Am 19. und 20. April ist im Theater Freiburg eine Tanzperformance der besonderen Art zu sehen: Das Jugendprojekt „Weit vom Auge – weit vom Herz“ bringt Gedichte über Krieg und Flucht auf die Bühne. Angefangen hat alles in einer Schreibwerkstatt der Freiburger Hebel-Schule, in der acht Hauptschüler aus Migrationsfamilien ihre Erfahrungen in Gedichten festgehalten haben. Mittlerweile hat sich „Weit vom Auge – weit vom Herz“ zu einem groß angelegten Tanzprojekt weiterentwickelt. Die Jugendlichen aus dem Libanon, der Türkei, Serbien, Russland, Vietnam und vielen weiteren Ländern tanzen zu ihren selbst geschriebenen und vertonten Gedichten, die ihre Kriegs- und Fluchterlebnisse aufgreifen.

 

 

Foto-Gallerie von Katharina Davids:

 

 

Ein junges Mädchen mit schwarzem Kopftuch steht isoliert in einem Kreis von Schülern. Ihr ängstlicher Blick wandert immer wieder zu den tuschelnden, spottenden Jugendlichen, die mit Fingern auf sie zeigen. Doch dann löst sich der Kreis auf, plötzlich steht das Mädchen an der Spitze einer Hip Hop-Formation und tanzt zu den pulsierenden Beats, die aus den Lautsprechern schallen.

 

Wenn sich alle Konflikte so plötzlich in Wohlgefallen auflösen würden, wie in dieser Szene des Tanzprojekts „Weit vom Auge ­– weit vom Herz“, wäre das Crossover-Projekt aus Poesie, Hip Hop und Film sicherlich nie entstanden. Denn was am 19. und 20. April auf der Bühne des Theater Freiburgs zu sehen sein wird, sind keine Szenen aus der Feder eines Regisseurs, sondern in Ton und Tanz übersetzte Gedichte von muslimischen Immigrantenkindern aus Freiburg.

 

Den Anstoß zu dem Jugendprojekt gibt ein Filmworkshop an der Hebelschule, den die freiberufliche Filmemacherin Barbara Davids bereits seit acht Jahren leitet. „Wir hatten mit unseren Filmen immer großen Erfolg und haben auch einige Preise gewonnen, dennoch fand ich es an der Zeit, etwas Neues auszuprobieren.“ Ihre Idee: Gedichte statt Filme.

 

Doch falls sie gehofft hatte, damit auf offene Ohren zu stoßen, liegt sie falsch. „Gedichte?! Was will ich denn damit?“, fragt sich nicht nur die mittlerweile 19-jährige Schülerin Ayaat Yassine entsetzt. Allerdings wird den Hauptschülern schnell klar, dass sich ihnen hier eine Möglichkeit bietet, frei und offen von ihrem Leben und ihren Problemen zu erzählen. Und so entstehen Gedichte, die den Immigranten direkt aus der Seele sprechen. Es geht um Heimat, Familie, Glaube und Hoffnung – und dem oft schmerzhaften Spagat zwischen den traditionellen Werten der Eltern und dem Leben eines Jugendlichen in Deutschland. Und es geht um die schmerzlichen Erfahrungen, die viele von ihnen bereits in jungen Jahren machen mussten.

 

„Einige der Jugendliche haben in ihrem Leben einen Krieg und die Flucht in ein anderes Land miterlebt“, erzählt Davids. „Diese Erlebnisse kamen beim Verfassen der Gedichte wieder hoch“. Es sind Erlebnisse, die sie zutiefst betroffen machen, wie etwa die Flucht von einem der Jungen durch das brennende Sarajevo, bei der sein Bruder ums Leben kam.

 

Ayaat Yassine muss keine Kriegserlebnisse verarbeiten, die Tochter libanesischer Immigranten ist in Deutschland geboren. Ihre Probleme manifestieren sich in dem schwarzen Stück Stoff um ihren Kopf, der mit glitzernden Pailletten bestickt ist. „Was heißt Respekt? Kann mir das mal jemand erklären?“ fordert sie in ihrem Gedicht. Dass es nichts mit Respekt zu tun hat, sie wegen ihres Kopftuchs zu diskriminieren, braucht dem muslimischen Mädchen auf Ausbildungssuche jedoch niemand zu erklären.

 

„Sobald die Arbeitgeber mein Kopftuch sehen, suchen sie nach Ausreden, warum ich bei ihnen keine Ausbildung machen kann“, moniert die 19-Jährige. „Immer heißt es, die Ausländer sind zu faul zum Arbeiten. Aber wie sollen wir denn arbeiten, wenn uns niemand die Chance dazu gibt?“ Ayaat ist eine entschlossene junge Frau, die mithilfe der Poesie die Menschen aufrütteln will. Ihre Forderung steht bereits im Titel ihres Gedichts: Respekt. „Wenn sich alle auf der Welt respektieren würden, dann wäre die Welt ein Paradies. Lasst uns Respekt lernen, dann leben wir alle im Paradies“, textet sie.

 

gefühl (1 von 1)

 

Fast ein Dreivierteljahr lang schreiben die Schüler an den Gedichten, einige füllen dabei ganze Hefte. Dann besucht die Gruppe ein Tonstudio, in dem die acht Jugendlichen ihre Texte einsprechen. „Manchen ist es extrem schwergefallen, ihre innersten Gefühle laut auszusprechen“, erzählt die Gruppenleiterin. Mit eingängigen Melodien hinterlegt, sind diese Aufzeichnungen als CD in der Buchhandlung Rombach zu kaufen.

 

Begeisterte Reaktionen von allen Seiten und ein Literaturpreis bringen Davids dazu, das Projekt hier nicht wie vorgesehen enden zu lassen, sondern als Tanzinszenierung auf die Bühne zu bringen. Und da es schließlich ihr Projekt ist, sind die acht Dichter der Hebelschule nach wie vor mit dabei. Seit Ende September proben sie zusammen mit der Freiburger Hip Hop-Company „Juvenile Maze“ die Choreografien der Trainerin Anita Khosravi zu ihren Gedichten.

 

Für die Hauptschüler eine anstrengende Zeit – nicht nur, dass sie mit einer Profi-Tanzgruppe mithalten müssen, zudem stehen bei ihnen bald Prüfungen an. Doch sowohl bei den Choreografien, als auch beim Lernen auf die Schulprüfungen können sie auf die Hilfe der Hip Hop-Tänzer zählen, von denen die meisten Studenten oder Gymnasiasten sind. Es ist ein Zusammenhalt über die Grenzen unterschiedlicher Kulturen und Bildungsschichten hinweg, der auch das Deutsche Kinderhilfswerk beeindruckt hat. Und so ist „Weit vom Auge – weit vom Herz“ für die Auszeichnung „Goldene Göre“ nominiert – mit insgesamt 10.000 Euro der höchstdotierte Preis für Kinder- und Jugendbeteiligung in Deutschland.

 

 

Weit vom Auge – weit vom Herz

ab 10 Jahre

19.4., 19.30 Uhr und 20.4, 18 Uhr

www.theater.freiburg.de

 

Karten im BZ-Kartenservice: Tel. 0761/496-8888