Die große Bordell-Offensive: Rathaus legalisiert sieben Puffs

Bei der zuweilen durchaus lauten käuflichen Liebe herrscht derzeit das große Stillschweigen in den Amtsstuben: Im Rathaus verweist Stadtsprecherin Edith Lamersdorf auf eine Pressekonferenz zu einer neuen Bordellkonzeption noch im November, bei der Polizei erklärt Sprecher Karl-Heinz Schmid, dass man sich in Absprache mit der Stadtspitze lieber nicht äußern will. Auch die Betreiberin des Studio 79 etwa gibt sich bedeckt, „weil da im Moment was im Gange ist“. Dem Stadtmagazin chilli aber liegen die entscheidenden Drucksachen bereits vor: Demnach will die Stadt eine Sexsteuer erheben, sieben Bordelle legalisieren und geht mittlerweile von einem Bedarf von 120 Liebesdienerinnen im Stadtgebiet aus.


Drucksache G-12/229. Unter dieser Chiffre ist federführend bei Baubürgermeister Martin Haag die neue Bordellkonzeption erarbeitet worden. Die Chefetage im Freiburger Rathaus wusste schon lange, dass die derzeit geltende aus dem Jahr 2001 veraltet ist und längst nicht alles regeln kann, was sie soll. Die neue weist nun neben den erlaubten Puffs House of Love in der Wiesentalstraße 15 und dem FKK-Palast an der Tullastraße gleich sieben weitere Bordellstandorte aus. Und sie geht – nach einem Vergleich mit anderen Städten und Erkenntnissen der Kripo – von einem Bedarf von 120 Prostituierten aus. Nicht nur SPD-Stadtrat Walter Krögner reagierte überrascht auf die exklusiven chilli-Informationen: „Das ist aber das offizielle Anerkenntnis eines Bedarfs, der bisher gerne kleingehalten wurde. Die Stadtverwaltung sieht der Realität ins Auge, muss ins Konzept aber auch noch den Schutz der Prostituierten an ihren Arbeitsplätzen einarbeiten.“ Zudem gäbe es auch in der Moltkestraße eine Einrichtung, die in der Auflistung fehlen würde.

FKK-Palast: Zum Blowjob-Contest kamen 200 Männer an die Tullastraße.


Aus der rechtlichen Grauzone heraus kommen sollen die bordellartigen Betriebe Studio Fantasy (Auf der Haid 1), Passion Palace (Wiesentalstraße 1), Erotikstudio Münzer (Bettackerstraße 25), Hexenhäusle (Schildackerweg 30), Noblesse Freiburg (Todtnauer Straße 1), die Villa Haslach (Haslacher Straße 21 a) und das Studio 79 (Robert-Bunsen-Straße 11a), das als Bordell nach dem erzwungenen Umzug aus der Tullastraße bisher baurechtlich nicht zulässig war. Das soll der Gemeinderat am 20. November beschließen.

Im Kern will das Rathaus sich mit der Ausweitung der Bordellzone rechtlich in sichere Gefilde bringen, denn wie einst bei der Windkraft hätten die Gerichte auch bei der Blowjob-Branche die Möglichkeit, die genehmigenden Behörden für eine – verbotene – „Verhinderungsplanung“ abzustrafen.

Die realitätsnahere Ausweisung von nun insgesamt neun Bordellstandorten soll vor allem die Ansiedlung weiterer horizontaler Betriebe an allen anderen Stellen im Stadtgebiet (!) rechtssicher verhindern. Nicht nur Insider mutmaßen, dass die bisher restriktive Haltung im katholischen Freiburg den Wildwuchs der – intransparenteren – Terminwohnungen beflügelt hat.

Die Frage nach einem größeren Bedarf für die käufliche Liebe hat der FKK-Palast ungefragt schon beantwortet: Seit der Eröffnung vor einem Jahr strömten nach Angaben des Inhabers Berthold Lorenz täglich rund 50 Freier ins Freudenhaus an der Tullastraße – mithin rund 20.000 im Jahr, nur ein Drittel davon kommen aus Freiburg. Allein zum Einjährigen – der Palast hatte zur Feier des Tages einen kostenlosen Blowjob-Contest angeboten – kamen weit über 200 Männer. „Mit dem Palast ist der Bedarf in Freiburg jetzt eigentlich gedeckt“, findet Lorenz.


In der Drucksache G-12/229 heißt es: „Zwischenzeitlich gibt es im Stadtgebiet 80 Bordelle, bordellartige Betriebe und Einrichtungen der Wohnungsprostitution.“ 2005 waren den Behörden insgesamt nur 30 bekannt. Die Branche boomt. Mehr als 50 seien nach neuen Ermittlungen der Kripo bordellartige Betriebe. 15 werden als Terminwohnungen geführt, gegen die dann – wie heute auch schon – nicht eingeschritten werden soll, wenn von ihnen kein Ärger ausgeht.
Städtebaulich nicht erwünscht, aber mit Bestandsschutz ausgestattet sind Rotlichtbetriebe am Rankackerweg, an der Kronenstraße, am Werderring und südlich des Schwabentors. Sie werden nicht ins neue Bordellkonzept aufgenommen. Schon 15 Betrieben haben die Behörden übrigens in den vergangenen anderthalb Jahren die Nutzung untersagt.

Bei der Freiburger Kripo zählt die Branche zum organisierten Verbrechen. Im vergangenen Jahr, ist in der Kriminalitätsstatistik zu lesen, ist gegen 85 Sexualstraftäter ermittelt worden, die 133 Taten gegen die sexuelle Selbstbestimmung begangen hatten. Das sind vier weniger als 2010, die Zahl ist seit 2008 (199) rückläufig. Inwiefern diese Zahlen dem Rotlichtmilieu zuzurechnen sind, ließ Polizeisprecher Schmid offen: Zu den Straftaten zählen Vergewaltigung und sexuelle Nötigung (22 von 133, zwei männliche Opfer), sexueller Missbrauch von Kindern (13), Förderung der Prostitution, Zuhälterei, Verbreitung pornografischer Schriften (20) sowie Besitz und Beschaffung von kinderpornografischem Material.

Hinweise über Revierkämpfe gibt es in Freiburg derzeit nicht. Es ist vielmehr schon neun Jahre her, dass Richter des Freiburger Landgerichts einen 32-jährigen Deutschen wegen bandenmäßigen Menschenhandels und Zuhälterei für fünfeinhalb Jahre hinter Gitter schickten. Die aus dem russischen Raum geholten Frauen mussten in Freiburg erst einmal die Reisekosten abarbeiten.

Erst Ende Oktober aber ließen die Ermittler unter Führung des Landeskriminalamts einen Mädchenhändlerring auffliegen. Die Spielorte für die 150 Einsatzkräfte lagen im Landkreis Konstanz, in Esslingen, Stuttgart und Heidelberg. Ob es im Vorfeld auch Gespräche mit der Freiburger Polizei gegeben habe, wollte ein Sprecher nicht kommentieren. Manche der 50 überwiegend aus dem Kosovo und anderen ehemals jugoslawischen Staaten eingeschleusten Mädchen waren wie Sklaven gehalten worden. Die Staatsanwaltschaft Konstanz ermittelt wegen des Verdachts auf Menschenhandel, Körperverletzung, Freiheitsberaubung und Vergewaltigung. Es geht um viel Geld: Bundesweit werden mit der Lust dreistellige Millionen-Beträge verdient.

Horizontales Gewerbe: Die Stadt will 250.000 Euro Sexsteuer pro Jahr.


Deswegen gab und gibt es auch in Freiburg immer wieder Anfragen nach neuen Bordellen und Terminwohnungen: ob in der Gartenstraße, der Mattenstraße, der Humboldtstraße, im Stübeweg (wo Nachbarn einem Investor das Grundstück vor der Nase wegschnappten), der Bettackerstraße, am Schwabentor (hier wollte der Beate-Uhse-Konzern eine Filiale eröffnen), in der Schnewlinstraße, am Bahnhof oder in den Industriegebieten.

Ebenfalls am 20. November soll der Gemeinderat auch eine neue Vergnügungssteuersatzung durchwinken, die am 1. Januar in Kraft treten soll. Erstmals, so heißt es in der Drucksache G-12/227, soll in der eine Sexsteuer verankert werden. Pro angefangene zehn Quadratmeter sollen die Bordellbetreiber oder die Hauptmieter der Terminwohnungen monatlich 100 Euro blechen. Wer einen so großen Puff wie den FKK-Palast hat, wird das nicht lächelnd quittieren. Prostituierte sollen nicht in Anspruch genommen werden. Eine faire Lösung, wie Krög-ner findet. Die Verwaltung rechnet mit 250.000 Euro aus der Sexsteuer, 55.000 Euro aus einer neuen Steuer für die 15 Wettbüros und mit 550.000 Euro aus der Erhöhung der Steuer für Spielgeräte (von 18 auf 22 Prozent). Auch Sex- und Erotikmessen sowie Anbieter „sexueller Handlungen gegen Entgelt in Wohnwagen und Wohnmobilen“ sollen zur Kasse gebeten werden.

Um das zu kontrollieren, will die Verwaltung eine Stelle in der Kämmerei (55.000 Euro) und eine befristete im Außendienst (10.000) schaffen. Wie die Stellenbeschreibung aussehen wird („Stadt Freiburg sucht Puffdauerbesucher für die Ermittlung von zu besteuernden sexuellen Handlungen“?), lässt die Vorlage offen.

Text: Lars Bargmann / Fotos: istock.com / Felix Holm / Oliver Lang/ddp