Vor einem Jahr hat Tilmann von Stockhausen dem chilli seine Top Ten der größten städtischen Kunstschätze vorgestellt. Jetzt muss der Direktor der städtischen Museen seine Rangliste wieder über den Haufen werfen: Der Adelhauser Tragaltar – im vergangenen Sommer noch auf Platz sechs – ist auf den ersten Platz gerückt. Der Grund: Eine Reihe neuer Untersuchungen hat ergeben, dass der Tragaltar „viel bedeutender ist, als wir jemals gedacht haben“, so der Museenchef. Eine Ausstellung im Augustinermuseum nimmt Freiburgs wichtigsten Kunstschatz nun in den Fokus.

 

Wo zuvor noch fraglich war, ob das Objekt aus Oberitalien oder vom Mittelrhein stammt und seine Entstehung nur grob zwischen dem 8. und 10. Jahrhundert datiert werden konnte, herrscht nun Klarheit: Der Tragaltar stammt aus dem heutigen Franken und ist im letzten Drittel des 8. Jahrhunderts entstanden. Damit steht fest, dass der Altar – von der Größe eines Vesperbretts – einer der bedeutendsten Schätze der Karolingerzeit ist. „Es ist gut möglich, dass Karl der Große den Tragaltar wirklich in den Händen gehalten hat“, stellt von Stockhausen die besondere Bedeutung des Kunstwerks im Jubiläumsjahr zum 1200. Todestag des Kaisers heraus.

Nicht größer als ein Vesperbrett, aber umso bedeutender: der Adelhauser Tragaltar.

 

Zur Zeit der Karolinger wurden die geweihten Tragaltäre auf Missionsreisen, Pilgerfahrten oder Kriegszügen mitgeführt, um auch dann die Eucharistie feiern zu können, wenn gerade keine Kirche in der Nähe war. Wo der mit Gold, Silber und Email verzierte Altar die Jahrhunderte danach verbrachte, ist unklar. Seine Spur lässt sich erst wieder in dem ehemaligen Dominikanerinnenkloster Adelhausen in Freiburg finden, das im 17. Jahrhundert aus einem Zusammenschluss von vier Klöstern hervorgegangen ist. Von hier aus geht er im Jahr 1900 als Dauerleihgabe der Adelhausenstiftung in die Städtischen Sammlungen über.

 

Nach all seinen Reisen zu religiösen Zwecken schließt sich nun eine Reise im Namen der Wissenschaft an: Zunächst nimmt die Professur für Waldwachstum der Freiburger Universität das Eichenholz des Altars unters Mikroskop, um sich die Jahresringe anzuschauen. Das Ergebnis: Der Baum, aus dem das Brett stammt, ist im heutigen Raum Franken gewachsen, gefällt wurde er nicht vor dem Jahr 759. In Verbindung mit den kunsthistorischen Untersuchungen konnte der Tragaltar damit auf das letzte Drittel des 8. Jahrhunderts datiert werden.

 

Doch damit nicht genug: Als nächstes schickt die Hochschule für Technik und Wirtschaft den Tragaltar durch einen 3D-Computertomographen, der in seinem Inneren vier gefüllte Reliquienkammern sichtbar macht. Ein winziges Endoskop, das durch ein Nagelloch eingeführt wird, soll zeigen, was sich in diesen Kammern befindet – kann aber nur bestätigen, was man eh schon weiß: In den Kammern sind mit Textil umwickelte Partikel, bei denen es sich vermutlich um Knochen handelt.

 

Zu guter Letzt nimmt sich noch das Römisch-Germanische Zentralmuseum in Mainz des Kunstwerks an und untersucht mit einer Röntgenfluoreszenzanalyse die verwendeten Materialien wie Email oder die Feuervergoldung.

 

Die Ergebnisse werden noch bis zum 28. Januar im Kaiserfensterfoyer des Augustinermuseums präsentiert. In einem Schatzhaus darf sich der reich verzierte Altar nun umgeben von Leihgaben aus deutschen und europäischen Museen von all seinen Reisen erholen.

 

Text: Tanja Bruckert / © Augustinermuseum – Städtische Museen Freiburg, Fotos: Alex Killian