent weniger Kohlendioxid bis zum Jahr 2050 im Vergleich zu 1990. Wie soll das gehen, wenn der Ausbau nicht vorangeht? „Ich habe gelernt, geduldig zu sein“, erklärt Untersteller. 250 Anträge für Windmühlen lägen derzeit vor. Für 300 weitere gebe es Voranfragen.

 

Warum der Ausbau so langsam vorangeht, ist umstritten. Während die Opposition von einem „verkorksten Landesplanungsgesetz“ spricht, führt Untersteller baurechtliche Vorschriften an. Fakt ist: Unter Schwarz-Gelb waren die mit Lokalpolitikern besetzten Regionalverbände dafür zuständig, geeignete Windkraft-Flächen auszuweisen. Weil sie jedoch in Verdacht standen, Verhinderungspolitik zu betreiben, wurden sie nach dem Regierungswechsel entmachtet. Seither sind die Kommunen für die Planung zuständig. Und das dauert: Auch im Freiburger Rathaus weiß noch niemand, wann die Flächennutzungspläne fertig sind.

 

Die meisten Gemeinden haben den Planungsaufwand unterschätzt“, giftet Dieter Karlin, Direktor des (entmachteten) Regionalverbands Südlicher Oberrhein. Nach seiner Einschätzung sind rund 100 Flächen in der Region für Windräder geeignet, weshalb er seinen Verband auch nicht als Windkraft-Gegner dargestellt sehen möchte. „In der Politik wird eben gerne der schwarze Peter gesucht.“ Windproduzent Markowsky sieht das anders: „Vor dem Regierungswechsel haben die Regionalverbände 99,5 Prozent aller Flächen ausgeschlossen. Die restlichen 0,5 Prozent waren windstill.“

 

Für Axel Mayer, Grünen-Kreisrat und Geschäftsführer des hiesigen BUND-Regionalverbands, ist die Sache komplexer: „Die Vorstellung, man könne innerhalb von zwei Jahren Windräder in den Schwarzwald stellen, war nie realistisch.“ Zum einen säßen im Behördenapparat dieselben Mitarbeiter wie unter Schwarz-Gelb, zum anderen bevorzuge die Bundespolitik noch immer die großen Energiekonzerne. Für den Umweltschützer haben jedoch auch die Windkraftplaner eine Bringschuld: „Man kann Windrädern keine Tarnkappe aufsetzen. Es müsste aber möglich sein, sie so zu bauen, dass sie aus einiger Entfernung nicht mehr auffallen.“

 

Fotovoltaik-Anlage auf dem Müllberg Eichelbuck. Foto: badenova

Fotovoltaik-Anlage auf dem Müllberg Eichelbuck. Foto: badenova

 

Eine weitere Befürchtung: Durch die Wind-Debatte geraten andere Energiequellen ins Hintertreffen. So sieht es Michael Wagner, ein pensionierter Unternehmer, der in Freiburg vier Kleinwasserkraftanlagen betreibt. „Die Stadt war immer sehr offen“, sagt er, „aber die Landesbehörden blockieren.“ Heute gebe es nur noch 1700 Wasserkraftwerke im Land – zehnmal weniger als 1930. „Wenn man diese Standorte reaktivieren würde, könnte man sich ein komplettes Atomkraftwerk sparen.“

 

Wie mühselig der Weg zur Energiewende tatsächlich ist, zeigt ein Anruf beim Umweltministerium: Wie viele der 1200 geplanten Windräder sind denn seit 2011 gebaut worden? Dem Pressesprecher ist die Antwort unangenehm: „Ich will nichts beschönigen“, sagt er schließlich. „bis Ende 2013 waren es 34.“

 

Text: Steve Przybilla