Die beiden großen Publikumsbanken haben ihre jüngsten Bilanzen veröffentlicht. Der Sparkassen-Vorstandsvorsitzende Marcel Thimm und auch der Volksbank-Chef Uwe Barth legten dabei trotz der andauernden Niedrigzinsphase stabile, gute Zahlen vor. Die Sparkasse erwirtschaftete 66, die Volksbank 30 Millionen Euro (siehe Infobox). Bemerkenswert vor allem, dass die Kunden insgesamt 370 neue Millionen in die Banken trugen. Im schon traditionellen Jahresgespräch mit Chefredakteur Lars Bargmann bewerteten die Bankbosse aber auch den politischen Kurs der Europäischen Zentralbank (EZB), der neuen Regierung in Griechenland und der Schweizer Nationalbank (SNB). Und kündigen die Schließung von Geschäftsstellen an. Eine Folge der EZB-Politik.

 

Betreuen 14,6 Milliarden Kundengelder: Volksbank-Vorstand Uwe Barth (l.) und Sparkassen-Chef Marcel Thimm.

bib: EZB-Präsident Mario Draghi will bis Herbst 2016 für schwer fassbare 1,1 Billionen Euro Anleihen und andere Vermögenswerte kaufen, um die Deflationsgefahr zu bannen. Wie bewerten Sie das?
Thimm: Sehr skeptisch. Ich glaube, dass es nicht richtig ist, mit so viel Geld fehlende Strukturreformen ersetzen zu wollen. Zudem geht dieser Kurs zulasten der Sparer. Und das tut uns als Sparkasse besonders weh.

 

bib: Ist auch Ohnmacht mit im Spiel, wenn die EZB Ihre Geschäftsmodelle attackiert?
Barth: Wir müssen damit umgehen. Die Befürworter des EZB-Kurses argumentieren mit einer drohenden Deflation und dem schwachen Wachstum in der EU, die Gegner sagen, dass damit dringende Strukturreformen erschwert werden, weil die Staaten sich günstig verschulden können und so nicht gezwungen werden, Reformen zu machen.

 

bib: Und Sie selbst?
Barth: Ich bin eher skeptisch. Anders als in den USA, wo solche Maßnahmen schneller und direkter auf die Wirtschaft wirken, wird in Europa eine erweiterte Geldmenge vor dem Hintergrund des eh schon billigen Geldes keinen wesentlichen Einfluss auf das Wachstum haben.

 

bib: Das billige Geld macht die Reichen noch reicher, weil sie in Immobilien und Firmen investieren können, und die Armen noch ärmer, weil sie auf dem Sparbuch kaum mehr einen Inflationsausgleich bekommen.
Barth: Die Niedrigzinsphase ist ein riesiges Dilemma, eine bittere Folge der Staatsschulden- und Finanzkrise. Wir vernichten zwar keine Vermögen, weil wir noch keine negativen Realzinsen haben, das ist aber ein schwacher Trost.

 

bib: Der sogenannte kleine Mann zahlt ohnehin schon die Zeche für die Krise, die Staatsschulden, die Geldpolitik der Notenbanken. Sparkassen-Präsident Georg Fahrenschon nennt das kalte Enteignung.
Thimm: Das kann man so sehen. Trotzdem raten wir unseren Kunden in der Regel, ihr Geld sicher anzulegen, auch wenn es keine hohen Zinsen gibt. Mehr Zinsen gibt es nur mit höherem Risiko, und das passt zum Profil der meisten unserer Anleger nicht.

 

bib: Die neue griechische Regierung hat ihre Europartner lange brüskiert, bis sie am 20. Februar eingeknickt ist, weil sie wieder Geld braucht. Wie bewerten Sie das?
Barth: Ich habe ein Grundverständnis für die griechische Bevölkerung, die seit sechs Jahren auf eine harte Probe gestellt wird. Auf der anderen Seite wird es nur Wohlstand geben, wenn die Wettbewerbsfähigkeit des Landes wieder hergestellt wird …

 

bib: … Wohlstand hierzulande ist auf Arbeit und Anstrengung gegründet und nicht auf Konsum und Kredit …
Thimm: Die neue Regierung hat noch nicht vom Wahlkampf auf die Regierungsverantwortung umgeschaltet. Wir haben viele andere Länder, die auch mit großen Entbehrungen einen harten Weg gegangen sind. Ich sehe das Geschehen mit großer Sorge und befürchte, dass es am Ende zu einer Konfrontation mit einem nicht angenehmen Ausgang kommen wird.
Barth: Wir haben in Spanien und Portugal in diesem Jahr noch Parlamentswahlen. Die Eurogruppe darf in Griechenland nicht klein beigeben, sonst gibt es die Gefahr einer Ansteckung, das ist meine Sorge.

 

bib: Würde der Euroraum den Austritt Griechenlands ver- kraften?
Thimm: Ich glaube schon. Aber die griechischen Bürger wollen das nicht. Die heben jetzt ihre Euros ab, weil sie diese nicht verlieren möchten.
Barth: Im Vergleich zu 2009 wäre das jetzt verkraftbar.

 

bib: Die Franzosen spielten unter dem Titel Black Swan mal den Euroausstieg durch. Sollte Deutschland das auch machen?
Thimm: Ich glaube, wenn man das Rad mit der jetzigen Erfahrung zurückdrehen könnte, würde heute keiner mehr den Euro einführen. Jetzt ist das aber keine Alternative mehr.
Barth: Bisher hat Deutschland vom Euro profitiert, dank unserer Exportstärke haben wir eine gute Beschäftigungsentwicklung und eine hohe Geldwertstabilität. Ob das dicke Ende ganz zum Schluss kommt, kann niemand sagen.

 

bib: Mitte Januar schaffte die SNB urplötzlich die Bindung des Franken vom Euro ab. Darauf schnellte der Franken sprunghaft um gut 20 Prozent nach oben. Verstehen Sie den Kurs?
Barth: Die Märkte sind richtig überrascht worden, zumal es zwei Wochen vorher noch Aussagen von Direktoren der SNB gab, die sich eindeutig zum Wechselkurs von 1,20 bekannt haben. Da muss man sich wundern über die Kommunikation. Das ist ein Vertrauensverlust.
Thimm: Der Wechselkurs hat damit die Schweizer Wirtschaft nach 2011 nun erneut vor dramatische Probleme gestellt. Unsere Region profitiert davon erst einmal, weil noch mehr Schweizer Kaufkraft nach Südbaden fließt.

 

bib: FAZ und Handelsblatt haben hernach als Erste über eine heimliche Ankopplung berichtet. Die SNB arbeite an einer Art inoffiziellem Euro-Mindestkurs in einem Korridor von 1,05 bis 1,10 Franken je Euro. Dieses Wechselkursziel würde sich die SNB durchaus zehn Milliarden Franken kosten lassen.
Barth: Ich kann mir gut vorstellen, dass die SNB weiter am Markt interveniert.
Thimm: Das glaube ich auch. Mit der Schocktherapie hat die SNB zwar viele normale Wirtschaftstreibende vor den Kopf gestoßen, aber sie hat sicher auch viele Spekulanten abgeschüttelt, die jetzt ihre Wunden lecken.

 

bib: Herr Thimm, die Ulmer Sparkasse hatte rund 22.000 hochverzinste Scala-Sparverträge mit ihren Kunden geschlossen. Nun wurde das dem Institut – angesichts des jahrelangen Zinstiefs – zu teuer und es will die Verträge kündigen. Vor dem Landgericht kassierte die Bank eine Pleite. Wie bewerten Sie das Vorgehen? Ein Imageschaden für die Sparkasse, den Hort der Seriosität …
Thimm: Ja, das ist es. Die Berichterstattung war aber auch nicht immer seriös. Die Ulmer Verträge können stark zulasten der Bank gehen, sie haben ihren Kunden deshalb sehr attraktive Alternativen angeboten und meines Wissens noch keinen einzigen Vertrag gekündigt.

 

bib: Stehen Sie vor ähnlichem Problem? Alte, teure Verträge und niedrige Zinsen am aktuellen Markt …
Thimm: Ja, auch wir haben langfristige Sparverträge mit aus heutiger Sicht hohen Zinsen. Aber wir haben ja auch Kredite mit höheren Zinsen. Und Verträge müssen eingehalten werden.

 

bib: Die Deutschen sind Aktienmuffel, auch wenn der DAX in historischen Höhen fliegt. Von den mehr als fünf Billionen Euro Privatvermögen sind keine zehn Prozent in Aktien angelegt. Stagniert bei Ihnen das Aktiengeschäft?
Barth: Man muss das historisch verstehen: Der Deutsche ist über Jahrzehnte in seinem Sparverhalten von der Rente geprägt worden. Das hat sich erst in den letzten Jahren geändert. In den USA gibt es kein Rentensystem, deswegen herrscht da eine andere Sparkultur, die USA haben 50 Prozent in Aktienmärkten, aber auch die Holländer mit 30 oder die Schweden mit 25 liegen weit über den Deutschen.
Thimm: Wir sind mit der Einstellung bisher ja so schlecht nicht gefahren. Und als die Menschen mal risikofreudiger waren, ist das prompt in die Hose gegangen. Zur Jahrtausendwende platzte der neue Markt, 2009 gab es einen Aktiencrash. Trotzdem würde ein etwas höherer Akti- enanteil am Sparvolumen bei vielen Menschen Sinn machen. Wir sahen 2014 bei unseren Kunden auch das erste Mal wieder nennenswerte Investitionen im Aktienbereich. Fonds spielen die Hauptrolle.
Barth: Bei uns haben die Kunden mehr in Wertpapiere und Zertifikate und Aktienfonds investiert, nicht so sehr in Einzelaktien.

 

bib: Besonderheiten in der 14er Bilanz?
Thimm: Die entspannte Risikosituation. Es gab kaum Pleiten mit Kreditverlust. Und wenn, dann hatten wir bereits höher vorgesorgt, netto also überhaupt keine Verluste. Das war in den letzten 30 Jahren anders.
Barth: Ich habe es noch nie erlebt, dass wir drei Jahre hintereinander überhaupt keine Zufuhren im Risikobereich hatten.

 

bib: Eine positive Folge der Krise? Die neue Vorsicht des Unternehmers?
Thimm: Ja schon, aber auch eine Folge von Basel II, das hat auf beiden Seiten, bei Banken und Unternehmen, etwas verändert. Die zweite Besonderheit ist, dass im letzten Quartal die Investitionen angesprungen sind. Diese Belebung macht Hoffnung, weil das immer ein Spiegelbild der regionalen Wirtschaft ist. Auch auf der Einlagenseite haben wir ein ordentliches Wachstum, aber noch erfreulicher ist wegen der Investitionen die Kreditseite.
Barth: Bei den Einlagen sind wir überrascht worden, die legten leicht zu. Bei den Krediten kann ich Ähnliches berichten. Der Region geht es gut, es war ein gutes Kreditjahr.

 

bib: Wenn die EZB weiter so agiert, werden Ihre Erträge zurückgehen.
Barth: Natürlich. Die seit mehr als 100 Jahren bewährten Geschäftsmodelle von Volksbanken und Sparkassen gründen auf den Zinsertrag, weil wir eben nicht im weltweiten Investmentgeschäft unterwegs sind.

 

bib: Also müssen Sie noch heftiger auf die eigenen Kosten schauen.
Thimm: Wenn das Zinsniveau so bleibt, wird die Geschäftsstellenstruktur nicht so bleiben wie sie ist. Wir werden in ein paar Jahren sicher weniger als heute haben.
Barth: Das ist auch bei uns ein Thema. Wir müssen Nähe neu definieren.

 

bib: Was kostet eine kleine Filiale auf dem Land, 250.000 Euro?
Thimm: Wir kalkulieren mit 250.000 bis 300.000 Euro bei anderthalb Mitarbeitern. Von unseren aktuell 71 Filialen sind 27 Kleinstgeschäftsstellen, die sich betriebswirtschaftlich nicht rechnen. Aber noch mehr als ein Kostenthema ist es ein Qualitätsthema. Um gute Beratung sicherzustellen brauchen wir ausreichende Fallzahlen und ein Mitarbeiterteam, das sich untereinander austauschen kann. Weniger als drei Mitarbeiter sollten es deshalb in keiner Filiale sein.
Barth: Das Internetbanking nimmt ständig zu, durch die jüngeren Generationen wird sich das weiter verändern. Wir müssen unseren Genossen gute Alternativen für wegfallende Filialen bieten.

 

bib: Welche Geschäftsstellen es trifft, ist noch nicht entschieden?
Barth und Thimm: Nein.

 

bib: Herr Barth, Herr Thimm, vielen Dank für das Gespräch.

 

Bilanz Sparkasse Freiburg 2014*

 

Bilanzsumme5570 (+61)
Betr. Kundenvolumen9565 (+334)
– in Krediten 4066 (+143)
– in Einlagen/ Wertpapieren5499 (+191)
Ertrag167 (+6)
– aus Zinsen121 (+5)
– aus Provisionen45 (+1)
Personal- & Sachkosten101 (+5)
Operatives Ergebnis66 (+2)
Ergebnis vor Steuern**30 (+1)
Steuern 22 (+1)
Überschuss8 (+/-0)
Cost-Income-Ratio59,9
Geschäftsstellen71 (+/-0)
Mitarbeiter1275 (+8)

 

Bilanz Volksbank Freiburg 2014*

 

Bilanzsumme2820 (+169)
Betr. Kundenvolumen5073 (+254)
– in Krediten 1819 (+73)
– in Einlagen/Wertpapieren3253 (+181)
Ertrag78 (+3)
– aus Zinsen57 (+2)
– aus Provisionen22 (+1)
Personal- & Sachkosten49 (+/-0)
Operatives Ergebnis30 (+3)
Ergebnis vor Steuern**14 (+2)
Steuern10 (+2)
Überschuss4 (+/-0)
Cost-Income-Ratio63
Geschäftsstellen48 (-1)
Mitarbeiter521 (+/-0)

 

*in Millionen Euro (nicht die letzten 3 Angaben); ** nach Reservenbildung und Bewertungen

 

Fotos: ns