Der heißeste Tag in diesem Juli hat es in Freiburg auf 38,3 Grad gebracht. Wer sich bei solchen Temperaturen ein schattiges Plätzchen im Grünen wünscht, wird in der Stadt immer seltener fündig: Grünflächen weichen Wohnsiedlungen, Straßen, gepflasterten Plätzen. Experten wie Helmut Mayer, Leiter der Meteorologie-Professur an der Uni Freiburg, kritisieren die Zunahme von „Hot Spots“. Er warnt davor, dass der Platz der Alten Synagoge nach seiner Umgestaltung zu einem Backofen werden könnte. Frank Uekermann, Leiter des Garten- und Tiefbauamts, hält die Bedenken für unbegründet. Und für Thomas Fabian, den Vizechef des Stadtplanungsamts, ist das Stadtklima nur eine von vielen Anforderungen für die Planung. Vor Ort lässt sich derweil Beeindruckendes messen: Während der neu gepflasterte Platz der Weißen Rose überm Boden 46 Grad hat, hat nebenan der noch grüne Platz der Alten Synagoge 18 Grad weniger. SPD-Stadtrat Walter Krögner forderte jetzt von Umweltbürgermeisterin Gerda Stuchlik, den Leiter des Freiburger Zentrums für Medizin-Meteorologische Forschung, Gerd Jendritzky, in den Umweltausschuss einzuladen. Angesichts der Kaskade großer Bauvorhaben solle den stadtklimatischen Auswirkungen mehr Beachtung geschenkt werden.

Platz der Alten Synagoge

 

Zwischen dem Kollegiengebäude II und dem Theater sitzen Studenten in kleinen Grüppchen unter den Bäumen oder träumen im Gras liegend vor sich hin. Eine Idylle, deren Ende ein großes Bauschild im Hintergrund verkündet: In zwei Jahren sollen Rasen und Bäume einer gepflasterten Fläche weichen, der Streit um die Neugestaltung am Platz der Alten Synagoge schwelt weiter. Um die Wohnungsnot zu bekämpfen, wachsen auch andernorts die Städte und werden weiter verdichtet. Aktuelles Beispiel in Freiburg: Der Großteil der Kleingartenanlage Gutleutmatten muss dem neuen Wohnviertel mit bis zu 550 Wohnungen weichen. Und auch nördlich des Rieselfelds werden wohl bald grüne Flächen für ein großes Neubaugebiet Platz machen.

Was ein bisschen Grün mehr oder weniger bedeutet, lässt sich an heißen Tagen an der Uni gut beobachten. Nur wenige Schritte trennen den Platz der Alten Synagoge vom gepflasterten Uni-Innenhof, der sich nahezu menschenleer präsentiert. Den Grund liefern die Messgeräte der universitären Professur für Meteorologie und Klimatologie: Zwar bleibt die Lufttemperatur an beiden Orten relativ konstant, die Oberflächentemperatur der Rasenfläche ist mit 28 Grad jedoch deutlich niedriger als die knapp 46 Grad über den Pflastersteinen.

Die von den Oberflächen abgestrahlte Wärme, die Lufttemperatur, die Windgeschwindigkeit und die Luftfeuchtigkeit bilden zusammen die gefühlte Temperatur. Und nur die entscheidet, ob der Mensch sie als angenehm empfindet oder nicht. Eine Lufttemperatur von 38 Grad kann sich unter einem schattigen Baum durchaus angenehm anfühlen – in einer Häuserschlucht auf heißem Pflaster hingegen zum Martyrium werden.

Meteorologe Mayer fordert von den Stadtplanern daher, diese gefühlte Temperatur auch in den Planungen für neue Baugebiete und einzelne Bauvorhaben zu berücksichtigen. Denn durch Versiegelungen von grünen Flächen entstehe in Freiburg ein Hot Spot nach dem anderen, oder wie es Mayer im Hinblick auf den Platz der Alten Synagoge bildlicher formuliert, ein „kleiner Backofen“.

Kritiker:  Helmut Mayer, Leiter  der  Meteorologie an der Uni Freiburg, fordert, das Klima viel stärker in die Stadtplanung miteinzubeziehen.

 

Frank Uekermann hält die Bedenken für unbegründet: „Die Temperatur im Kernbereich des Platzes nimmt zu, im Randbereich wird es durch die Pflanzung neuer Bäume jedoch kühler.“ Zwar sei das Abschatten der direkten Sonneneinstrahlung durch Galerien oder Bäume tagsüber tatsächlich eine der wirksamsten Waffen gegen die Hitze, Uekermanns Argument überzeugt Mayer aber überhaupt nicht: „Wenn ich Bäume pflanze, dauert es über 50 Jahre, bis sie groß genug sind, um einen merklichen Effekt zu haben. Das wird der eine oder andere von uns gar nicht mehr erleben.“

Auch Kritikern ist klar, dass ein gutes Stadtklima nur eine von vielen Anforderungen ist, die die Stadtplanung zu bewältigen hat. Freiburg braucht neues Bauland gegen die Wohnungsnot auch ohne das Plattmachen von Kleingärten, will ein neues Stadion, das keine klimaschädlichen Auswirkungen auf die westlichen Stadtteile hat, eine Straßenbahnlinie zur Messe trotz intaktem Zuhause der Beißschrecke …

Thomas Fabian, der stellvertretende Leiter des Stadtplanungsamts, muss daher Kompromisse finden: „Die Wohnungsnot hat bei uns oberste Priorität. In die Planung fließen aber immer auch ökologische Belange ein wie der Lärmschutz oder die Schadstoffemissionen – das Stadtklima ist da ein Thema von vielen.“ In welcher Form und in welchem Ausmaß der Erwärmung der Stadt Rechnung getragen wird, sei Ermessungssache. „Wir werden da vom Gesetzgeber ein stückweit allein gelassen“, moniert Fabian, „wie ich mit der Beißschrecke umgehen muss, weiß ich – für den Artenschutz gibt es eine gesetzliche Grundlage. Für das Klima nicht.“

Beispiel Stadionneubau: Ergibt das neue Klimagutachten (das alte liegt der Redaktion vor) Anfang Oktober, dass ein Stadion die Kaltluftleitbahn massiv beeinflussen würde, wäre das Projekt in seiner jetzigen Form vom Tisch. Wann diese Beeinflussung tatsächlich „massiv“ ist, sei im Vorfeld jedoch nicht definiert worden.

Besteht die Gefahr, dass sich Freiburg mehr und mehr in einen Backofen verwandelt? Laut Fabian nicht. Die Stadt sei beim Thema Ökologie so weit wie keine andere Stadt in Deutschland – das Stadtklima sei da nicht ausgenommen. Er kann zahlreiche Beispiele nennen, bei denen die Erwärmung in Planungen miteingeflossen sind, seien es alte Projekte wie die Bebauung der Kappler Straße – bei der die Häuser ein Stockwerk niedriger gebaut wurden, um den Höllentäler durchzulassen – oder neuere wie die Grünschneisen im Vauban, die die kühle Luft vom Schlossberg ins Viertel leiten.

Und bei den anstehenden Neubauprojekten würde noch einmal strenger auf die klimatischen Auswirkungen geachtet werden, verspricht er. Ein Idealbild, wie es Meteorologen mit einem Hektar Grünfläche zu einem Hektar bebaute Fläche vorschlagen, sei jedoch nicht zu realisieren.

Wird das Thema zu heiß gekocht? Freiburg gehört aufgrund der Lage am Oberrheingraben nun mal zu den wärmsten Städten Deutschlands. Und den kurzen Hitzeperioden im Sommer stehen drei kühlere Jahreszeiten gegenüber. Mayer winkt ab: Gebe es momentan noch durchschnittlich 17 Hitzetage im Jahr, rechnen die Experten im Jahr 2050 bereits mit bis zu 26. „Ab 2040 werden Hitzewellen, wie wir sie 2003 erlebt haben, jedes Jahr auftreten“, prognostiziert er.

Und das werden vor allem die Stadtbewohner zu spüren bekommen, da es in den urbanen Räumen generell einige Grad wärmer ist als im Umland: Gebäude bremsen kühle Winde, die Emissionen von Verkehr, Industrie oder Kraftwerken heizen die Stadt auf, die Baumaterialien speichern die Wärme. „Den Klimawandel kann man in den Städten bereits jetzt erleben“, sagt der Meteorologe Andreas Matzarakis, der an der Uni Freiburg unter anderem erforscht, wie sich das auf den menschlichen Organismus auswirkt.

Hans-Jörg Busch erlebt diese Auswirkungen als Ärztlicher Leiter des Universitäts-Notfallzentrums unmittelbar: „Wenn das Wetter umschlägt, behandeln wir bereits innerhalb von 24 Stunden zahlreiche Patienten mit Hitzebeschwerden.“ An heißen Tagen würden rund zehn Prozent der Notfallpatienten unter Sonnenstich, Hitzeschlag oder Exsikkose – der Austrocknung des Körpers – leiden. Die Hauptrisikogruppe bildeten ältere Menschen, Säuglinge und Kleinkinder. Im schlimmsten Fall können durch die Hitze verursachtes Herzkreislaufversagen, Atemwegs-probleme, Hitzeschlag oder drastischer Flüssigkeitsmangel bis zum Tod führen. In Freiburg gebe es jedes Jahr Hitzetote, erzählt Busch.

Gerade Menschen, die in unklimatisierten, schlecht belüfteten Räumen leben, sind einem erhöhten Risiko ausgesetzt. Eine Klimaanlage kann fürs eigene Heim eine Lösung sein, die städtische Umgebung heizen die Geräte indes noch mehr auf. Um Gebäude umweltverträglich kühl zu halten, gibt es zahlreiche Methoden, die von der Wärmedämmung über die Nutzung der kühlen Nachtluft bis hin zur Verschattung reichen.

Alternative zur Klimaanlage: Thomas Haussmann vom Freiburger ISE-Institut erforscht neue Kühlungssysteme.

 

Manche Methoden sind altbekannt, wie die Dachbegrünungen, bei denen Basel weltweit Vorreiter ist, manche werden erst noch erforscht. Etwa vom Freiburger Fraunhofer-Institut ISE, das sich den Eiswürfeleffekt zunutze macht: In Mikrokapseln verpacktes Wachs wird in den Baustoff von Gebäuden gemischt – wärmt sich das Gebäude im Laufe des Tages auf, schmilzt das Wachs und speichert so die Wärme. Nachts gibt das Wachs die Temperatur wieder ab, die so im Idealfall stets gleich bleibt. „Es ist das gleiche Prinzip wie in alten Kirchen mit ihren dicken Wänden“, erklärt Projektleiter Thomas Haussmann, „nur, dass es auch bei der Leichtbauweise, die wir heute bevorzugen, funktioniert.“ Je nachdem, wie groß die Fläche ist, auf der dieses Latentwärmespeichermaterial verwendet wird, lässt sich die Wärme in einem Raum um bis zu vier Grad senken. Weil die aufwendige Gewinnung des Paraffins nicht gerade günstig ist, konzentriert sich Haussmann momentan darauf, wie die Technik mit Kühlsystemen und Lüftungsanlagen kombiniert werden könnte. Eine kostenlose Alternative für zu Hause hat er jedoch jetzt schon parat: „Verdunstungskühlung kann jeder nutzen – hängen Sie einfach ein nasses Handtuch vors Fenster.“

Text & Fotos: Tanja Bruckert / Visualisierung: Buero Faktorgrün-Buero Rosenstiel