Als der Erste Weltkrieg nach Südbaden kam

Die Industrie zerstört, die Altstadt in Ruinen, fast 3000 Todesopfer: In Freiburg hat sich der Bombenangriff vom 27.11.1944 ins kollektive Gedächtnis gebrannt. Was die wenigsten wissen: Schon im Ersten Weltkrieg tobte über dem Münster der Luftkrieg. Als Front-, Garnisons- und Lazarettstadt kam Freiburg eine militärische Schlüsselrolle zu. Die Folge: Von allen deutschen Städten wurde Freiburg am stärksten bombardiert. Bei 25 Angriffen wurden knapp 300 Bomben abgeworfen. In mehr als 30 Lazaretten starben 1200 Menschen.
Das Wetter war heiß und feucht im Frühsommer 1914, als sich die Stadt an den Rhythmus der neuen Jahreszeit gewöhnte. Das ausgelassene nächtliche Treiben der Studenten nahm mit dem bevorstehenden Semesterende zu. Konzerte füllten den Stadtpark, Vereine unterschiedlicher Art begrüßten den Sommeranfang mit Festen und Ausflügen in die Umgebung.

Flakscheinwerfer auf dem Schlossberg (Archivnummer  M 736 10450)

 

Es klingt idyllisch, wie der amerikanische Historiker Roger Chickering in seinem Buch „Freiburg im Ersten Weltkrieg“ die letzten Tage in Friedenszeiten beschreibt. Vier Jahre später sollte Freiburg als die am stärksten bombardierte deutsche Stadt in die Geschichte eingehen. „Totaler Krieg“ nennt das der Historiker.

Im Sommer 1914 bricht über Europa die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ herein. Die Ausgangslage ist kompliziert: Auf dem Höhepunkt des Imperialismus sind die Beziehungen zwischen den Großmächten seit Jahren angespannt. Zusätzlich existiert ein verworrenes Geflecht von Bündnissen, in dem sich einzelne Staaten ihre Unterstützung garantieren. Am 28. Juni ermorden serbische Separatisten den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajevo, woraufhin die Donaumonarchie auf Rache sinnt.

Als Österreich-Ungarn einen Monat später gegen Serbien in den Krieg zieht, ist klar, dass auch das verbündete Deutsche Reich mit von der Partie ist – was wiederum Frankreich und Russland nicht dulden können. Die Katastrophe nimmt ihren Lauf: Vier Jahre später werden 17 Millionen Menschen ums Leben gekommen sein – viele in brutalen Stellungskämpfen und bei – von Deutschland begonnenen – Gasangriffen im Westen.

Der Erste Weltkrieg „mischt die Karten neu“, wie es der Leiter des Freiburger Museums für Stadtgeschichte, Peter Kalchthaler, formuliert. Erstmals treten die USA auf der weltpolitischen Bühne auf, in Russland wird 1917 der Zar gestürzt und der Versailler Friedensvertrag verlangt dem deutschen Volk viel ab – so viel, dass es nicht einmal zwei Jahrzehnte später dem Demagogen Hitler verfällt …

Anatomisches Institut der Universität Freiburg nach dem Luftangriff vom 14. April 1914 (M 7061)

 

Sommer 1914: Wie im gesamten Kaiserreich ist das Militär in Freiburg omnipräsent: Im Stadtgarten ertönt Marschmusik, auf dem Flugplatz exerziert die Artillerie. Jedes Jahr wird am „Sedanstag“ der Sieg gegen die Franzosen von 1871 gefeiert, woran seit 1876 auch das Siegesdenkmal erinnert. „Die Armee hatte ein sehr hohes Ansehen“, erklärt Kalchthaler. „so wie heute die Regierungspräsidentin zu jedem gesellschaftlichen Anlass eingeladen wird, waren es damals die Offiziere.“

Als im Sommer 1914 der erste Schuss fällt, bricht auch in Freiburg die Kriegseuphorie aus, zumindest im gut situierten Bildungsbürgertum. Die einfachen Leute leiden von Anfang an: Weil fast alle Männer an die Front müssen, gehen viele Geschäfte pleite. Innerhalb kurzer Zeit erlebt die Stadt einen rasanten Bevölkerungsaustausch: Aus ganz Deutschland kommen Soldaten, um ins umkämpfte Elsass versetzt zu werden. Die Stadthalle verwandelt sich in ein einziges großes Lazarett. Während ausländische Studierende gezwungen werden, auszureisen, setzen sich erstmals Frauen ans Steuer der Straßenbahnen – die Männer wollen schließlich „zum Frühstück nach Paris“. Der erste Tote wird am 13. Dezember im Colombipark gefunden.

Schlange vor einem Mehlladen 1914 (M 7061)

 

Im Elsass toben alsbald blutige Kämpfe, besonders auf dem Hartmannswillerkopf. Nachts ist das Artilleriefeuer bis nach Freiburg zu sehen. Doch auch die Stadt selbst bekommt den Krieg zu spüren. „Als die ersten Flugzeuge und Zeppeline am Himmel auftauchten, haben die Leute noch gestaunt“, erzählt beim Redaktionsbesuch der Historiker Robert Neisen, der eine Ausstellung über Freiburg im Ersten Weltkrieg vorbereitet. „Luftkrieg – so etwas gab es bis dahin einfach noch nicht.“

Die deutsche Kriegsführung protestiert, sieht in den Angriffen auf die „offene Lazarettstadt“ einen Bruch des Völkerrechts. „Dabei wird übersehen, dass Freiburg per Flak sehr wohl verteidigt wurde“, erklärt Neisen. „Außerdem wurden massenweise Rüstungsgüter produziert.“

Beschädigtes Haus in der Rosa-straße nach einem Bombenangriff (M 7061)

 

Anfangs werfen die Piloten ihre Granaten noch per Hand aus ihren Flugzeugen. Sie sollen Bahnanlagen, Kasernen und den Flugplatz treffen. Und die Rüstungsindustrie. So stellt etwa das Pharmakologische Institut kriegswichtige Zündernadeln her, während die Oberrheinische Metallwarenfabrik Granaten, Geschosse und Lastwagen fertigt. Viele Bomben verfehlen ihr Ziel; so wird etwa das Schlachthaus mehrfach getroffen. Obwohl nur wenige Menschen ums Lebens kommen, erzielt der Luftkrieg seine Wirkung: „Jeder Fliegerangriff unterbricht den Wirtschaftskreislauf und demoralisiert den Gegner“, so Neisen.

Der Unmut in der Bevölkerung wächst: Weil die Soldaten an der Front versorgt werden müssen, hungern in der Heimat die Zivilisten. Alles wird rationiert, Nahrung gibt es nur noch per Lebensmittelkarte. Die Flak auf dem Schauinsland, ein erbeutetes Modell aus Russland, erweist sich als völlig untauglich. „Je ärmer die Leute, desto größer der Frust“, fasst Dargleff Jahnke die Situation zusammen. Der Archivar beschäftigt sich mit der Freiburger Lokalgeschichte. Sein Fazit: „Die Reichen konnten es sich leisten, wegzuziehen, während die Armen bleiben mussten.“ Beim schwersten Angriff am 14. April 1917 bombardieren französische und britische Piloten Freiburg, es sterben 13 Menschen, insgesamt während der fünf Jahre mehr als 2000. Im Mai stellte das Rathaus die Straßenbeleuchtung komplett ein. Der Schaden an der Infrastruktur summiert sich bald auf 5 Millionen Goldmark (heute: 25 Millionen Euro). Die Kriegsausgaben der Stadt summieren sich auf über 27 Millionen Mark. Die Menschen fliehen, allein 1918 verlassen 3000 Haushalte die Stadt.

Lebensmittelkarte (M 34-2)

 

Und doch gibt es inmitten aller Zerstörung auch Lichtblicke: So werden in den mehr als 30 Freiburger Lazaretten auch französische Soldaten versorgt; es kommt zu Verbrüderungsszenen unter Kameraden. Und, so schreibt Chickering, es gab auch medizinische Wunder: „Unter den Überlebenden war ein Soldat, der angeblich von 40 Kugeln und Granatsplittern getroffen worden war.“

Text: Steve Przybilla / Alle Vorlagen: © Stadtarchiv Freiburg