Vor neun Jahren wurde der Freiburger Mensagarten zum ersten Mal zum größten Kino der Stadt. Inzwischen haben sich die Zuschauerzahlen beim Freiburger Filmfest verdoppelt, die Filme sind zahlreicher und vielfältiger geworden. Welche Highlights beim runden Geburtstag geboten werden, erzählt Festival-Organisator Ludwig Ammann chilli-Autor Steve Przybilla im Interview.

Ludwig_Ammann

 

chilli: Herr Ammann, dieses Jahr feiert das Freiburger Filmfest seinen 10. Geburtstag. Blicken wir mal zurück: Wie fing alles an?
Ludwig Ammann: Mit dem Internationalen Filmfestival in Locarno. Das Highlight sind dort die Nachtvorführungen auf der wunderschönen Piazza Grande mitten in der Stadt mit 7000 bis 8000 Zuschauern! Diese gigantische Leinwand, diese Stimmung! Michael Wiedemann (wie Ammann auch Betreiber der Programmkinos Friedrichsbau, Harmonie und Kandelhof, d. Red.) war begeistert und fand, dass so etwas auch in Freiburg zu schaffen sein müsste.

chilli: Und das hat auch direkt geklappt?
Ammann: Zuerst musste ein geeigneter Platz gefunden werden – und der lauschige Mensagarten im Herzen der Altstadt zwischen Uni und Friedrichsbau erwies sich als Glücksgriff! Dann musste das Filmfest sich über die Jahre einen Namen machen und in Stadt und Region etablieren. Letztes Jahr hatten wir einen neuen Bestwert von über 5000 Zuschauern – am Anfang war es je nach Wetterlage eher die Hälfte.

chilli: Haben sich die Anfangswünsche also erfüllt?
Ammann (lacht): Das müssten Sie den Festivalgründer fragen! Ich bin ja erst seit einem Jahr dabei. Auf jeden Fall ist es toll, dass wir während des Filmfests das größte Kino der Stadt sind. Aber natürlich wissen wir auch, dass wir den Platzhirschen in Locarno oder Cannes keine Konkurrenz machen können.

chilli: War das denn das Ziel?
Ammann: Nein, aber wir haben schon die Ambition, regional attraktiv zu sein. Der Schwarzwald, die Schweiz und das Elsass gehören zu unserem Einzugsgebiet. Freiburg ist wie Locarno eine Touristenstadt, also zählen die auch zu unserem Publikum. Man hört nie auf zu träumen. Jeder, der schon mal in San Francisco war, hätte schließlich auch gerne eine Golden Gate Bridge vor der Haustür.

chilli: Welche Hürden mussten Sie aus dem Weg räumen?
Ammann: Das beginnt beim Aufbau der Riesenleinwand im Freien, ein echter Kraftakt für unsere Mitarbeiter, und endet beim lieben Geld – denn so ein Festival kostet ja eine Menge. Zu unserem großen Glück unterstützt uns das Kulturamt der Stadt mit der Miete für den Mensagarten, das Studentenwerk steuert die Infrastruktur bei, und die Volksbank stiftet den Publikumspreis (5000 Euro, d. Red.). Dafür sind wir sehr, sehr dankbar. Einen Barzuschuss gibt es aber nach wie vor nicht, obwohl wir inzwischen eine etablierte Veranstaltung sind. Deshalb schreiben wir unterm Strich keine schwarzen Zahlen.

chilli: Wie hoch sind die Verluste?
Ammann: Das kommt ganz darauf an, wie man rechnet. Wenn man sich nicht in die Tasche lügt, bleibt am Ende ein Defizit im vierstelligen Bereich. Wir machen schon sehr viel selbst und stecken viel Energie in das Projekt, aber damit kann man trotzdem keine Schauspieler und Filmemacher aus dem Ausland einladen.

Kino_Friedrichsbau

 

chilli: Viel Arbeit und dann noch Verluste: Warum tun Sie sich das Ganze überhaupt an?
Ammann: Bei aller Wahnsinnsarbeit macht’s auch wahnsinnig viel Spaß! Wir feiern hier schließlich mit unserem Publikum die Filmkunst. Jeder spürt, dass plötzlich ein Fest läuft – das ist eine ganz spezielle Stimmung, wie es sie nur auf Festivals gibt. Wir selbst sind auch auf unheimlich viele Filme gespannt, von denen wir bisher nur gehört haben. Das treibt den Adrenalinspiegel nach oben und gibt uns Energie fürs ganze Jahr.

chilli: Wie zufrieden sind Sie mit dem Freiburger Publikum?
Ammann: Wir haben ein Superpublikum! Das sieht man auch daran, dass Freiburg immer noch die meisten Pro-Kopf-Kinobesuche Deutschlands verbuchen kann. Ins Cinemaxx gehen 700.000 Zuschauer pro Jahr, in unsere drei Programmkinos immerhin 440.000. Wir sind mächtig stolz, dass wir da mithalten können. Das mag auch daran liegen, dass wir in Freiburg eine sehr bildungsbürgerliche Gesellschaft antreffen. Die Leute gehen einfach gerne ins Kino, und zwar nicht nur die Studenten.

chilli: Ist Freiburg nur eine Kinostadt oder auch eine Filmstadt, wie wir in der letzten cultur.zeit titelten?
Ammann: Ich würde schon eher von einer Kinostadt sprechen. Freiburg ist ja nicht gerade als Metropole bekannt, in der die großen Filme gemacht werden. Aber es ist natürlich einiges los an Dreharbeiten. Aktuell hat der Riegeler Filmemacher Telemach Wiesinger ein experimentelles Filmgedicht über Freiburg und seine Partnerstädte gemacht: 10 – läuft bei uns als Deutschlandpremiere!

chilli: Auf welche drei Filme freuen Sie sich am meisten?
Ammann: Nur drei Filme? Das ist ja superschwierig (überlegt) … Besonders freue ich mich auf „Prinz Avalanche“, „Gloria“ und „Das Mädchen Wadjda“. Und den streng geheimen Überraschungsfilm – ein Knaller aus Cannes!

chilli: Das waren jetzt aber vier Filme.
Ammann: Okay, dann rede ich eben von den Innovationen, die es dieses Jahr gibt. Mit 43 Premieren zeigen wir so viele wie nie zuvor, darunter auch Filme, die nur auf Festivals laufen und nie ins Kino kommen. Zum Beispiel „The Neccessary Death of Charlie Countryman“ mit Shia LeBeouf und Mad Mikkelsen. Der lief nur auf der Berlinale und verbindet viele Genres zu einem irrwitzigen Fun-Ride, was für spät nachts.

chilli: Nur nachts?
Ammann: Genau. Wo wir auch schon bei der nächsten Neuerung wären, der „Crazy Midnight“. Das sind vier Spätfilme am Wochenende um 22.45 Uhr. Die entsprechen überhaupt nicht dem Alltagskino, die lassen den braven Geschmack hinter sich. Filme mit besonderer Stimmung, die man nur nachts gucken kann. Zum Beispiel die Gender-Bender Rockoper „Peaches Does Herself“ als Deutschlandpremiere und der gesellschaftskritische Body-Horror-Film „Antiviral“.

Kino_Harmonie

 

chilli: Wo sehen Sie das Filmfest in den nächsten zehn Jahren?
Ammann: Ich würde mir ein noch größeres Publikum wünschen. Zwischen 7000 und 8000 Zuschauer wären toll. Eine gewisse Förderung wäre auch schön, dann könnten wir uns mehr Deutschlandpremieren und Gäste und Diskussionsrunden leisten. Nur mehr Filme, die wird’s mit Sicherheit nicht geben, denn das ginge auf Kosten der Qualität.

Das 10. Freiburger Filmfest findet vom 18. bis 28. Juli statt. Vorführungsorte sind der Mensagarten, das Friedrichsbau- und das Harmonie-Kino.
Eintritt: Vorstellungen im Mensagarten kosten 7,50 Euro (ermäßigt 6,50 Euro); in den Kinos gelten die regulären Preise, aber kein Kinotag. Zudem gibt es 5er-Karten (30 Euro) und 10er-Karten (50 Euro).
Weitere Informationen:
Das Programm steht online unter www.filmfest-freiburg.de

Foto: Steve Przybilla