Im Untergeschoss des Augustinermuseums legen die Handwerker letzte Hand an – bauen Holzgerüste auf, befestigen Aufhängungen, streichen Holzrahmen. Eine Baustelle, die den Rahmen für eine weitere schafft: die „Baustelle Gotik“. Mit rund 200 internationalen Exponaten, einem Budget von 300.000 Euro und einer Weltpremiere ist die Ende November beginnende Ausstellung keine Sandkastenspielerei, sondern eine Großbaustelle rund um die Entstehung des Freiburger Münsters.

 

Sechs Monate lang wird sich im Augustinermuseum, im Museum für Stadtgeschichte und im Münster selber alles um seine Planung, Organisation, Finanzierung und technische Realisierung drehen. Schritte, die nicht nur beim Bau einer Kirche, sondern auch beim Aufbau einer Ausstellung nötig sind. Peter Kalchthaler, Leiter des Museums für Stadtgeschichte, und Mirja Straub, wissenschaftliche Volontärin am Augustinermuseum, haben für das chilli die Arbeit hinter den Kulissen beleuchtet: Von der vagen Idee bis hin zum Transport der Exponate.

 

 

Baustelle Gotik

Die Ausstellungsarchitektur im Modell.

 

Die Idee

 

Eine Ausstellung mit Anlass: Vor 500 Jahren wurde der Chor des Freiburger Münsters vollendet und geweiht. „Die Idee, zu diesem Jubiläum etwas über das Münster zu machen, existiert schon seit sechs, sieben Jahren“, erzählt Kalchthaler, „wir wollten schon lange eine Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Münsterbauverein zeigen.“ Wirklich in die Vollen geht das Projekt dann allerdings erst vor drei Jahren. Die abstrakte Idee wird konkretisiert: Was soll gezeigt werden? Welche Objekte gibt es dafür? Wo liegt der Schwerpunkt?

 

„Wir hätten auch einen Rundumschlag machen können: Die Geschichte des Freiburger Münsters von A bis Z“, blickt der Museumschef zurück. Stattdessen entscheiden sich er und sein Team für zwei Schwerpunkte: den Chor und das Thema Bauen.

 

Die Planer

 

Ganz am Anfang steht neben der Themenfindung auch die Frage an: Wen holt man mit ins Boot? In zwei Hauptarbeitsgruppen wird geballtes Expertenwissen vereint. So versammeln sich unter Leitung des Stadtgeschichtsexperten Kalchthaler der Mittelalterexperte des Augustinermuseums Detlef Zinke und der Freiburger Kunsthistoriker Guido Linke. Fachmännischen Rat gibt es außerdem von einem wissenschaftlichen Beirat, zu dem unter anderem die Kölner Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner gehört – für Kalchthaler eine der größten Expertinnen für gotische Bauhütten.

 

Eine der ersten Aufgaben der Arbeitsgruppen ist es, einen Titel für die Ausstellung zu finden. „Das war eine schwere Geburt“, stöhnt Kalchthaler. „Wir haben wochenlang Ideen gewälzt.“ Straub fängt bei der Erinnerung an zu schmunzeln: „Das Lustige ist, dass der endgültige Titel eigentlich von Anfang an der Arbeitstitel war: Baustelle Gotik.“ Da jedoch klar werden soll, dass es nicht um die Epoche allgemein, sondern um Freiburg und das Münster geht, ergänzen sie ihn noch um den Untertitel „Das Freiburger Münster“. Straub gefällt’s: „Nichts Blumiges, sondern knapp und knackig.“

 

 

Die Planer der Baustelle Gotik

Von Anfang an dabei: Peter Kalchthaler und Mirja Straub

 

 

Die Objektrecherche

 

„Die Entscheidung, was letztlich gezeigt wird, hängt natürlich auch von der Objektlage ab“, weiß Kalchthaler. Sobald die einzelnen Ausstellungsbereiche feststehen – von der Präsentation der Gewerke über die Planungen bis hin zur Liturgie –, begibt sich Kunsthistoriker Guido Linke auf Objektrecherche: Seine Reise zu unterschiedlichen Museen, Depots und Bauhütten führt ihn dabei durch ganz Deutschland, nach Österreich, Frankreich und in die Schweiz.

 

Nach und nach entsteht so eine Wunschliste mit mehr als 200 Exponaten: von der Stein-skulptur über alte Werkzeuge bis hin zu Glasmalereien. Für die Stücke, die nicht aus dem eigenen Haus kommen, werden Leihanfragen geschrieben. In ihnen muss das Museum auch klarmachen, ob es allen Anforderungen in Sachen Luftfeuchtigkeit, Temperatur oder Lichtschutz genügt.

 

Die Exponate

 

Gescheitert sei daran keine einzige Leihanfrage. Allerdings bekommt das Augustinermuseum aus konservatorischen Gründen einige Stücke nicht über die gesamte Ausstellungsdauer. So auch eines der Highlights: die Münsterturmrisse. Mittelalterliche Planzeichnungen, die aus verschiedenen Städten im In- und Ausland zusammengetragen werden und zu den wertvollsten Stücken der Ausstellung gehören. Das Augustinermuseum feiert mit diesen zweieinhalb Meter hohen Zeichnungen auf Pergament Weltpremiere: Erstmals werden alle fünf zusammen zu sehen sein. Vier der fünf Risse allerdings nur in den ersten drei Monaten im Original – länger lassen die Leihgeber diese Stücke generell nicht zeigen.

 

Insgesamt umfasst die Ausstellung rund 200 Exponate. Der größte Teil stammt aus der Münsterbauhütte, viele kommen auch aus der Dauerausstellung des Augustinermuseums und aus dessen Depot. Auf ein einzelnes Stück freut sich der Museumsleiter besonders, weil er lange nicht damit gerechnet hatte, es ausstellen zu dürfen: Ein Baumodell aus dem 16. Jahrhundert der TU München, das das Gerüst für ein Netzgewölbe zeigt. „Ein seltenes Stück, das genau zum Thema passt“, schwärmt Kalchthaler. Auf seine Leihanfrage bekommt das Augustinermuseum eine Absage – das Modell soll zeitgleich bei einer anderen Ausstellung gezeigt werden. Doch dann kommt durch Zufall her-
aus, dass sich die Münchner im Datum vertan haben. Glück für Kalchthaler: „Es wäre schade gewesen, wenn wir gerade dieses Stück nicht gehabt hätten.“

 

 

Wiener Münsterriss

Eines der teuersten Exponate: Der Wiener Münsterriss

 

Der Transport

 

Etwa einen Monat vor Ausstellungsbeginn koordiniert die Arbeitsgruppe den Transport der Leihgaben aus Basel, Straßburg, Wien, Nürnberg, Berlin oder Coburg. Ab dem 4. November wird ein Stück nach dem anderen angeliefert und aufgebaut, die besonders wertvollen kommen erst wenige Tage vor der Eröffnung. Die Kosten für Transport, Versicherung, Restauration oder Rahmung zahlt normalerweise der Leihnehmer.

 

Am teuersten ist der Hin- und Rücktransport der beiden Wiener Risse nach Freiburg: 6000 Euro. In diese Kosten spielt auch rein, dass die Exponate in einer extra für sie gebauten Klimakiste transportiert werden müssen, die ein paar Tage früher angeliefert wird, um sich zu akklimatisieren. „Früher hat man das sehr viel lascher gehandhabt“, erzählt Kalchthaler, „dadurch sind jedoch oft Schäden entstanden.“

 

Die Finanzierung

 

Die Gotik-Ausstellung hat ein Budget von 300.000 Euro. Der größte Teil davon geht für die Transporte, die Versicherung, Restaurierung, die Ausstellungsarchitektur, das Material für die Aufbauten und den Katalog drauf. Das Geld reicht aber auch noch für das eine oder andere Schmankerl, wie etwa die Animationsfilme, die das Museum produzieren lässt. Durch sie kann der Besucher nachverfolgen, wie sich ein Gewölbe aufbaut oder wie die einzelnen Bauphasen des Münsters abliefen.

Rund ein Drittel des Budgets sind Drittmittel, „ohne die diese Ausstellung nicht zu stemmen gewesen wäre“, so Straub. Die Freiburger wissen ja bereits seit dem Bau des Münsters, dass sich ein Großprojekt am besten mit einem Silberschatz im Hintergrund planen lässt. Denn ohne das Silber aus dem Schauinsland-Bergwerk wäre das Münster nie so gebaut worden, wie es gebaut worden ist.

 

Text: Tanja Bruckert / Bilder: Tanja Bruckert, Städtische Museen Freiburg

 

Baustelle Gotik: Das Freiburger Münster

30. November 2013 bis 25. Mai 2014