Fünfzehn Jahre ist eigentlich kein Alter. Es sei denn, die Rede ist von einer inklusiven Theatergruppe. Denn eine Gruppe von Menschen mit und ohne Behinderung, die sich nicht „nur“ als reines Sozialprojekt versteht, sondern ernstzunehmende künstlerische Arbeit leistet, war 1998 einmalig in Baden-Württemberg. Mittlerweile aber führen die momentan 16 Schattenspringer schon ihre zehnte Bühnenproduktion auf, sind gerade als ein Projekt von 35 (aus 1100 Bewerbern) für den Ehrenamtspreis „Echt gut!“ des Landes nominiert worden und auf Kultur- und Theaterfestivals im ganzen Land unterwegs. cultur.zeit-Autorin Tanja Bruckert ist an die Christuskirche in der Wiehre gefahren und hat sich am Rande einer Probe fürs neue Stück „Nach den Sternen greifen“ mit Produktionsleiter Bertram Goldbach und Schauspieler Siegfried Wagmann über die Schattenspringer unterhalten.

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cultur.zeit: Herr Wagmann, Sie sind ein Schattenspringer der ersten Stunde. Erinnern Sie sich noch, wie Sie damals zu der Gruppe gekommen sind?
Wagmann: Ich habe mich auf eine Zeitungsannonce hin gemeldet, in der stand: Suchen Behinderte für Theatergruppe.
Goldbach (lacht): Na, ganz so haben wir das nicht formuliert …
Wagmann: Zuerst war ich nicht so begeistert, weil ich mit meiner spastischen Behinderung der einzige Körperbehinderte war.
Goldbach: Na, wir haben auch nicht schlecht gestaunt. Unsere Zielgruppe waren eigentlich Menschen mit einer geistigen Behinderung, doch plötzlich stand der Siggi vor uns. Das war so zwar nicht geplant, aber dadurch sind wir zu einer einzigartigen Gruppe geworden, bestehend aus Schauspielern mit geistiger, körperlicher und Sinnesbehinderung sowie ohne Behinderung, doch sprechen wir da lieber von „normal behindert“. Das Gruppengefühl wuchs dadurch viel schneller, als wir uns das vorgestellt hatten und als es wohl bei einer bipolaren Gruppe geschehen wäre. Wir verstehen uns jetzt alle als Schattenspringer und nicht als Menschen mit oder ohne Behinderung.

 

cultur.zeit: Und die Begeisterung hat sich bei Ihnen dann doch noch eingestellt.
Wagmann: Am Anfang habe ich mich gefragt, ob das wirklich was für mich ist, denn ich brauche zu allem etwas mehr Zeit. Aber ich habe tolle Menschen kennengelernt, die Verständnis für meine Behinderung haben und mir diese Zeit lassen.
Goldbach: Damit haben wir am Anfang gar nicht gerechnet, die Zeit, die wir brauchen. Wir wollten ein halbes Jahr nach Probenbeginn mit den Aufführungen starten, es dauerte dann aber fast zwei Jahre, bis wir Premiere gefeiert haben.

Bertram Goldbach und Siegfried Wagmann verstehen sich als Schattenspringer – und nicht als Menschen mit oder ohne Behinderung.

 

cultur.zeit: Wieso?
Goldbach: Wir hatten uns Shakespeares „Was ihr wollt“ ausgesucht, weil wir ein Stück wollten, das jeder kennt. Im Laufe der Proben haben wir uns jedoch immer weiter von den vorgegebenen Vorlagen entfernt und das Stück Schritt für Schritt mit den Schauspielern zusammen aufgebaut. Heute schreiben wir unsere Stücke selber und wählen das Thema nach dem aus, was die Gruppe gerade beschäftigt.
Wagmann: Und wenn das Thema steht, dann schaut unser Regisseur Wolfgang Kapp mit uns, zu wem welche Rolle passt, und das nicht abhängig von der Behinderung. Das ist das Schöne am Theater: Ich bin auf der Bühne nur der Giovanni oder der Mönch und nicht der Spastiker. Ich hänge meine Behinderung wie eine Jacke auf einen Kleiderhaken und fülle meine Rolle als Mensch aus. Erst nach der Aufführung ziehe ich diese Jacke wieder an.

 

cultur.zeit: Gibt Ihnen die Theaterarbeit auch abseits der Bühne etwas – wenn Sie Ihre „Jacke“ wieder anhaben?
Wagmann: Ja, ich bin viel selbstbewusster geworden. Und lockerer. Nach jeder Probe habe ich das Gefühl, unheimlich entspannt zu sein. Wenn ich nach Hause komme und der Arm ganz locker auf der Couch liegt – das ist für einen Spastiker ein tolles Gefühl.

 

cultur.zeit: Das Theater hat einen therapeutischen Effekt?
Goldbach: Es gibt positive Nebenaspekte. Bei manchen wird die Aussprache besser, andere können sich körperlich entspannen, und mehr Selbstbewusstsein haben wir alle bekommen. Das ist aber nicht unser eigentliches Ziel. Wir wollen durch unsere künstlerische Arbeit überzeugen und nicht primär als soziales Projekt.

 

 

Infos & Termine

 

Das neue Stück:
Nach den Sternen greifen …

18.10., 20 Uhr & 19.10., 16 Uhr im Haus 37, Alfred-Döblin-Platz
25.10., 20 Uhr & 26.10., 16 Uhr im Saal der Ludwigskirche, Starkenstr. 8
www.dieschattenspringer.de

 

Nominierung: Die Schattenspringer sind für den Ehrenamtspreis „ECHT GUT!“ nominiert. Online-Voting unter www.echt-gut-bw.de in der Rubrik „Mitmachen“ unter der Kategorie „Sport und Kultur“.

 

Die Unterstützer: Das Projekt Schattenspringer wäre ohne die Trägerschaft des Diakonischen Werkes Freiburg, des Theater Phänampfer und des Arbeitskreises Behinderte an der Christuskirche nicht möglich.

 

Text: Tanja Bruckert / Fotos: Tanja Bruckert, Taro Herbel