Olympia-Aus für das Ringen“, „Kämpfen auf und neben der Matte“, „Baseball statt Ringen?“ – eine Sportart, die von den Medien sonst eher stiefmütterlich behandelt wird, schafft es Anfang 2013 plötzlich in die Schlagzeilen. Und auch in Freiburg ist das Ringen wieder Tagesgespräch. Warum macht ein Sport, der bereits bei den Olympischen Spielen der Antike dabei war, erst von sich reden, als es um seine Existenz geht? Haben Eventsportarten wie Fußball oder Basketball das Ringen aus dem Licht der Öffentlichkeit verdrängt? Sind unverständliche Regeländerungen oder sportliche Misserfolge schuld? Und was ist das eigentlich für ein Sport, den laut Olympischem Komitee niemand sehen will? Auf Spurensuche in einer fast vergessenen Sportart.

Freiburger-Ringer

 

Die Freibadsaison ist vorbei und so trifft man Adolf Seger in diesen Tagen nicht an der Tischtennisplatte im Strandbad, sondern im Fitnessstudio „California“. Während im Hintergrund muskelbepackte Männer schwere Gewichte hieven, versucht der zweifache Olympiasieger und zehnfache Veteranen-Weltmeister eine Erklärung zu finden, wie seine Sportart so knapp an einem Olympia-Aus vorbeischrammen konnte. „Einen Schuh müssen wir uns anziehen“, sagt er und meint damit die Ringergemeinde. „Wir haben Regeln aufgestellt, die kein Mensch verstanden hat, weder der Zuschauer noch die Sportler selbst.“ So habe es etwa für eine Griffverhinderung einen Punkt gegeben, oder das gefahrlose Schieben in die Zone wurde wie ein erkämpfter Punkt bewertet.

 

„Was einst bestraft wurde, wurde plötzlich belohnt – wer soll denn das verstehen?“, entrüstet sich der 68-Jährige. Die Konsequenz: Das Ringen wurde passiver und dadurch uninteressanter. Und so genügte die klassische Sportart irgendwann – zumindest laut einer Analyse des Internationalen Olympischen Komitees – Kriterien wie Zuschauerzahlen, Ticketverkäufen, Mitgliederzahlen oder der Attraktivität bei Jugendlichen nicht mehr.

 

Für die Ringer sei das ein „Aufwachschlag“ gewesen, meint Seger und nippt an seinem Kaffee. Der Weltverband reagierte und frischte sein Regelwerk auf: Gekämpft wird jetzt in zwei Runden à drei Minuten, alle Punkte der beiden Runden zählen. So soll verhindert werden, dass ein Ringer nur das Nötigste tut, um eine Runde zu gewinnen – offenbar mit Erfolg: „Ich war gerade bei einem Heimkampf der RKG“, erzählt Seger, „was ich da endlich einmal wieder gesehen habe, war Ringen, wie es aussehen sollte.“

 

Ringen, wie es aussehen sollte – wo lässt sich das in Freiburg besser beobachten als am Olympiastützpunkt in Littenweiler, wo nicht nur der Zweitligist RKG Freiburg trainiert, sondern auch der Nationalkader? Während draußen die Läufer in der Dämmerung ihre Runden auf der Tartanbahn ziehen, wärmen sich innen Südbadens beste Ringer für das Kadertraining auf. Eine kurze Anweisung des Trainers und es geht los: Die Ringer stellen sich paarweise gegenüber auf und schon wirbelt je einer der beiden durch die Luft und landet mit einem markerschütternden Knall auf der blauen Matte.

Ringerlegende Adolf Seger ...

 

Seger, der das Geschehen lässig vom Rand aus beobachtet, lässt sich davon nicht beeindrucken: „Klar, einem Untrainierten würde es nach so einem Hüftwurf schlecht gehen. Aber den Jungs hier macht das nichts aus.“ Und das sei auch gut so: Wer es nicht schaffe, im Kampf an seine Grenzen zu gehen, der könne niemals ganz oben mitspielen – die mentale Kraft sei beim Ringen ebenso unverzichtbar wie die körperliche, weiß der Olympiasieger.

 

Ein Wurf aus dem Stand gibt im Kampf drei Punkte, bei einem besonders hohen Wurf sind sogar fünf Punkte drin – die Höchstpunktzahl. Für den Laien sehen diese Würfe nicht nur spektakulär, sondern auch sehr professionell aus: Ob hier wohl gerade zukünftige Weltmeister oder Olympiasieger auf der Matte stehen? Seger ist skeptisch: „Früher war Südbaden eine Macht, heute sind wir nur noch ohnmächtig.“
Er hat genug gesehen. Über eine Treppe geht es hinauf ins „Café Olympiastützpunkt“. Das inoffizielle Café ist ein Besprechungsraum mit Kaffeemaschine, in dem sich ein kleines Grüppchen von Ringerveteranen regelmäßig trifft. Ihnen sieht man ihre Vergangenheit als Leistungssportler an – das auch im Alter noch breite Kreuz, die sehnigen Muskeln, aber auch manch ein schleppender Gang aufgrund eines künstlichen Hüftgelenks und natürlich die ringertypischen Blumenkohlohren.

 

Sie alle haben Geschichten zu erzählen, aus einer Zeit, als es in Südbaden noch eine erfolgreiche, ernstzunehmende Ringergemeinde gab: Die 70er Jahre, in denen in Freiburg ein deutscher Meister nach dem anderen aufgestiegen ist, in denen das Ringen ein Breitensport war und Freiburg seine deutsche Hauptstadt. Seger erzählt von seinen fünf großen Brüdern, jeder ein Ringer und zumindest südbadischer Meister, denen er nachgeeifert hat: „Jeder wollte besser sein als der andere.“
In Freiburg fehle es an dieser Konkurrenzsituation, an ein paar überragenden Sportlern, die diesem Sport in Freiburg wieder zu seinem einstigen Prestige verhelfen und andere Nachwuchssportler nach sich ziehen. Die Konsequenz: Ende der 80er stieg der AV St. Georgen in die Zweite Bundesliga ab, der SV Haslach in die Regionalliga – die RKG, die sich aus den beiden Vereinen gegründet hat, hat seitdem keine Luft mehr in der Ersten Bundesliga geschnuppert.

... und Landestrainer Mario Sachs sind sich einig: Durch ein Olympia-Aus wären dem Ringen in Freiburg Strukturen und Finanzen weggebrochen.

 

Das Training in der Halle ist mittlerweile vorbei. Der südbadische Landestrainer Mario Sachs sitzt auf einer Bank und unterhält sich mit ein paar Schülern. Er sieht müde aus – gerade ist er aus Sibirien zurückgekommen, wo die von ihm trainierte Jugendmannschaft vernichtend geschlagen wurde. Dabei ist Südbaden bei der Nachwuchsarbeit in Deutschland ganz vorne mit dabei.

 

Das Problem sei, dass sich der Erfolg der Jugend oftmals nicht ins Erwachsenenalter mitnehmen lässt. „Die Frage ist, ob sie den großen Sprung schaffen“, sagt der Trainer. Ein Problem sei, dass bei den Jugendlichen oft schon früh eine geistige Sättigung eintrete: Wer als Zehnjähriger bereits bei 200 Turnieren gekämpft habe, sei irgendwann ausgelaugt. Und wenn mit 16 bis 19 Jahren die Wettkampftätigkeit eigentlich zunehmen müsse, gebe es kaum noch Turniere.

 

Die Aberkennung des Olympiastatus hätte die Situation drastisch verschlimmert, da sind sich Sachs und Seger einig. „Die Strukturen und die Finanzen wären weggebrochen“, ist sich Sachs sicher. Für Sponsoren sei das Ringen nicht so interessant wie andere Sportarten, und so finanziert sich der Landesverband vor allem durch öffentliche Gelder.

 

Die eventuelle Suche nach einer neuen Trainingsstätte, der Ersatz der Trainer durch Hobbytrainer – all das sind Fragen, die durch das Zurückrudern des IOC glücklicherweise hinfällig geworden sind. Für den Landestrainer bedeutet das, jetzt nach vorne zu schauen: „Wir müssen sicherlich hier und da noch an einer Stellschraube drehen, doch jetzt gilt es erst mal, den Rückenwind zu nutzen.“

 

Text & Fotos: Tanja Bruckert

 

Heut Abend kämpft die RKG 2 um 20 Uhr in Schuttertal gegen den RSV Schuttertal.