Er ist der neue Herr der Freiburger Friedhöfe: Martin Leser ist Anfang des Jahres als Vizechef des Garten- und Tiefbauamts zum städ- tischen Eigenbetrieb gewechselt. Seine Mission: Die Ruhestätten als Nah- erholungsziel bekannt zu machen – als Platz zum Spazierengehen, für Konzerte und Kinderspielplätze. Platz genug gibt es: Rund 40 Prozent der Freiburger Friedhofsflächen sind derzeit ungenutzt.

 

Ein von Bäumen eingerahmter Weiher, am Ufer blühen Pfingstrosen, zwei Enten sitzen auf einem Stein und putzen ihr Gefieder. Das Einzige, was darauf hinweist, dass man sich nicht in einem Park, sondern auf dem Hauptfriedhof befindet, ist eine große steinerne Urne, in deren Sockel zwei Todesdaten eingemeißelt sind.

Einsegnungshalle, Rosengarten, Weiher: Der neue Friedhofsleiter Martin Leser kennt die schönsten Ecken auf dem Freiburger Hauptfriedhof.

 

Für den Leiter des Freiburger Eigenbetriebs ist das einer der schönsten Plätze auf den 17 städtischen Friedhöfen. Mit seiner Familie geht er hier gerne spazieren, die mittlerweile erwachsenen Kinder haben auf einem Friedhof laufen gelernt. „Ich würde es begrüßen, wenn noch mehr Menschen die Friedhöfe auch als Parkanlage nutzen“, so Leser. „Sie sind Orte für die Lebenden, nicht für die Toten – die haben nichts mehr davon.“

 

Vom Weiher geht es zur Einsegnungshalle, einem prachtvollen Kuppelbau aus dem Jahr 1899 im Stil der ober- italienischen Neorenaissance. „Viel zu schade nur für Trauerfeiern“, findet der 60-Jährige und plant hier daher in den kommenden Monaten regelmäßige Konzerte und Lesungen.

Einsegnungshalle, Rosengarten, Weiher: Der neue Friedhofsleiter Martin Leser kennt die schönsten Ecken auf dem Freiburger Hauptfriedhof.

 

27 Hektar Fläche – das sind gut 38 Fußballplätze – hat allein der Hauptfriedhof und ist damit größer als die Grünfläche des Seeparks. Sogar einen Spielplatz gibt es hier, der bisher jedoch wenig genutzt wird – zu groß ist die Hemmschwelle.

 

Dabei könnte bald sogar noch mehr Platz für Picknicks und Spielplätze frei werden: Während 2007 die Zahl der Erdbestattungen noch überwogen hat, werden heute 67 Prozent der Toten verbrannt. Die Folge: Selbst in einer wachsenden Stadt wie Freiburg bleiben immer mehr Flächen ungenutzt. Für die Friedhöfe ist das ein riesiges Problem: die Einnahmen sinken, die Betriebskosten bleiben. „Es wird schwierig, die Gebühren stabil zu halten, obwohl das unser Ziel ist“, sagt Leser. Gespart wird daher an der Grünpflege: Wo einst säuberlich geharkte Wege waren, sprießen heute Gras und Gänseblümchen zwischen den Kieselsteinen.

Einsegnungshalle, Rosengarten, Weiher: Der neue Friedhofsleiter Martin Leser kennt die schönsten Ecken auf dem Freiburger Hauptfriedhof.

 

Aber sind freie Flächen für die aus allen Nähten platzende Stadt Freiburg nicht von Vorteil? Nicht in diesem Fall. Nicht nur, dass für Wohnungsbau auf einem Friedhof die Bebauungspläne geändert werden müssen, zudem müssten alle sterblichen Überreste exhumiert und an anderer Stelle begraben werden – ein unverhältnismäßig hoher Aufwand, wie der Friedhofschef erklärt. Ein weiteres Problem zeigt sich beim Friedhofsrundgang: Mal prangt hier ein Stück Rasen zwischen den Gräbern, mal dort. Zusammenhängende freie Flächen gibt es kaum.

Einsegnungshalle, Rosengarten, Weiher: Der neue Friedhofsleiter Martin Leser kennt die schönsten Ecken auf dem Freiburger Hauptfriedhof.

 

Wo genau welche Fläche unbelegt ist – darüber hat noch nicht einmal der Friedhofschef die Übersicht. Leser zieht eine Luftaufnahme aus einem Hefter: die weißen Flecken darauf sind Grabsteine, die grünen Stellen freie Flächen. Das ist zusammen mit rund 50.000 Grabakten, die in den Schränken der Verwaltung lagern, seine einzige Informationsquelle. Ein Zustand, über den Leser nur den Kopf schütteln kann: „Ich finde, zu einer modernen Friedhofsverwaltung gehört ein grafisches Informationssystem.“ Kosten der Digitalisierung: sechsstellig. Zunächst wird jedoch in den Neubau des Verwaltungs- gebäudes investiert, noch vor der Sommerpause soll ein entsprechender Antrag an den Gemeinderat gehen.

Einsegnungshalle, Rosengarten, Weiher: Der neue Friedhofsleiter Martin Leser kennt die schönsten Ecken auf dem Freiburger Hauptfriedhof.

 

An Ideen für weitere Neuerungen mangelt es Leser nicht – vom Apfelbaumhain, für den er erst noch die Satzung ändern müsste, bis hin zu einem Fliederfeld oder einem Bereich nur mit Holzgräbern. „Mich fasziniert die Gestaltungsfreiheit, die ich hier habe“, schwärmt er, „ich muss nur aufpassen, dass ich mir nicht zu viel vornehme.“ Wie gut, dass er einen Platz zum Entspannen immer in nächster Nähe hat.

 

Text & Fotos: © Tanja Bruckert