Kommunaler Ordnungsdienst, Verlängerung oder Verkürzung der Sperrzeiten, nächtlicher Güterzugverkehr – die Freiburger diskutieren zwar seit Jahren hitzig, mit welchen Mitteln man dem Partylärm begegnen kann. Doch ist der die Wurzel aller Ohrenschmerzen oder nur die Spitze der Lärmbelästigung? Schmoren die Innenstadtbewohner im akustischen Gomorrha, während die anderen Stadtteile im Paradies der Stille schwelgen? Wir waren mit einer Lärmmessungs-App unterwegs, um zu schauen, an welchen Stellen in Freiburg so richtig gelärmt wird.

Die Stadtkarte des Lärms

 

Lärm gilt heutzutage als Umweltproblem Nummer Eins. Laut einer Umfrage des Umweltbundesamts aus 2012 fühlt sich jeder Zweite in seinem Wohnumfeld von Lärm belästigt. Schuld daran ist vor allem die steigende Zahl der Fahr- und Flugzeuge. Doch es gibt noch eine ganz andere Art von Lärm, der vielen zu schaffen macht: der Freizeitlärm.

So wird der Diskobesucher mit bis zu 110 Dezibel beschallt, in Rockkonzerten werden Pegel um 120 Dezibel erreicht, und selbst bei klassischen Konzerten kann die Lautstärke bis zu 114 Dezibel betragen. Zum Vergleich: Eine Kreissäge schafft rund 100 Dezibel, ein startendes Flugzeug zwischen 110 und 140.

Zum Diskobesuch wird niemand gezwungen. Doch was, wenn man dem Lärm einer Gaststätte, Straße oder Kita, eines Public Viewings oder Sportplatzes nicht entgehen kann, weil er bis ins heimische Schlafzimmer dringt? Klaus Miehling, Leiter der Freiburger Initiative gegen Lärm und Zwangsbeschallung (FILZ), sieht genau darin ein großes Problem in Freiburg. Er selbst habe mehrmals umziehen müssen, weil er unter Lärm gelitten habe, und lange gebraucht, um eine ruhige Wohnung zu finden: „Wenn man in seiner eigenen Wohnung nicht schlafen kann, ist das ungeheuerlich.“

Die Schuld daran gibt er der Gesellschaft und dem Gesetzgeber. „Die Rücksichtnahme nimmt ab, die Grenzwerte sind zu hoch, und statt sie zu verschärfen, beseitigt man sie noch zeitweise“, moniert Miehling im Hinblick auf die Ausnahmeregelungen, die etwa fürs Public Viewing gelten. „Was den Verkehrslärm betrifft, ist Freiburg vorn, doch beim Freizeitlärm ist die Stadt untätig.“

Lärmmessung am Münster mit der App

 

Fußballjubel, Konzerte, spielende Kinder, Hocks und Weinfeste, aus Kneipen schallende Musik, Grillfeste: des einen Freud ist des anderen Leid. Denn obwohl es Grenzwerte und Richtlinien gibt: Lärm ist etwas Subjektives, das jeder anders wahrnimmt. Der eine freut sich übers Kinderlachen vom nahen Spielplatz, der andere verzweifelt dran. Kinderkreischen kann es übrigens auf stolze 91 Dezibel bringen – gemessen vom nächstgelegenen Wohnhaus zur Paul-Hindemith-Schule im Mooswald. Während der eine das Rattern der Güterbahn ausblendet, kann der andere bei offenem Fenster nicht arbeiten – der lauteste Zug zieht während des Schreibens dieses Artikels mit 88 Dezibel an der Redaktion auf dem Güterbahnhof vorbei.
Und während der eine wegen der Nachbarkirche vor Gericht zieht, schafft der andere seinen Wecker ab. Im Rappen am Freiburger Münsterplatz dröhnt es oben aus dem schönsten Turm der Christenheit mit 89 Dezibel ans offene Hotelzimmer. Ab 85 Dezibel, so der Deutsche Berufsverband der Hals-Nasen-Ohrenärzte, können bereits kurze Einwirkungen zu dauerhaften Gehörschäden führen.

Fluglärm in Wiehre, Zähringen und Stadtmitte

An einem Sonntag auf dem Balkon entspannen, ist für Marianne Förderer unmöglich. Bei gutem Wetter flögen von 10 Uhr morgens bis 20 Uhr abends Sportflieger über ihr Haus in der Rehlingstraße – im Dreiminutentakt. Auch sie misst fürs chilli: zwischen 73 und 89 Dezibel. Telefonieren sei unmöglich, Gespräche auf dem Balkon auch.

Dabei liegt ihre Wohnung nicht einmal direkt in der Einflugschneise: Die Piloten sind dazu angehalten, vom Zubringer über die Bahngleise Richtung Flugplatz zu fliegen. „Wenn die Flieger diese Platzrunde einhalten, höre ich sie zwar auch“, erzählt die 45-Jährige, „das ist aber in Ordnung. Das Problem sind die vielen Flieger, die stattdessen direkt über das Wohngebiet fliegen.“

Förderer ist nicht die einzige Freiburgerin, die sich vom Fluglärm belästigt fühlt: Die Freiburger Schutzgemeinschaft gegen Lärm erreichen rund 50 Beschwerden im Jahr, überwiegend aus der Wiehre, Zähringen und der Stadtmitte. Der Verein leitet die Beschwerden, die sich überwiegend gegen den Sport- und Schulflugbetrieb wenden, an das Regierungspräsidium weiter. Geändert hat das bisher nichts.

Laute Feierei: Das Ende der Bar Erika?

Der am meisten umlärmte Streitpunkt in der Debatte ist das Freiburger Nachtleben. Ein aktueller Fall: Die Bar Erika in der Kartäuserstraße. „Anwohner kämpfen gegen die Bar Erika“ titelte die BZ im vergangenen Oktober. Einer ist Tobias Kurzeder: „Die Bar Erika ist von Amts wegen geschlossen worden. Ich gehe davon aus, dass der Betreiber das Maß des von der Stadtverwaltung tolerierbaren Ignorierens von Auflagen überschritten hat.“

Damit konfrontiert, fällt Katharina Möckel, die die Bar zusammen mit Klaus Henning gepachtet hat, aus allen Wolken: Von Schließen sei keine Rede, die Bar habe lediglich Betriebsferien. Doch der Anwohner scheint den richtigen Riecher zu haben: Nach Angaben der städtischen Pressestelle hat das Ordnungsamt den Betreiber aufgefordert, die Bar zu schließen. Der habe dagegen einstweiligen Rechtsschutz vor Gericht beantragt, was ihm aber am 7. Juli versagt worden ist. Für Henning kein Grund, das Geschirrtuch zu schmeißen. Er will in die nächste Instanz gehen: „Wir sind ein gut laufender Betrieb und werden nicht schließen.“

Doch obwohl sich die Pächter kämpferisch geben, merkt man ihnen an, dass sie der Streit mitnimmt. „Ich bin nervlich fix und alle“, sagt Möckel resigniert, „wir wollen mit den Anwohnern und nicht gegen sie.“

Ratternde Züge, hupende Autos, quietschende Bremsen: Freiburgs Lärmaktionsplan

Auf den ersten Blick wirkt das Einfamilienhaus in Zähringen wie eine Traum-Immobilie: Wohnzimmer mit Parkett und Schwedenofen, heller Wintergarten, gepflegter Garten mit großer Terrasse. Dennoch tut sich Immobilienmaklerin Lydia Beyer schwer, das Haus an den Käufer zu bringen. Grund: Die Lage direkt an der Bahnlinie. Bei rund 80 Anfragen sei es nur zu zehn Besichtigungen gekommen, die anderen Interessenten habe bereits vorm Haus der Lärm abgeschreckt. In einer anderen Lage wären statt der veranschlagten 595.000 Euro locker 660.000 Euro drin.

„Die lauteste Lärmquelle ist in der Regel der Verkehrslärm“, weiß der Schallschutzgutachter Wolfgang Rink aus Reute. Die Zahl der Menschen, die in Freiburg durch den Straßen- und Schienenverkehr belastet ist, wird im Lärmaktionsplan des Garten- und Tiefbauamts (GuT) auf 12.900 am Tag und 13.800 in der Nacht taxiert. Aus Rinks Sicht ist die Stadt Freiburg beim Umgang mit Lärm in einer Vorreiterrolle: „Nicht alle Kommunen nehmen das Thema so ernst.“

Die unbekannte Lärmquelle: Pfandflaschensammler

Doch die Umsetzung von Lärmschutzmaßnahmen ist nicht immer einfach, weiß Georg Herffs, Abteilungsleiter Verkehrsplanung des GuT: „Uns sind vom Gesetzgeber enge Grenzen gesetzt.“ Beispiel: Zone 30. Innerstädtisch gelte eine Höchstgeschwindigkeit von 50 Stundenkilometern. „Wenn eine Kommune diese niedriger ansetzen will, dann ist das eine Ausnahme, die begründet werden muss“, so der Verkehrsplaner.

Monika Ross wohnt gegenüber des Adelhauser Klosters im vierten Stock. Eine ruhige Lage – eigentlich. Dennoch wacht die 45-Jährige bis zu „zehnmal in der Nacht“ auf, kann ausgerechnet in heißen Sommernächten nur bei geschlossenem Fenster und mit Oropax schlafen. Denn durch die Adelhauserstraße ziehen regelmäßig Pfandsammler, die in ihren Wagen auf dem Pflaster Glasflaschen transportieren. Bei schönem Wetter scheppere es durchaus mal bis fünf Uhr morgens.

Lärmquelle Biergarten: Kein Vergleich gegen die Höllentalbahn.

 

Ross schickte eine Beschwerde ans Ordnungsamt. Das geht von einem Verstoß gegen das Gebot der Nachtruhe aus und rät, eine Anzeige bei der Polizei oder Bußgeldbehörde zu erstatten. Allerdings nur gegen eine „namentlich bekannte Person“. Ross, die seit 21 Jahren in dem Haus wohnt: „Soll ich nachts auf der Straße warten und den Pfandsammler zwingen, mir seinen Namen zu nennen?“

Wem es in der Stadt zu laut ist, soll eben aufs Land ziehen, ist das oft angeführte Totschlagargument. Doch auch hier ist es – wie überall, wo Menschen wohnen – nicht mucksmäuschenstill. Der Rasenmäher des Nachbarn – aus dem ersten Stock belauscht – schlägt mit 58 Dezibel zu Ohren, der Laubsauger schafft es sogar auf 72 Dezibel.

Die mit Abstand lauteste Lärmmessung des chilli war übrigens auf einem Balkon im Haus Sternwaldstraße 49. Wenn dort die Höllentalbahn zum Wiehrebahnhof vorbeizieht, schlägt der Zeiger auf 103 Dezibel aus.

So laut sind …
35 Dezibel: Flüstern, Lärmgrenze für Geräusche in reinen Wohngebieten (nachts)
50 Dezibel: normales Gespräch, Lärmgrenze für Geräusche in reinen Wohngebieten (tagsüber)
60 Dezibel: Gruppengespräch, Stressgrenze
80 Dezibel: Staubsauger
100 Dezibel: Kreissäge
120 Dezibel: Flugzeug
130 Dezibel: Düsenjäger, Schmerzschwelle

Text: Tanja Bruckert
Grafik: chilli
Quellen: FILZ, City-Flugplatz-Freiburg, Garten- und Tiefbauamt Freiburg
Foto: privat