In Freiburg bilden insgesamt 4034 Kleingärten einen eigenen Flügel der grünen Lunge der Stadt. Hier vereinen sich Liebhaber kultivierter Natur als Gartenfreunde. Allerdings ist sich nicht alles grün, was pflanzt: In manchen Schrebergartensiedlungen grassiert die Angst, wegen der Wohnungsnot bald vom Bagger überrollt zu werden, eine andere richtet sich auf einen Streit mit dem Rathaus wegen eines neuen SC-Stadions ein. Und auch innerhalb der Vereine und Siedlungen hat an manchen Punkten die selbsterklärte Gartenfreundschaft einen Riss: wenn Nachbarn etwa ihren Garten nicht ausreichend pflegen, einen zu hohen Sichtschutz aufstellen oder gar Grillreste verschenken wollen.

 

Am Rande des Kleingartengewanns Freiburg-Hettlinger, das von den Gartenfreunden Freiburg-Nord verwaltet wird, steht eine alte Baracke. Diese von unzähligen Händen aufgerüstete ehemalige Militärunterkunft dient der Rettich-Bar als Unterschlupf. Draußen rattern unentwegt LKWs vorbei: Direkt nebenan starten täglich mit Lastern beladene Züge gen Süden. Drinnen singt Tanja Berg im Radio: „Ich hab dir nie den Himmel versprochen, weil es den auf Erden nirgends gibt.“ An der Bar steht Pächterin Michaela Noiosi und beobachtet die Stammkundschaft: vorwiegend grauhaarige Herren in karierten Hemden, kurzen Hosen und Sandalen, nicht wenige trinken „Schorle-Rot-Natur“.

Auszug aus der gültigen Kleingartenordnung für Dauergärten (KfD), § 5, Absatz 8: „Das Aufstellen eines Partyzeltes wird nur in der Zeit von Mai bis Oktober eines jeden Jahres maximal über die Dauer von 14 Tagen erlaubt.“

Erfahrene Kleingartenfreunde: Die Hobbygärtner Hans Siegel ...

 

Einer von ihnen ist Hans Siegel. Der 62-Jährige ist seit 2005 erster Vorsitzender der Gartenfreunde Freiburg-Nord. Montagabends ist er schon deswegen immer hier, weil da um 19 Uhr die Spardose vom „Sparverein Rettichbar“ geleert werden muss. Siegel hat eine anstrengende Woche hinter sich: „Ich musste einige Kündigungen schreiben.“ Die Gründe dafür seien im Wesentlichen immer die Gleichen: Entweder die Gärten sind verwahrlost oder sie werden falsch genutzt. „Wenn in einem Garten das Unkraut wuchert, dann beklagen sich die Nachbarn über den Samenflug. Und junge Leute wollen oft gar nichts anbauen, sondern suchen nur einen Partygarten“, ärgert sich Siegel über regelbrechende Schrebergärtner.

§ 6, Absatz 1: „Der Garten muss wenigstens zu 1/3 der Gewinnung von Gartenbauerzeugnissen dienen. Eine Nutzung als reiner Zier- oder Erholungsgarten ist nicht erlaubt.“

Diese relativ neue Interpretation des Kleingärtnerns ist auch an anderer Stelle nicht gerne gesehen. Von seinem Büro im Technischen Rathaus hat Martin Leser, Vizechef des Garten- und Tiefbauamtes und als solcher auch für Kleingärten zuständig, einen direkten Blick auf das Gewann Lehener-Wanner. So weit es zu sehen ist, sind diese 82 direkt von der Stadt vermieteten Gärten – im Sinne der KfD – vorbildlich in Schuss. „Viele nutzen leider hundert Prozent ihrer Fläche für die Freizeit und Erholung. Und dann kommen die festgesetzten Preise von 24 Euro für 100 Quadratmeter in Schieflage“, erklärt Leser, „dieser äußerst niedrige Preis orientiert sich an der Produktion von Blumen und Gemüse. Es ist nicht gedacht, sich da eine Fläche mit Swimmingpool und einem riesigen Kamin hinzubasteln.“

§ 5, Absatz 2: „Die Gartenlaube muss von einfacher Ausstattung sein und darf nach ihrer Beschaffenheit, insbesondere nach ihrer Ausstattung und Einrichtung, nicht zum dauerhaften Aufenthalt geeignet sein.“

... Wolfgang Schulz und ...

 

Szenenwechsel: In der Kleingartensiedlung Haltinger in Littenweiler steht Wolfgang Schulz am Tresen der Gaststätte zur Hammerschmiede. „Es muss Regeln geben. Wenn jeder hier macht, was er will, nimmt das sonst ja überhand“, pocht er auf Ordnung, „und wenn jemand in seinem Garten einen Baum wachsen lässt, nimmt er mir ja die Sonne.“ Just in dem Moment trällert Udo Jürgens aus dem Radio: „Und immer, immer wieder geht die Sonne auf …“ Schulz nimmt einen überzeugten Schluck aus seinem Maßkrug. Der 58-jährige Düsseldorfer (kurze Hose, Sandalen, Karohemd) hat sich hier „ein kleines Domizil“ eingerichtet, wie er selber sagt. In seinem Häuschen mit Solarstromanlage empfängt der ehemalige Starkstromelektriker 42 Fernsehprogramme. Hier übernachtet er im Sommer auch „fast jeden Tag“, allein schon, um zu verhindern, dass eingebrochen wird. „Früher, als es noch das Asylantenheim da unten gab, ist das öfter passiert“, weiß er zu berichten. Er selbst investiert viel Zeit in seinen Garten – und so erwartet er es auch von anderen.

§ 5, Absatz 7: „Sichtschutzwände innerhalb einer Anlage sind nicht zulässig.“

Schulz misstraut jedem, der in seinem Garten eine höhere Hecke oder einen großen Baum stehen hat: „Bei manchen kann man gar nicht reingucken, die wollen einen auf Bio machen, machen aber eigentlich gar nichts. Wer nur alle Vierteljahr mal Rasen mäht, der ist kein Gärtner – und da ist dann auch keine Gartenfreundschaft vorhanden, denen helfe ich nicht.“

§13, Allgemeine Ordnung: „Es ist alles zu unterlassen, was die Ruhe, Ordnung und Sicherheit stört und das Gemeinschaftsleben beeinträchtigt. Immissionen, insbesondere Lärm- und Geruchs-immissionen sind zu vermeiden.“

Im Allgemeinen wird in den Anlagen durchaus Nachbarschaftshilfe praktiziert. Aber eben nur, wenn es auch auf der persönlichen Ebene stimmt. Davon weiß auch Ludwig Diehr ein Lied zu singen, der seit nunmehr 17 Jahren seinen Garten im Gewann Wonnhalde am Rande der Wiehre hegt und pflegt. Gemeinsam mit seiner Frau Maria hat sich der ehemalige Kranführer hier eine kleine Villa aufgebaut. „Einmal hatten wir so Türken als Nachbarn – die waren relativ modern, kein Kopftuch oder so – die haben immer gegrillt“, erinnert er sich, „und die haben uns danach immer ihre Reste angeboten.“ Anfangs habe er sie aus Freundlichkeit noch angenommen – später wies er sie dann ab: „Ich hab’s sowieso nicht gegessen.“ Darauf hätten die Nachbarn entrüstet reagiert. Das Verhältnis war im Eimer.

§ 14, Kündigung: „Alle Baulichkeiten und Geräte, die nicht für die Bewirtschaftung des Kleingartens notwendig sind, sind zu entfernen und nicht entschädigungspflichtig.“

Allen internen Probleme zum Trotz eint die Freiburger Kleingärtner aber das gemeinsame Bestreben, die Kultur ihres Hobbys aufrecht zu erhalten. Und die scheint derzeit an mehreren Stellen bedroht: Der Weckruf zur Angst um die Freizeitflächen ertönte 2010, als die rund 200 Parzellen in der Siedlung Gutleutmatten-West geräumt werden mussten. Hier will die Stadt neuen Wohnraum schaffen – passiert ist bislang nichts. Nach einem jüngst in der Badischen Zeitung veröffentlichten Artikel steigt auch an der Wonnhalde die Angst vor anrollenden Baggern. Dass Wohnraum benötigt wird, ist allgemein bekannt. „Die Stadt will hier billig bauen, der Kanal liegt schon und die Straßenbahn fährt auch vorbei“, analysiert Kleingärtner Diehr die Situation in seinem Gewann, „und dann werden wir mit ein paar Euro abgespeist.“


... Ludwig Diehr können zusammengerechnet auf ein halbes Jahrhundert in ihren Parzellen zurückblicken – die Probleme in den einzelnen Siedlungen ähneln sich.

 

 

Für sein Häuschen habe der Rentner in den vergangenen Jahren „mehrere zehntausend Euro“ aufgewendet. Jetzt hat er auch davor Angst, den Großteil seines Geldes einfach in den Sand gesetzt zu haben. Zwei- bis dreitausend Euro Entschädigung hätten die Leute in den Gutleutmatten maximal bekommen.

§ 2, Grenzsteine: „Grenzsteine müssen jederzeit sichtbar sein.“

Allerdings ist es alles andere als sicher, dass an der Wonnhalde überhaupt Wohnraum entstehen soll. „Das wird im Rahmen der Stadtteilleitlinien auf Bürgerschaftsebene zwar diskutiert, der Vorschlag liegt auf dem Tisch, soweit mir bekannt ist, ist das für die Stadtverwaltung aber derzeit kein Thema“, beschwichtigt Amtmann Leser. Natürlich stünden die Flächen in Konkurrenz zur benötigten Wohnfläche, aber auch eine ausreichende Grünversorgung gehöre zu einer Stadt wie Freiburg. So gibt es auch einen Gemeinderatsbeschluss aus dem Jahr 2011, der besagt, dass die Stadt parallel zum Bevölkerungswachstum jährlich 50 Kleingärten schaffen muss. Der Abriss von bestehenden Flächen wäre da wohl ein Schuss ins eigene Bein.
Auch das gibt Hettlinger-Vorstand Siegel die Hoffnung, dass seine Siedlung, die bei der Stadiondiskussion immer wieder ins Gespräch kommt, erhalten bleibt. „Die Stadt hat nur bedingte Kündigungsmöglichkeiten“, ist er überzeugt, „die können ja nicht einfach einen Verein gegen einen anderen austauschen – und im Gegensatz zum Sport-Club sind wir schließlich gemeinnützig.“ Er hat anhand der Faustformel, die einen Garten auf 500 Einwohner einer Stadt vorsieht, ausgerechnet, dass „die Stadt jetzt schon 500 Gärten im Rückstand“ ist.
Durch die Rettich-Bar tönen Lieder über versunkene Schiffe, Wolkenschlösser, Engel und Sterne. Alles wirkt ein wenig gestrig. Siegel ist bereit, in den Kampf zu ziehen – notfalls bis auf den letzten Gartenzwerg: „Die nehmen mir keinen Garten mehr, sonst starte ich einen Musterprozess.“ Der passende Kleingartenkneipenschlager wäre jetzt: „Echte Freunde kann niemand trennen.“ Auch weil der Sänger des Liedchens die wichtigste Zeit seines Lebens kurzhosig und mit einem Karomuster auf der Brust auf einer begrenzten Grünfläche verbracht hat. Und an die Regeln hat sich Kaiser Franz auch immer gehalten – zumindest an seine eigenen.

Text & Fotos: Felix Holm

Spießig oder schön? Über die Verzierungen von Schrebergärten kann man geteilter Meinung sein – genau wie über die Kleingartenkultur selbst.

 

 

Schreberglück
Das Schrebern nach Glück beginnt auf dem Papier. Wer einen Kleingarten mieten will, muss zunächst einmal Formulare ausfüllen und seinen Namen auf Listen setzen. Der Leerstand in den Gartensiedlungen in Freiburg beträgt im Durchschnitt unter einem Prozent, die Wartezeit auf 200 bis 300 Quadratmeter zu bewirtschaftendes Land nicht selten ein Jahr oder länger. Dieser Zugang zum Grün auf dem bürokratischen Weg kann als Vorbote für das gesehen werden, was hernach folgt: In den Siedungen, die nicht selten von Vereinen verwaltet werden, herrschen Regeln und Ordnungen. Festgehalten werden diese in der Freiburger „Kleingartenordnung für Dauerkleingärten“ (KfD), die sich auf das Bundeskleingartengesetz von 1983 stützt. Nur wer sich danach richtet, kann auf Dauer ein echter Gartenfreund werden.