Der Mann ernährt als Jäger die Familie und die Frau versorgt in der Höhle die Kinder – ist das tatsächlich historische Realität? Und was bedeutet das für die Männer und Frauen von heute? Die Ausstellung „Ich Mann. Du Frau. Feste Rollen seit Urzeiten?“ im Archäologischen Museum Colombischlössle in Freiburg ist die deutschlandweit erste, die sich diesem Thema aus Sicht der Archäologie widmet. Brigitte Röder, Professorin für Ur- und Frühgeschichte an der Universität Basel, hat dazu das Begleitbuch herausgegeben. Der chilli-Redakteurin Tanja Bruckert hat sie verraten, wie die Archäologie dieses aktuelle Thema beleuchtet.

Expertin für Ur- und Frühgeschichte:  Brigitte Röder.

 

chilli: Die Ausstellung stellt die Frage, ob es seit Urzeiten feste Rollen gibt. Wie kann die Archäologie da weiterhelfen? Wenn man eine Nähnadel findet, kann man doch nicht sagen, ob sie von einer Frau oder einem Mann benutzt wurde …
Röder: Für die Urgeschichte haben wir keinerlei Schriftquellen und damit keine Berichte, wer genäht, gekocht oder gejagt hat. Und den materiellen Hinterlassenschaften wie einer Nähnadel oder einem Bogen sieht man nicht an, wer sie hergestellt oder benutzt hat. Genau das ist unser Problem, weil so zwangsläufig Interpretationen einfließen, die uns aufgrund der eigenen Erfahrungswelt plausibel erscheinen. So wird in der Regel das bei uns als ursprünglich geltende traditionelle Geschlechtermodell – der Mann ist Ernährer, die Frau Hausfrau und Mutter – auf die Urgeschichte projiziert. Den Funden wird eine bestimmte Interpretation zugeschrieben, die so selbstverständlich und klar scheint, dass sie selbst in der Wissenschaft oft nicht hinterfragt wird.

 

chilli: Die Archäologie hat keine Möglichkeit zu sagen, ob es in der Urgeschichte eine klare Rollenverteilung gab?
Röder: Doch, wir können über die sterblichen Überreste urgeschichtlicher Menschen sehr konkrete Hinweise darauf gewinnen, welche Tätigkeiten sie ausgeübt haben. In den Körper schreiben sich Tätigkeiten ein, die man sehr oft ausführt, indem sich die Knochen charakteristisch verändern.

 

chilli: Ein Beispiel?
Röder: Wir präsentieren Untersuchungen an Skeletten aus einem eisenzeitlichen Gräberfeld in Österreich, das in der Nähe eines Salzbergwerks aus derselben Zeit entdeckt wurde. Eine Wiener Anthropologin konnte anhand bestimmter Merkmale an den Skeletten zeigen, dass die hier bestatteten Menschen Bergleute waren. Sie konnte sogar eine Arbeitsteilung rekonstruieren: Die Männer haben das Salz mit Pickeln aus dem Berg geschlagen. Die Frauen haben es hinausgetragen, was etwa an Abnutzungsspuren an der Halswirbelsäule erkennbar ist.

Männliche und weibliche Figuren – mit Abstufungen dazwischen: Vielleicht ein Zeichen, dass es die strikte Differenzierung zwischen den Geschlechtern nicht immer gab.

 

chilli: Gab es Trans- und Intersexualität schon in der Urgeschichte?
Röder: Das ist eine spannende Frage. Ich nehme an, dass es das auch in der Urgeschichte gegeben hat – das wissenschaftlich nachzuweisen, ist jedoch extrem schwierig. Ein Hinweis auf Intersexualität könnten beispielsweise menschliche Keramik- oder Bronzestatuetten sein, die sowohl männliche als auch weibliche Geschlechtsorgane aufweisen. Solche Statuetten gibt es in zahlreichen urgeschichtlichen Kulturen.

 

chilli: Könnten solche Darstellungen ein Hinweis dafür sein, dass die Menschen damals nicht so strikt wie wir heute zwischen Männern und Frauen differenziert haben?
Röder: Das wäre möglich. Unter den ältesten Kunstwerken der Menschheit finden sich interessanterweise nicht nur eindeutig weibliche oder männliche Figuren, sondern dazwischen auch eine ganze Reihe von Abstufungen. Zudem sind manche Objekte doppelt lesbar, etwa als Penis mit Hoden oder als Busen mit Halsansatz. Wenn man diesen kontinuierlichen Übergang und die Mehrdeutigkeit von manchen Objekten in Betracht zieht, kann man folgern, dass die strenge Kategorisierung in entweder männlich oder weiblich damals so nicht vorhanden war.

 

chilli: Was halten Sie von Büchern wie „Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken“, die den Unterschied zwischen Mann und Frau evolutionsbiologisch erklären wollen?
Röder: Diese Bestseller zeigen, dass es ein gesellschaftliches Bedürfnis gibt, sich in einer Zeit der Pluralisierung von Beziehungsformen und sexuellen Einstellungen zu orientieren. Die Urgeschichte dient hier als Sehnsuchtsort, an dem alles so ist, wie es vermutlich nie war. Mit der historischen Realität hat das nichts zu tun. Und selbst wenn wir wüssten, wie die Rollenverteilung vor zweieinhalb Millionen Jahren ausgesehen hat: Weshalb sollte das für uns heute überhaupt noch relevant sein? Bei anderen Themen kämen wir nie auf die Idee, die Urgeschichte als Leitbild zu nehmen. Wir verzichten doch auch nicht auf unser Bett und suchen uns einen Schlafbaum – dieser Ansatz ist völlig absurd.

 

Text: Tanja Bruckert / Fotos: © privat; Archäologisches Museum Colombischlössle

 

Ich Mann. Du Frau. Feste Rollen seit Urzeiten?
16. Oktober 2014 – 15. März 2015 im Archäologisches Museum Colombischlössle

Begleitbuch zur Ausstellung:
Brigitte Röder (Hg.), Ich Mann. Du Frau. Feste Rollen seit Urzeiten?
Begleitbuch zur Ausstellung des Archäologischen Museums Colombischlössle
16. Oktober 2014 – 15. März 2015.
Rombach-Verlag Freiburg i.Br. /Berlin 2014.
240 Seiten, 19,80 Euro