Innovativ und nachhaltig oder einfach nur unansehnlich und zu eckig? Das Design der neuen Universitätsbibliothek (UB) hat schon für so manche Diskussion unter Studierenden, Anwohnern und Passanten gesorgt. Die chilli-Reporter Daniel Begus und Finn Waterstradt haben sich darum gemeinsam mit dem stellvertretenden UB-Direktor Hans Adolf Ruppert auf ins Innere des Neubaus gemacht, wo sich bereits erahnen lässt, was die Besucher ab der Eröffnung im Frühjahr 2015 erwartet.

Das Design der neuen Universitätsbibliothek (UB) hat schon für so manche Diskussion unter Studierenden, Anwohnern und Passanten gesorgt.

 

Beim Eintreten fällt sofort die Helligkeit ins Auge. Wegen der kaum vorhandenen Wände wirken die Räume zudem unglaublich groß. Es kann erahnt werden, wie die neue UB zukünftig von innen aussehen wird. Ruppert ist der Stolz sichtlich anzumerken. Als Verantwortlicher für die Gestaltung der Innenräume liegt es an ihm, die in der Planung beschlossenen Konzepte nun optimal umzusetzen.

 

Das Fehlen von Wänden ist nicht etwa auf schlampige Arbeit, sondern auf das Konzept des Schweizer Architekten Heinrich Degelo zurückzuführen: „Transparenz” soll in der gesamten UB im Vordergrund stehen. Das soll durch Sichtlinien erreicht werden, die durch das ganze Gebäude laufen. Durch die extrem großen Fenster – 70 Prozent Glas und 30 Prozent Wandfläche auf der der Uni zugewandten Seite (auf der anderen Seite ist das Verhältnis umgekehrt) – fällt viel Licht nach innen. Um Beleuchtung im zentralen Bereich wird man aber dennoch nicht herumkommen, die meisten Arbeitsplätze für Studierende und Mitarbeiter werden daher an den Fenstern platziert werden. Im Zentrum befinden sich dagegen hauptsächlich Freihandregale und durch ca. 1,30 Meter hohe Wände voneinander getrennte Gruppenarbeitsplätze.

 

Generell erfordern die schrägen Wände eine besondere Möblierung, immerhin sollen in der neuen UB 1200 Arbeitsplätze für Studenten und Studentinnen sowie Büroraum für 70 bis 80 Angestellte Platz finden. Realisiert werden soll dies durch sogenannte „Open-Space-Bereiche“, die das Konzept der Transparenz zusätzlich unterstützen. Dadurch ist es möglich, an einigen Stellen im Gebäude von einer Seite bis zur anderen zu schauen und das nicht nur horizontal, sondern auch vertikal. So kann man in bestimmten Bereichen vom Keller bis in den 4. Stock sehen. Insgesamt geht der Plan auf. „Transparenz war Degelos Ziel, und das hat er geschafft”, findet Puppert.

Innen muss noch einiges getan werden.

 

Auf der Noch-Baustelle fällt auf, dass es, trotz laufender Arbeiten, ungewöhnlich ruhig ist. Durch einen Blick an die Decke kann dieses Phänomen erklärt werden. Schachbrettmusterartig sind dort graue Quadrate, sogenannte Deckensegel, angebracht. Diese dienen sowohl zur Schalldämmung als auch zur Temperaturregulierung. „Wasserleitungen im Beton sowie in den Segeln sorgen für eine konstante Temperatur von ungefähr 20 Grad Celsius – sowohl im Sommer als auch im Winter”, erklärt Ruppert. Dieser Effekt soll auch bei großen Besucherzahlen noch wirksam sein. „Menschen bringen 90 Watt pro Nase ins Gebäude. Bei 2000 Besuchern ist das ein erklecklicher Wert und der muss wieder raus“, eröffnet der stellvertretende UB-Direx eine grobe energetische Überschlagsrechnung. Diese sogenannte Hydrokerntemperierung sei deutlich energieeffizienter als in der alten UB, wo die Energiekosten mit rund einer Million Euro pro Jahr zu Buche schlugen.

 

Überhaupt sei das neue Gebäude sehr umweltfreundlich. Das Wasser für die Hydrokerntemperierung kommt aus einem Brunnen unter dem KG1, an kalten Tagen wird es durch Dampf aus dem Stadtklinikum erhitzt. Des Weiteren befindet sich statt eines Gartens, den sich einige zu Beginn gewünscht hatten, nun eine Solaranlage auf dem Dach, die einen Teil des Energieverbrauchs decken wird.

 

Neben den Energiekosten habe zudem die Baufälligkeit des alten Gebäudes den Ausschlag für einen Neubau gegeben. Das alte Gebäude sei „abgenutzt“ gewesen, angefangen beim bröckelndem 70er-Jahre-Beton bis hin zu den abgenutzten Türklinken. Zudem sei die Raumausnutzung ineffizient gewesen. So war beispielsweise das Erdgeschoss durch einen fehlenden Zugangsbereich fast komplett ungenutzt geblieben. Das soll in der neuen UB anders werden. Der Haupteingang wurde ins Erdgeschoss verlagert, ein zweiter Eingang wird sich gegenüber auf der Rückseite des Gebäudes befinden.

Das noch unfertige Parlatorium mit Blick- richtung zum Stühlinger.

 

Des Weiteren wird im Erdgeschoss neben einem vollautomatischen Rückgabesystem für die Bücher eine Cafeteria eingerichtet werden. Spezialräume, zum Beispiel für Bild- und Tonaufnahmen, und Arbeitsplätze für die Studierenden werden im ersten bis vierten Stock sein. Die Verwaltung sitzt im Fünften, von wo man einen erstklassigen Ausblick auf den Platz der alten Synagoge und die Universität hat.

 

An den Regeln hingegen hat sich wenig geändert. Generell gilt, wie in jeder Bibliothek: Ruhe! Wer sich unterhalten möchte, kann dies im Parlatorium – der „Quasselbude“, wie Ruppert es nennt – in der nordwestlichen Ecke der UB tun. Dieser Bereich zieht sich durch fast alle Stockwerke und gibt den Studierenden die Möglichkeit, sich in Gruppen auszutauschen, ohne andere bei der Arbeit zu stören.

 

Der Freihandbereich wird in der neuen UB wesentlich größer ausfallen als in der Zwischenlösung Stadthalle. Dort stehen momentan lediglich 200.000 Bände im Freihandbereich zur Verfügung, in der neuen UB sollen es zwischen 600.000 und 700.000 Bände werden. Durch die Nähe zum Archiv kommen Studierende zudem wesentlich schneller an bestellte Bücher. Momentan müssen diese in mehreren Touren zwischen Archiv und Stadthalle hin und her gefahren werden. In der alten UB betrug die Lieferzeit lediglich zwei Stunden. Dieses Tempo soll wieder erreicht werden.

 

Apropos Tempo: Wer aus Zeitgründen mit dem Fahrrad anreist, dürfte sich freuen: In der ehemaligen Tiefgarage werden zukünftig 450 Drahtesel Platz finden. Weitere Fahrradständer befinden sich auf der Rückseite des Gebäudes. Wie voll der Parkplatz dann wird, kann man ab dem Sommersemester 2015 sehen: Dann soll der Bau in Betrieb genommen werden.

 

Text: Daniel Begus & Finn Waterstradt / Fotos: © chilli, Daniel Begus