Wer schon einmal bei Google eine Route geplant hat, hat mit Hannah Bast Bekanntschaft gemacht. Oder zumindest mit ihrer Arbeit: Die 44-jährige Professorin, die an der Uni Freiburg den Lehrstuhl für Algorithmen und Datenstrukturen leitet, hat zwei Jahre lang für Google in Zürich gearbeitet und dem Planer einen neuen Kern verpasst, so dass dieser substantiell verbessert und schneller gemacht wurde. Dafür erhielt sie von dem Weltkonzern einen mit einer Million Dollar dotierten Forschungspreis. Inzwischen ist sie wieder zurück an der Uni und forscht vor allem im Bereich Suchmaschinen. chilli-Redakteur Felix Holm hat sich mit der ehrgeizigen und neugierigen Frau unterhalten.

500_bast_neu

 

chilli: Wie wird man zur Expertin für Routenplanung und Suchmaschinen?
Bast: Naja. Das macht man in der Forschung ja immer so, dass man sich das Gebiet, in dem man arbeiten will, aussucht. Wobei das bei mir recht lange gedauert hat. Ich habe Theoretische Informatik und Mathe studiert. Aber das Feld war mir dann doch zu theoretisch.
chilli: Warum?
Bast: Mathe um der Mathematik willen ist ja für manche so, wie sehr, sehr schwierige Kreuzworträtsel zu lösen. Das ist aber nicht mein Ding. Ich will, dass da am Ende etwas rauskommt.
chilli: So etwas wie ein Routenplaner?
Bast: Mein Hauptthema sind ja eigentlich Suchmaschinen. Ich finde es furchtbar, etwas suchen zu müssen. Und ich bin sehr ungeduldig. Wissen Sie, wie zu meiner Zeit als Studentin noch Literaturrecherche funktioniert hat? Ich musste einen Brief an eine zentrale Stelle für wissenschaftliche Recherchen in Deutschland schreiben, und dann hat man nach drei Tagen Antwort bekommen, ob eine Arbeit vorhanden war. Das habe ich gar nicht erst gemacht. So kann ich doch nicht arbeiten.
chilli: Wie haben Sie denn dann Ihre Bücher bekommen?
Bast: Ich habe mit dem gearbeitet, was da war. Ich bin einfach zu ungeduldig. Deswegen könnte ich auch keine As-
tronomie machen, wo einer ein Signal sendet und dann 20 Jahre später etwas von einem anderen Planeten zurückbekommt.
chilli: Wie viele Menschen gibt es eigentlich weltweit, die sich in Ihrem Gebiet ähnlich gut auskennen wie Sie?
Bast: Was heißt ähnlich gut?
chilli: Es war ja kein Zufall, dass Google ausgerechnet zu Ihnen gekommen ist.
Bast: Doch. Ich bin ja zu Google gegangen, weil ich da hin wollte. Das war anfangs etwas schwierig, da reinzukommen, aber ich hatte ein paar Kontakte. Dann habe ich mich von der Uni freistellen lassen – am Ende für fast zwei Jahre.
chilli: Warum Google?
Bast: Die machen sehr ähnliche Sachen wie wir. Da ist es naheliegend, dass man als Forscher schauen will, was die machen. Außerdem waren die auf dem Gebiet einfach die Besten, und ich will mit den Besten arbeiten. Ich will ja nicht zu irgendeiner Klitsche gehen, wo ich weiß, dass wir besser sind. Bei so einem Konzern hat man auch ganz andere Möglichkeiten. Wenn ich an der Uni forsche, bekomme ich nicht mal eben eine Million Budget eingeräumt.
chilli: Dennoch sind Sie an die Uni zurück. Warum? Eine Anstellung bei Google ist doch bestimmt auch lukrativer.
Bast: Lukrativer? Das ist gar kein Ausdruck. In der freien Wirtschaft verdient man mindestens das zwei- bis dreifache. Vom Geld her ist man blöd, wenn man an die Uni geht. Aber an der Uni ist man frei. Ich kann daran forschen, was ich für richtig halte.
chilli: Scheint es nur so oder arbeiten Sie in einer Männerdomäne?
Bast: Wenn ich nicht in Freiburg wäre, gäbe es hier keine weibliche Informatikprofessorin. Und auch bei Google: Das ist eine Jungs-Firma.
chilli: Wo bekommen Sie das zu spüren?
Bast: Das ist eine Welt von Männern für Männer gemacht. Man merkt das an jeder Stelle. Auch wenn die Berlusconi-Typen ausgestorben sind und der Sexismus subtiler geworden ist. Aber Männer diskutieren einfach anders.
chilli: Im Guten oder im Schlechten?
Bast: Naja. Es gibt eben diese typischen Alpha-Männchen, die einfach mal Sachen behaupten, ohne es genau zu wissen. Das ist manchmal schon heftig. Professoren halten sich ja ohnehin schon für höhere Wesen. Und das in der Kombination mit Testosteron, das gibt öfter mal eine ungute Mischung. Differenzierte Diskussion ist da manchmal nicht so leicht. Auch das Belohnungssystem, das ja von Männern gemacht wurde, hat Schwächen.
chilli: Belohnungssystem?
Bast: Wer viel vorzuweisen hat, kann hoch aufsteigen. Da geht es dann etwa um die Anzahl der Veröffentlichungen. Was hat denn bitte Quantität mit guter Forschung zu tun? Keine Frau wird je so viel publizieren wie ein Mann. Warum soll das wichtig sein, ob ich 300 Publikationen habe oder 30? Es ist doch wichtiger, was drin steht. Genauso geht es um Gelder, die man einwirbt, oder darum, wie groß die Gruppe ist, die man betreut. Es gibt halt diese ganzen Maßzahlen. Da bekommt die Wissenschaft Sportcharakter.
chilli: Wenn man sich derart der Wissenschaft verschrieben hat, inwieweit hält diese Art zu denken Einzug in den Alltag?
Bast: Ich bin eine Forschernatur, wenn Sie das meinen. Wo immer ich hingucke, frage ich mich natürlich: Wie funktioniert das? Dabei geht es aber einfach darum, Sachen auf den Grund zu gehen.
chilli: Es gibt Leute, die behaupten, der Mensch sei einfach ein hochkomplexer Algorithmus.
Bast: Das ist natürlich eine wahnsinnig interessante These. Der Mensch ist in meinen Augen tatsächlich ein sehr kompliziertes System. Da spricht zumindest nichts dagegen.
chilli: Die Religion vielleicht?
Bast: Nehmen Sie doch mal Data von Star Trek – was ist denn der? Klar hat den irgendjemand gebaut, aber der verhält sich wie ein Wesen, hat ein Bewusstsein. Uns hat ja vielleicht auch irgendjemand gebaut – weiß man nicht. Was sind wir denn? Wir haben eine Million Sensoren und eine Processor-Unit, die das alles verarbeitet. Was die Leute nicht verstehen, die sich nicht mit solchen Systemen beschäftigen: Wenn Sie ein sehr, sehr komplexes System bauen, verstehen sie es selber irgendwann nicht mehr. Ein Computer, der zehn Jahre läuft, sich Sachen merkt und dazulernt, der ist irgendwann auch wertvoll. Es gibt dazu übrigens diesen tollen Film: „Her“ mit Joaquin Phoenix, der sich in sein Betriebssystem verliebt.
chilli: Sind Roboter also auch nur Menschen?
Bast: Nein. Aber was sie in jedem Rechenzentrum beobachten können: Der Hauptserver wird immer als Person angesprochen. „Was hat er heute?“ Bei uns hieß der früher übrigens auch Data.
chilli: Und natürlich ist auch der ein Mann.
Bast: Ja. Das sowieso.

 

 

Foto: S.K.U.B. Fotostudio, Bildbearbeitung: chilli