Interview mit HWK-Präsident Paul Baier und Geschäftsführer Johannes Burger

Während die schwarz-rote Bundesregierung noch über die Energiewende streitet, sitzen Paul Baier und Johannes Burger im dritten Obergeschoss der Handwerkskammer vor einem großen Plakat. „Willkommen im Zentrum der deutschen Wirtschaft“ ist über dem Logo der Deutschen Handwerkskammer zu lesen. Der Präsident und der Geschäftsführer der Freiburger Kammer geben sich gut gelaunt. Das vergangene Jahr war für die meisten der 15.756 Betriebe ein gutes. Im Gespräch mit business-im-breisgau-Chefredakteur Lars Bargmann reden sie über Politik und Investitionsstaus, über Hoffnungen und Großangriffe auf Meisterbriefe.

Im Zentrum der deutschen Wirtschaft: Paul Baier (l.) und Johannes Burger imGespräch mit Lars Bargmann.

 

business im breisgau: Die Freiburger Handwerkskammer hat zusammen mit vielen weiteren regionalen Akteuren im März 2012 die Freiburger Erklärung 3.0 vorgelegt, mit der sie ihre Kritik an der Energiepolitik und ihre Forderung nach einer Energiewende erneuert hat. Wird es eine Erklärung 4.0 geben?
Baier: Ja. Jetzt müssen wir aber erst sehen, wo der Weg hingeht. Minister Gabriel muss jetzt mal sagen, was er wirklich will. Er muss Verbindlichkeit schaffen. Das werden wir dann unter die Lupe nehmen und entsprechend mit einer neuen Erklärung reagieren.

business im breisgau: Kritisiert wurde in der Vergangenheit vor allem das Hickhack in der Energiepolitik. Glauben Sie, dass das mit der Großen Koalition ein Ende findet?
Burger: Ja. Übrigens hatte die Erklärung 3.0 noch nie so viel Gültigkeit wie heute. Die drei zentralen Forderungen, die Notwendigkeit einer dezentralen Energieversorgung, die Kritik an den widersprüchlichen Maßnahmen und in deren Folge die Unsicherheiten in der gesamten Bevölkerung und die Forderung nach klaren Zielen statt Beliebigkeit und koalitionstaktischen Rücksichten waren richtig und sind es noch. Eine Energiewende ist nur möglich, wenn die Menschen, die Betriebe, wenn alle mit ins Boot genommen werden.

business im breisgau: Wird so eine Freiburger Erklärung im Bund mehr als nur gelesen?
Baier: Die Erklärung war Gegenstand der Diskussionen im Kabinett und in der Regierung. Jetzt sehen wir eine Chance, dass ein für alle planbarer Weg gefunden wird. Die Wende kann aber nur erreicht werden, wenn man nicht nur auf die Erneuerbaren Energien setzt, sondern auch auf die energetische Sanierung.

business im breisgau: Bisher läuft die Gebäudesanierung trotz mehrerer anzapfbarer Fördertöpfe eher schleppend. Es gibt in der Region einen 14-Milliarden-Euro-Sanierungsstau. Die Anreize für die Eigentümer fehlen …
Baier: Der beste Anreiz wäre die steuerliche Abschreibungsmöglichkeit. Wenn man Handwerkerrechnung für energetische Sanierungen abschreiben könnte, bliebe als Nebeneffekt auch die Schwarzarbeit unterbunden. Bund und Land würden also gar nicht verlieren.

business im breisgau: Was also können Sie machen?
Baier: Wir werden das den Politikern immer wieder vortragen. Es war ja fast schon mal soweit, ist dann aber im Bundesrat gescheitert. Wir hoffen, dass die Große Koalition die Sache nun noch einmal nach vorne bringt.
Burger: Über 40 Prozent der gesamten Verbrauchsenergie fließen in Gebäude. Wir haben im Kammerbezirk 420.000 Häuser, die zur Sanierung anstehen. Jährlich werden in unserem Bezirk 1,5 Milliarden Euro für Wärme und Strom ausgegeben. Würde man 20 Prozent einsparen, wären das 300 Millionen Euro. Dieses Geld könnte in die Sanierung und den Zubau der Erneuerbaren investiert werden. Zur Wende zählen vor allem auch Speichermedien. Wenn es die in fünf, sechs Jahren mal gibt, dann entsteht ein gewaltiges Wirtschaftswachstum.

Johannes Burger: „Sie müssen lange suchen, um so eine Kammer zu finden.“

 

business im breisgau: Hat das Handwerk im Moment nur die Wende als zentrales Thema?
Baier: Wir sind der offizielle Ausrüster der Energiewende. Neben der gibt es den demografischen Wandel und den Fachkräftemangel. Es kann nicht sein, dass unsere duale Ausbildung auf der einen Seite international hoch gelobt wird, und dann von manchen Europapolitikern der deutsche Meisterbrief wieder in Frage gestellt wird. Die duale Ausbildung steht und fällt mit der Meisterqualifikation. Die Plattenleger etwa brauchen keinen Meisterbrief mehr. Jeder, der eine Kelle halten kann, kann einen Betrieb anmelden. Deswegen haben wir die Ein-Mann-Unternehmen, die Platten reinklatschen, statt sie zu verlegen. Wir haben aber Qualitätsvorstellungen. Deswegen gehen wir über die Grenzen nach Padua oder ins Elsass, um zu zeigen, dass die duale Ausbildung auch dort möglich wäre. Die duale Ausbildung sollte in Europa bindend sein.
Burger: Vor 10 Jahren kam der erste Großangriff auf den Meisterbrief von Kanzler Gerhard Schröder. Alles sollte reduziert werden, wir wollen uns liberal und europafreundlich geben, jeder soll sich niederlassen können, wo er will. In einer Nacht- und Nebelaktion haben wir 53 Gewerke mit Meisterpflicht erhalten können, nur elf sollten bestehen bleiben. Wenn man sich die Jugendarbeitslosigkeit in Frankreich, Italien oder Spanien anschaut, muss man sagen, dass unsere duale Ausbildung der Vorreiter geringer Jugendarbeitslosigkeit ist. Unsere Betriebe bilden aus wie die Weltmeister.

business im breisgau: Und dann kommt die Industrie, bietet den Leuten ein, zwei Euro mehr und holt sie damit ab.
Burger: Genau da müssen wir rangehen.

business im breisgau: Wie?
Baier: Wir müssen unsere Leute darüber informieren, was sie in der Industrie erwartet. Im Handwerk ist die Arbeit viel abwechslungsreicher, da stehen die Leute nicht Tag für Tag an der Maschine. Je interessanter der Arbeitstag, desto schneller ist Feierabend. Viele lassen sich von dem bisschen mehr Geld aber reizen.
Burger: Mehr als 20 Prozent der Betriebsinhaber sind heute 55 Jahre alt oder älter. Das heißt, dass in den nächsten zehn Jahren 3500 bis 4000 Betriebe zur Übergabe anstehen. Nur 40 Prozent werden in der Familie weitergegeben. Das ist eine große Chance für alle, die einen Meisterbrief haben.

Paul Baier: „Wir sind der offizielle Ausrüster der Energiewende.“

 

business im breisgau: Was waren die Besonderheiten 2013?
Baier: Ein Highlight war unsere Imagekampagne, die uns mehr in den Fokus gerückt hat. Mit Erfolg. Die Industrie hat bei den Ausbildungsstellen 5 Prozent Minus gemacht, das Handwerk nur 1,5. Also haben wir gute Arbeit gemacht. Zum Jahresende gab es die symbolträchtige Kooperation mit dem Münsterbauverein. Wir sind zufrieden.
Burger: Wir haben es 2013 geschafft, unsere Konzepte, Wünsche und Forderungen gegenüber Land und Bund deutlich zu machen.

business im breisgau: In Freiburg ist die Gewerbesteuer erhöht worden …
Burger: Aber vor drei Jahren hatten wir das noch verhindert. Jetzt war es schwer vermittelbar. Wenn alles nach oben geht, kannst du nicht immer dagegen sein. Auch wir sehen, dass in Bildung und die Infrastruktur mehr investiert werden muss.

business im breisgau: Die Handwerksbetriebe haben ihre Umsätze um 0,9 Prozent auf 8,65 Milliarden Euro gesteigert. Ein guter Wert?
Burger: 2012 hatten wir minus 2 Prozent, jetzt plus 0,9. Wir hatten 2013 einen sehr langen Winter, fast 8000 Betriebe sind im Bau- und Ausbaugewerbe tätig …

business im breisgau: Und jetzt gucken wir aus dem Fenster, die Sonne lacht, es gibt milde Temperaturen. Womit rechnen Sie im laufenden Jahr?
Burger: Ich sage 2 Prozent plus voraus, wenn die Regierung den Betrieben freien Lauf lässt und nicht gleich in die Tasche greift.

business im breisgau: Wie viel „Schuld“ hat die Kammer an der Performance der Betriebe?
Burger: Der Erfolg der Kammer ist nicht direkt messbar. Wir sind Lobbyisten, führen Gespräche mit der Politik und sind innovativ. Wir haben die Tour de Handwerk erfunden. Danach hat Wirtschaftsminister Nils Schmid alle anderen Kammern angewiesen, das Freiburger Modell zu übernehmen. Und bis sie eine Kammer finden, die in Weiterbildungskursen 1,2 Millionen Teilnehmerstunden hat, müssen sie lange suchen.

business im breisgau: Herr Baier, Herr Burger, vielen Dank für das Gespräch.

 

Fotos: © HWK