Drei Orte, ein Thema: Auf Initiative des Kölner Literaturhauses richten die Rheinstadt, das Literaturbüro Freiburg und die grüne Hans-Böckler-Stiftung vom 1. bis zum 3. Juni das Literaturfestival ‚Wider die Müdigkeit‘ aus. Das richtet seinen Blick in das Morgenland und beabsichtigt, so viel Staub wie möglich aufzuwirbeln. In Freiburg wird diese kulturelle Intervention begleitet von Filmvorführungen im Kommunalen Kino, Fotoausstellungen, mobilen Hörstationen oder einem Konzert mit der deutschen Pianistin Olena Kushpler. Den Auftakt zu den Wachmacher-Wochen machte – in einer Freiburger Straßenbahn – am 14. Mai Sophie Passmann, die im Vorjahr den baden-württembergischen U-20-Poetry-Slam gewonnen hatte.

Kein bisschen müde in Kairo: Vor der von Demonstranten abgefackelten Zentrale der Regierungspartei von Präsident Mubarak sagt der fidele Junge seine Meinung.

Die allseits bekannte, körperliche Frühjahrsmüdigkeit meint der Karlsruher Philosoph Byung Chul Han sicher nicht, wenn er eine ‚Müdigkeitsgesellschaft‘ als westliches Phänomen attestiert. Nach dem alles andere als müden arabischen Frühling stellte sich den Organisatoren die Frage, wie davon im Westen zu lernen wäre. Was kann gegen politische, soziale und intellektuelle Müdigkeit gemacht werden? Das Festival will mit den Wochen der Wachmacher Fragen nach Bedeutung von Kunst und Revolution, nach sozialen und politischen Lähmungserscheinungen im Zeitalter des Fortschrittsdrucks stellen, um aufzurütteln.

Folgerichtig werden die Autoren Abbas Khider, Adania Shibli und Samar Yazbek als ‚Wachmacher‘ angekündigt. Abbas Khider, 1973 in Bagdad geboren, floh 1996 aus dem Irak, hielt sich als „illegaler“ Flüchtling in unterschiedlichen Ländern auf, ist seit 2000 in Deutschland und arbeitet heute in Berlin als Schriftsteller. Samar Yazbek, Jahrgang 1970, ist eine syrische Autorin, Journalistin, Frauen- und Bürgerrechtlerin. Als Herausgeberin der Online-Zeitschrift „Woman of Syria“ und als Autorin der Gruppe Beirut39 erlangte sie so große Aufmerksamkeit, dass sie 2011 mit ihrer Tochter aus Syrien floh.

Adania Shibli ist gebürtige Palästinenserin. Neben ihrer Promotion an der University of East London leitet sie Workshops in Creative Writing and Acting und ist selbst Schauspielerin. Gleich zweimal gewann sie den Young Writer’s Award Palestine. 2004 sind Erzählungen von ihr in der deutschen Zeitschrift Inamo veröffentlicht worden. Der deutsche Schriftsteller Ingo Schulze und der libanesische Autor Elias Khoury lesen und sprechen über Möglichkeiten des Denkens wider die Trägheit im 21. Jahrhundert. Und es ist der Programmteil „Schleudertrauma“, der sich der „paradoxen Gleichzeitigkeit“ von Fortschrittsdruck und sozialen und politischen Lähmungen in Deutschland, Mittel- und Osteuropa widmen will. Womöglich aber bedingt gerade das eine das andere. Hier lesen und diskutieren die ungarische Schriftstellerin Noémi Kiss, die deutsche Autorin Kathrin Passig und die Soziologin Vera King. Eine Filmreihe des Kommunalen Kinos zum „Arabischen Frühling“ begleitet das Projekt mit internationalen Regisseuren und Referenten. Wie sehr das keineswegs verschlafene Programm entmüdet, darf mit Spannung abgewartet werden.

Text: Lars Bargmann / Ingo Heckwolf / Foto: dapd