„Die Märchentante, der Sultan, mein Harem und ich“, heißt das neue Buch meines alten WG-Kumpels Helge Timmerberg. Der Titel bringt ziemlich genau auf den Punkt, was ihn Zeit seines Lebens fasziniert  hat: Unglaubliche Geschichten, schöne Frauen und der Wunsch, seine Träume zu verwirklichen – koste es, was es wolle.

 

Die Story: Zusammen mit seinem Freund Endi Effendi will Helge ein Drehbuch für einen imposanten Hollywood–Film verfassen. Es geht um das märchenhafte Leben der Elsa Sophia von Kamphoevener. Die Baronin aus Hameln soll der Legende nach als Mann verkleidet durch das Weltreich der Sultane geritten sein, um an den Lagerfeuern der Karawansereien Märchen zu lauschen. Jahrzehnte später im Zweiten Weltkrieg erzählte sie die Geschichten deutschen Soldaten, um ihnen das Sterben im Lazarett zu erleichtern.

 

Doch das Hollywood-Projekt scheitert – und das, obwohl Helge für die Recherche tausende Kilometer zwischen Orient und Okzident zurückgelegt und noch mehr Vorschüsse von diversen Filmproduzenten ausgegeben hat. Aber so war es schon immer: Wer bei Helge einen Artikel oder ein Buch in Auftrag gab, konnte sich weder darauf verlassen, dass die Geschichte rechtzeitig abgeliefert wurde, noch dass der Text auch nur in Ansätzen dem entsprach, was sich die Redaktion vorgestellt hatte. Dafür aber brachte der Freigeist meistens eine verdammt gute Geschichte mit.

 

Bargon und Timmerberg auf dem Times Square in New York 1982.

Bargon und Timmerberg auf dem Times Square in New York 1982.

 

Berühmt  wurde Helge in den 80er Jahren mit abgefahrenen Stories und Reiseberichten, die in Kultzeitschriften wie TEMPO oder TWEN erschienen. Als die Hamburger Reeperbahn noch ein Sündenpfuhl war, portraitierte er auf liebevolle Art brasilianische Tänzerinnen und trinkfeste Türsteher. Später schipperte er mit Goldgräbern über den Amazonas und arbeitete im Haus des Todes von Mutter Theresa in Kalkutta. Sein radikal-subjektiver Schreibstil war damals vollkommen neu.

 

Viele Autoren haben versucht, ihn zu kopieren, konnten dem Original jedoch nie das Wasser reichen. Vermutlich ist Helge in seiner Jugend wie Obelix in ein Fass mit Zaubertrank gefallen – er allerdings in eins mit anderen, die Phantasie anregenden Substanzen.

 

Ich hatte das Glück, viele Timmerberg-Geschichten als erster zu hören, denn ich wohnte mit ihm in einer WG am Altonaer Bahnhof. Da er zwar genial schreiben konnte, aber keine Ahnung von Orthographie hatte, bekam ich als Germanistik-Student den Job, seine Texte zu redigieren.

 

Ich bewunderte ihn für sein Talent, seinen Mut und Freiheitsdrang. Denn Helge akzeptiert weder moralische Schranken noch Denkverbote. Natürlich hat er auch die Fehler seiner Tugenden: Man muss ihm vieles verzeihen: Redakteure, weil seine Geschichten oft nichts mit dem vereinbarten Thema zu tun haben. Frauen, weil es immer wieder neue Eroberungen gibt. Und Freunde, weil er grundsätzlich sein eigenes Ding durchzieht.

 

Mitte der 80er Jahre wollten wir gemeinsam eine lange Reise über Griechenland, Ägypten bis nach Indien machen. Als Helge sich auf Kreta in eine junge Göttin verliebte, verschob er sein Buchprojekt und wünschte mir eine gute Weiterfahrt. Schlag bei Frauen hatte er ob seines Charmes schon immer. Einmal kam ich in die WG und schwärmte von der Schönheit einer Argentinierin, die ich gerade kennengelernt hatte – ohne jegliches Schuld-Gefühl spannte er sie mir aus. Später las ich in einem seiner Bücher (Shiva-Moon), dass ihm seine Eroberung kein Glück gebracht hatte, da ihre Herrschsucht ihr gutes Aussehen um einiges  übertraf.

 

Schadenfreude? Nein. Ich konnte viel von Helge lernen, sei es die Kunst zu reisen, die Liebe zu Geschichten, die am Wegesrand liegen oder die Erkenntnis: Ich bin kein Schreiber, sondern ein Mann des gesprochenen Wortes und daher beim Radio genau richtig.

 

Freiburg im Mai 2014, Sebastian Bargon

 

 

Cover_Helge-Timmeberg

 

 

Die Märchentante, der Sultan, mein Harem und ich

Helge Timmerberg

Verlag: Malik

256 Seiten, gebunden

Preis: 19,99 Euro

 

 

Gewinnspiel: Wir verlosen drei Exemplare von “Die Märchentante, der Sultan, mein Harem und ich”. Wer gewinnen möchte, schickt eine E-mail mit dem Betreff “Timmerberg” an gewinnspiel@chilli-freiburg.de