Die 47-jährige Anna M. (Name geändert) hat’s 2011 erwischt: Spielsucht. In einer Automatenhalle bei Freiburg verzockte sie in wenigen Wochen 30.000 Euro. Selbst eine Psychotherapie konnte nicht helfen. Nach jahrelangem Versteckspiel ist sie nun „trocken“ – und erzählt ihre Geschichte dem chilli.

 

Job, Familie, Geld – Anna M. steht vor fünf Jahren voll im Leben, eine Powerfrau. Doch plötzlich geht’s bergab: Ihre Mutter stirbt, Freunde gehen aus ihrem Leben, die Firma ist pleite. M. verfällt dem Automatenspiel. Heute kann sie darüber sprechen, die verheiratete Mutter zweier Kinder ist trocken.

 

Game over: In einer Spielhalle bei Freiburg gerät Anna M. in den Strudel der Spielsucht. Die Angestellten dort arbeiten mit allen Tricks.

Macht süchtig: Am Spielautomaten verliert Anna M. die Kontrolle.

 

An das erste Mal im Casino erinnert sie sich genau: Im Februar 2010 geht sie gegen 7 Uhr morgens mit einem Freund in eine Spielhalle, nicht weit von Freiburg. Der Raum ist angenehm dunkel, weicher Teppichboden, nette Atmosphäre. Einfach mal ausprobieren. Ein bisschen zocken ist ja drin. Geld hat sie, einen neuen Job auch. Bis zum ersten Arbeitstag sind noch ein paar Wochen Zeit. Seelisch geht es ihr so lala, sie hat Redebedarf.

 

Die Frau an der Theke ist freundlich, hört zu, fragt nach. „Ich habe ihr in zwei Stunden mein ganzes Leben erzählt“, erinnert sich Anna M.. Die Getränke sind kostenlos. Sogar die ersten 20 Euro für den Automaten bekommt sie spendiert. „Ich schmeiß die einfach mal für dich rein“, sagt die Thekenfrau, eine mittlerweile verbotene Masche. Anna M. denkt sich nix dabei, zockt ein bisschen. Und geht sogar mit einem kleinen Gewinn nach Hause.

 

Am nächsten Tag kommt sie wieder. „Die Frau hat mir einfach zugehört ohne zu urteilen, das war angenehm“, sagt M.. Als sie Geld am Bankautomaten im Keller holt, steht der nächste Kaffee schon bereit. Sie beginnt mit 50 Cent Einsatz. Als fünf Cowboys aufleuchten, jubelt sie: 500 Euro gewonnen. „Boah, wie geil!“ Sie steigert den Einsatz. Erst auf 80 Cent, dann auf einen Euro. Die Servicekraft ermutigt sie: „Spiel höher!“ M. will die 500 Euro lieber zurückbuchen, sagt das auch. Das dauert aber eine halbe Stunde, erst dann kann der Gewinn ausgezahlt werden. Zu lange. Sie spielt weiter. In drei Minuten sind locker mal 20 Euro weg.

 

Schon nach einer Woche geht M. täglich spielen. Ihr Leben richtet sie komplett darauf aus – es soll ja keiner merken. „Ich bin immer fünf Minuten nach meinem Mann aus dem Haus und war bis nachmittags im Casino“, erzählt sie. Den Haushalt bringt sie schon abends auf Vordermann, um tagsüber spielen zu können. Ihre Gedanken kreisen permanent um die blinkenden Automaten. Misstrauisch ist keiner, schließlich hat sie gerade erst 38.000 Euro geerbt. „Keiner dachte, dass ich Bockmist baue“, erinnert sich Anna M..

 

Das tut sie aber: Nach sechs Wochen sind etwa 20.000 Euro verzockt. Die Verluste steigen rapide, bis zu 1000 Euro hebt sie teilweise auf einen Schlag ab. Auch das ist mittlerweile verboten. Sich vom Spielautomaten zu entfernen, macht sie nervös. Es könnte ja jemand ihr Geld gewinnen. Bloß nicht! Die Servicekraft des Casinos hält die Stange, wenn M. Geld holen geht, schiebt sie weiter für M. Scheine in den leuchtenden Kasten. Auch das ist mittlerweile verboten.

 

Braune wache Augen, schwarzer Pulli, gelber Schal, gefärbte Haare. Anna M. spricht mit fester Stimme. Kaum zu glauben, dass die heute so selbstbewusste Frau einst so tief gesunken war. Denn es kam noch schlimmer.

 

Spielhalle: Gewinner gibt es an solch schillernden Orten selten.

 

Ein paar Wochen später kennt M. alle Stammgäste des Casinos. Schon an den Autos auf dem Parkplatz erkennt sie, wer da ist. Gewinne bis zu mehreren tausend Euro werden gemeinsam bejubelt – und gleich wieder verzockt. Bei Verlusten muntert man sich auf. Wie eine zweite Familie beschreibt M. die Casino-Gemeinschaft. Dann, eines Tages, schreckt sie hoch: Das Sparbuch ist leer, das Konto überzogen. „Ein Schlag ins Gesicht“, sagt Anna M.

 

Mittlerweile ist M. berufstätig, hat ein festes Einkommen. Das spült Geld aufs leere Konto und bringt ein neues Alibi: Der Familie erzählt sie von Überstunden zur Einarbeitung. Alle glauben ihr. In Wahrheit geht sie nach Feierabend zocken. Das Geld wird immer knapper. Bei ihrem Sohn nimmt sie zwei Kredite auf. Erst 3000 Euro, dann 11.000 Euro. Auch bei Freunden leiht sie sich Geld. Schon abends zittert sie. Reicht die Kohle für morgen? Im Hinterkopf immer die Hoffnung: „Ich hole die Verluste wieder rein.“

 

„Ich war wie eine Getriebene, fix und fertig, kaputt“, sagt M. im Rückblick. In den Spiegel kann sie damals nicht mehr schauen, zu groß ist die Scham. „Ich habe einfach funktioniert und es allen verheimlicht.“ Lügen, Lügen, Lügen. Auf dem Konto sind noch 50 Euro. Was tun? „Leck mich am Arsch, alles oder nichts“, denkt sie sich – und haut die letzten Taler raus. Dann ist Schluss. Am Tag darauf, im Herbst 2010, sitzt sie wie gelähmt bei einer Familienfeier. Plötzlich platzt es aus ihr heraus: „Wir müssen reden“, sagt sie zu ihrem Mann.

 

Als sie zu Hause auspackt, ist auch die Tochter dabei. Ihr Mann fragt: „Hast du einen anderen?“ Sie: „Nein, ich bin spielsüchtig, habe alles verzockt, auch das Erbe.“ Alle sind geschockt – reagieren aber verständnisvoll. Ihr Mann rät ihr, einen Bausparvertrag aufzulösen, um die Schulden zu bezahlen. Das klappt, den Banker kennen sie persönlich.

Doch Anna M. erzählt nur die halbe Wahrheit und spielt einfach weiter. Ihre Familie unterschätzt die Sucht, vertraut ihr. Wieder erfindet sie Lügen, etwa, dass sie mit einer Freundin unterwegs ist. Urlaubstage nutzt sie zum Spielen, Weihnachtsgeld füttert sie in den Automaten. Wieder ist sie pleite, wieder spricht sie mit ihrem Mann. Jetzt wollen sie Hilfe suchen.

 

Nachschub: Immer wieder holt Anna M. Geld am Automaten.

 

Sie geht zur Psychotherapie. Die Sucht stoppt das nicht. Nach den wöchentlichen Behandlungen in Freiburg führt sie der Weg jedes Mal ins Casino um die Ecke. Irgendwann sagt ihr Mann: „Du musst in Behandlung, du musst weg, in Reha!“ Zum ersten Mal findet sie nun kompetente Hilfe – bei der Suchtberatung. Die Kosten für die Behandlung in der AHG Klinik Münchwies im saarländischen Neunkirchen trägt die Rentenversicherung.

 

Für M. ist der achtwöchige Aufenthalt Schock und Segen zugleich: „Oh Gott, wo bin ich hier?“, schrickt sie in der Klinik auf. Andere Spiel- und Alkoholsüchtige zu sehen legt einen Hebel um. „Nicht ich. Nie wieder!“, sagt sie. In der Reha macht sie Sport, führt Gespräche, arbeitet kreativ. Als sie zurückkommt, ist sie trocken. Seit Herbst 2014 hat sie nie wieder gespielt. „Mich haut nix mehr um!“, sagt M.. Auch nicht, dass ihr Sohn gerade selbst eine Reha wegen Spielsucht macht. Seine Abhängigkeit hatte keiner bemerkt. Nicht mal sie.

 

Spielsucht

Hilft: Der Leiter der Fachstelle Sucht Freiburg, Klaus Limberger

Klaus Limberger

Immer mehr Casinos, immer mehr Betroffene

 

In Freiburg gibt es mindestens 700 Spielsüchtige, deutschlandweit geht man von etwa 200.000 Betroffenen aus. Bei jedem dritten Spieler geht die Ehe/Beziehung zu Bruch. Jeder Siebte begeht einen Selbstmordversuch. Höchstens jeder Zehnte sucht Hilfe. „Die Zahl der Süchtigen hat sich in den vergangenen Jahren verdreifacht“, schätzt Klaus Limberger, Leiter der Fachstelle Sucht Freiburg. Das liege vor allem am größeren Angebot. Das bestätigt Ursula Portscht vom AGJ-Fachverband und der Suchtkontaktstelle der Universität Freiburg: „Die Spielhallen haben sich explosionsartig vermehrt.“

 

Ursula Portscht vom AGJ-Fachverband will Süchtigen helfen.

Ursula Portscht

Dagegen ist Baden-Württemberg vorgegangen. Seit 2013 ist das Landes-Glücksspielgesetz in Kraft. Unter anderem muss seitdem der Mindestabstand zwischen Spielhallen 500 Meter betragen. Zudem müssen Casinos neuerdings auffällige Zocker melden. Mitarbeiter werden geschult, unter anderem von Limberger und Portscht. Der Effekt sei aber noch schwer abzusehen.

 

Der typische Spieler ist männlich, doch auch Frauen werden als Zielgruppe entdeckt. Wichtig sei, professionelle Hilfe zu suchen: „Dann ist die Chance groß, geheilt zu werden“, sagt Portscht. Wer viel Zeit in Spielhallen verbringt, dort mehr Geld ausgibt, als geplant und bei Spielentzug nervös wird, sollte dringend Hilfe suchen, rät Limberger. Auch Angehörige können sich an Beratungsstellen wenden.

 

In Freiburg werden Einzel- und Gruppengespräche angeboten. Neben stationärer Behandlung wird neuerdings auch ambulant therapiert. „So können Betroffene in ihrem gewohnten Umfeld bleiben“, sagt Limberger.

 

Kontakt
bwlv-Fachstelle Sucht Freiburg:
Telefon: 0761 / 15 63 09 0
AGJ-Suchtberatung Freiburg
Telefon: 0761 / 20 76 20

 

Text: Till Neumann & Fotos: Till Neumann, dpa /Thomas Hieronymi/pixelio.com, Suchthilfe Freiburg, pixabay