Der Startschuss ist gefallen, oder wie der Freiburger Oberbürgermeister Dieter Salomon es ausdrückt: Der Champagnerkorken ist aus der Flasche geknallt. Die Verwaltung des Universitätsklinikums zieht in den geplanten Stadtturm an den Westarkaden und zündet damit die erste Stufe des 400 Millionen Euro schweren universitären Masterplans „Bau“. Es ist nicht die einzige Innovation im Freiburger Westen: Auch die Fraunhofer-Institute für Solare Energiesysteme (ISE) und physikalische Messtechnik (IPM) wollen wachsen und werfen gut 80 Millionen Euro in den Ring. Und die Universität investiert mindestens 150 Millionen Euro in die Erweiterung der technischen Fakultät am Flugplatz. Eine 630-Millionen-Offensive für die Forschung – so viel Geld hätte Dagobert Duck seinem Chefforscher Daniel Düsentrieb nie in die Hand gegeben.

Max-Planck-Institut für Immunbiologie und Epigenik
Mit dieser Investitionsoffensive „gewinnt Freiburg genau das, was sehr wichtig ist, Arbeitsplätze von höchster Qualität“, frohlockt Bernd Dallmann, Geschäftsführer der Freiburg Wirtschaft Tourismus und Messe GmbH. Und ganz nebenbei ist die Offensive auch ein Konjunkturprogramm für die Bauwirtschaft. Los geht es im September mit dem Bau des 13 Etagen hohen Stadtturms: Noch sind die rund 450 Verwaltungsmitarbeiter der Uniklinik auf mehrere Gebäude auf dem Klinikumgelände verteilt. Ihr Umzug bis Ende 2014 öffnet den Raum für weitere Aktivitäten.

So soll im kommenden Jahr auch mit dem Bau eines neuen Interdisziplinären Tumorzentrums begonnen werden, ein Jahr darauf folgt ein Mutter- und Kind-Zentrum, die Chirurgie wird erweitert, die Medizinische Klinik neu geordnet: Statt einzelner Gebäuden entstehen große Zentren, die Synergieeffekte nutzbar machen sollen. Die 400 Millionen Euro, die dafür in den kommenden zehn Jahren eingeplant sind, werden etwa zu gleichen Teilen vom Land und vom Klinikum finanziert.

Dort profitiert die Krankenversorgung, vor allem aber die Forschung: So soll auf der westlichen Seite der Breisacher Straße bald das neue Forschungszentrum des Klinikums aus dem Boden wachsen. Bereits im Juli rollen die Bagger fürs 30 Millionen Euro teure Zentrum für Translationale Zellforschung (ZTZ) an, in dem Immundefizienzforschung und Krebsforschung zusammengehen sollen. Der fachübergreifende Ansatz ist dem Bund einen 10,5-Millionen-Euro-Zuschuss wert. Der Masterplan sieht entlang der Breisacher Straße insgesamt bis zu sechs Gebäude für neue Forschungseinrichtungen vor. Die dadurch zu opfernden Stellplätze sollen durchs Aufstocken des Parkdecks an der Elsässer Straße ersetzt werden.

Institut für Institute für Werkstoffmechanik (IWM)
„Was das Klinikum vorhat, passt in den Plan der Stadt mit der Orientierung in den Westen“, sagt Salomon. Das Rathaus sorge durch den Spatenstich für die neue Messelinie im Mai oder Juni für das „Rückgrat dieser Entwicklungsachse“. Genau an dieser Achse entwickelt sich zudem, nur 500 Meter Luftlinie entfernt, das nächste Großprojekt für den Forschungsstandort Freiburg: Am westlichen Rand des Flugplatzes vergrößert sich die technische Fakultät der Universität Freiburg auf stolze 30 Hektar, das sind 40 Fußballfelder. 3000 Menschen sollen hier einmal arbeiten und studieren. Insgesamt werden in den nächsten Jahren mindestens 150 Millionen Euro in neue Forschungsgebäude und Infrastruktur investiert.

Auf gleich vier große Forschungseinrichtungen wirkt das wie ein Magnet: Im ersten Baufeld entsteht für 22 Millionen der Bau fürs neue Zentrum für interaktive Werkstoffe und bioinspirierte Technologien (FIT), in dem sich fünf Fakultäten mit dann 150 Mitarbeitern für die Materialforschung zusammentun. Auf dem gleichen Baufeld sind bereits Gebäude des Instituts für Mikro- und Informationstechnik aus Villingen-Schwenningen entstanden, geplant ist ein weiterer Anbau.

Institut für Physikalische Messtechnik (IPM)
Aufs zweite Baufeld zieht eine Einrichtung, die in Freiburg noch jung ist: Die Forscher des universitären Exzellenzclusters Brain Links – Brain Tools beschäftigen sich mit der Frage, wie man technische Elemente mit dem Gehirn verknüpfen kann. Die nördlichste Ecke des Baugebiets soll hingegen grün bleiben: Dort, wo Papst Benedikt im September 2011 seinen Gottesdienst abgehalten hatte, werden bald Anbausysteme für Bioenergiepflanzen entwickelt oder es wird erforscht, welche Bedeutung die Baum-Artenvielfalt für das Ökosystem hat. Fakultätsassistent Rainer Giersiepen erklärt, wie wichtig die Expansion für die Forschung der technischen Fakultät ist: „Durch den Ausbau können Forschungsgebiete und -möglichkeiten erschlossen werden, die so noch nie da waren. Der Forschungsstandort Freiburg wird dadurch nachhaltig gestärkt.“

Die Bedeutung der Forschung für Freiburg lässt sich auch an den Mitarbeiterzahlen ablesen: Unter den 10.000 Mitarbeitern des Klinikums sind 2200 Wissenschaftler. Von 6500 Beschäftigten in der Universität sind 2500, die auch forschen. Bei den fünf forschenden Fraunhofer-Instituten in Freiburg arbeiten mehr als 2000 Menschen, und die drei Max-Planck-Institute für Immunbiologie (330), für ausländisches und internationales Strafrecht (130) und für Chemie beschäftigen immerhin knapp 500 Mitarbeiter. Einer aus der Arbeitsgruppe Feuerökologie wollte dem chilli nicht verraten, wie viele Menschen im alten Tower auf dem Flugplatz überhaupt forschen. Man arbeite „im Verborgenen“.

Institut für Angewandte Festkörperphysik (IAF)
Hinzu kommen viele kleinere Forschungseinrichtungen wie die Steinbeis-Stiftung für Wirtschaftsförderung, das Kiepenheuer-Institut für Sonnenphysik, das Walter-Eucken-Institut oder die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt. Zusammen mit privaten Firmen werden in Freiburg etwa 10.000 Menschen auf einem forschenden Arbeitsplatz sitzen. Der Anteil der hochqualifizierten Beschäftigten mit Hochschulabschluss (die sogenannte Akademikerquote) lag in Freiburg vor zwei Jahren bei 20,7 Prozent. Zwar ist die viel höher als in Baden-Württemberg oder der Republik (jeweils um die 13 Prozent), deutlich niedriger aber als in Stuttgart (25,7) oder Heidelberg (24,2). „Es gibt bei uns noch Luft nach oben“, weiß auch Dallmann.

Mit seinen fünf Fraunhofer-Instituten – es gibt in der ganzen Republik übrigens keine Stadt mit sechs – zählt das kleine Freiburg neben dem großen Berlin und Dresden zu den stärksten und – aufgrund der gesellschaftlich relevanten Forschung – auch zu den wichtigsten Standorten der Gesellschaft. Momentan konzipieren die Verantwortlichen ein Leuchtturmprojekt, das sie gemeinsam mit dem Land Baden-Württemberg auf die Beine stellen: Für 81,6 Millionen Euro – die Hälfte trägt das baden-württembergische Wirtschaftsministerium – soll sich Freiburg in ein „Sustainable Energy Valley“ verwandeln.

Inhaltlich geht es beim gemeinsamen Projekt der Institute für Physikalische Messtechnik und Solare Energiesysteme um die nachhaltige Erzeugung und Nutzung von Energie und Ressourcen. Räumlich platzen beide aus den Nähten. Das IPM wollte ursprünglich auf seinem Parkplatz neu bauen, bestätigt Institutsleiter Karsten Buse die chilli-Information. Auch dank Dallmann wurde die Idee geboren, auf dem Campus am Flugplatz neu zu bauen – für 54 Millionen Euro, auf drei Hektar Fläche. Das direkte Umfeld mit der technischen Fakultät der Uni ist für Buse ein gewichtiges Pfund. Geplant ist etwa eine Technikumhalle, um Entwicklungen vom Labormaßstab in die vorindustrielle Fertigung zu transferieren. Baubeginn soll Ende 2015 sein.

Institut für Solare Energiesysteme (ISE)
Für 27,6 Millionen Euro erweitert auch das ISE, schon heute mit 1100 Mitarbeitern das größte Solarforschungszentrum Europas. Das Vorzeigeinstitut will an der Berliner Allee zur Erforschung und Entwicklung höchsteffizienter Solarzellen einen neuen Reinraum für knapp 25 Millionen Euro bauen, erweitert zudem ins dann frei werdende IPM-Gebäude hinein, wo ein Zentrum zur Erforschung und Entwicklung von Technologien zur Transformation des Energiesystems installiert werden soll. Damit baut das ISE zwischen Heidenhofstraße und Berliner Allee einen leuchtenden Solar-Campus. „Dank des Engagements des Landes“, so ISE-Leiter Eicke Weber, „wird hier in Freiburg ein deutlicher Akzent für die Energiewende gesetzt.“ Der Korken ist aus der Flasche.

Von Tanja Bruckert und Lars Bargmann