Das Freiburger Rotlichtmilieu gerät mehr und mehr in die Hände von Rockerbanden und Drogenkriminellen. Das behauptet ein Insider aus der Freier-Szene. Das verlautbaren auch einschlägige Portale wie bordellberichte.com. Die beiden Kripokommissare Walter Martin und Thomas Schönefeld sitzen am Besprechungstisch im Freiburger Polizeipräsidium und schütteln die Köpfe: Vor einigen Jahren habe es mal Versuche gegeben, das Milieu zu rocken. Das sei von der Polizei aber verhindert worden. Aktuell gebe es nichts Neues.

Anders als beim städtischen Baurechtsamt: Nachdem FKK-Palast-Chef Berthold Lorenz seinen Bauantrag für ein Laufhaus hinterm Bauhaus auf den Tisch gelegt hatte (worüber das chilli vor einem Jahr als erstes Medium berichtet hatte), hat die Behörde den jetzt abgelehnt. Das Grundstück sei nach dem geltenden Bordellkonzept kein genehmigbarer Standort. Lorenz war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

 

„Und in ein bis zwei Jahren ist ein Großteil der Szene in der Hand von Rockerbanden und anderen Kriminellen.“So ist ein der chilli-Redaktion geschickter Brief eines Freiers (er nennt sich Smacks) überschrieben, der seit zehn Jahren in der Freiburger Szene unterwegs ist. Rund 70 Prozent der horizontalen Arbeitsplätze in den größeren Sex-Betrieben seien mittlerweile in der Hand von Rockern und Drogenkriminellen oder von diesen abhängig, schreibt Smacks. Die Faktenlage ist indes dürftig. „Wir müssen das noch mehr belegen können“, räumt der Freier später ein, der über einen anonymen Anschluss spricht und sein Wissen vor allem über bordellberichte.com bezieht. Der Administrator der Seite ist nach chilli-Informationen ein ehemaliger Betreiber von Terminwohnungen in Landwasser, der vor zwei Jahren gegen das neue Bordellkonzept der Stadt geklagt hatte – vor dem Verwaltungsgericht aber klein beigeben musste. Seither ist er offenbar nicht mehr aktiv im Geschäft.

Deutungsstreit um das älteste Gewerbe der Welt

 

Smacks Brief hat auch Sofie P. (Name geändert) in die Finger gekriegt – und auf der Hurenseite kaufmich.com gepostet. „Keine fünf Minuten später hatte ich einen Kommentar von einem männlichen Profil, der fragte, ob ich mich für so unantastbar halte, dass ich so etwas poste“, erzählt sie beim Redaktionsbesuch. Angst hat die Escort-Lady nicht: Sie zählt zu den selbstbewussten, selbstbestimmten Frauen, die „Spaß an der Arbeit“ haben und vom Lohn keinen Cent abgeben müssen. Smacks hingegen meint, dass deren Zahl immer kleiner wird. Immer häufiger treffe er auf Frauen, die von Hintermännern kontrolliert hier anschaffen. Die United Tribuns würden mittlerweile eine große Rolle spielen, die Hells Angels, die Outlaws MC.

 

Für Kommissar Martin sind das Mutmaßungen: „Eine Monopolisierung der Rotlichtszene sehen wir gegenwärtig nicht.“ Auch nicht, „dass Rockergruppen bestimmte Etablissements beherrschen.“ Das Milieu entwickle sich nicht in Richtung Zwangsprostitution, sagt sein Kollege Schönefeld: „Wir haben es oft mit selbstbewussten Frauen zu tun, die genau wissen, was sie wollen.“

 

Auf der Plattform kaufmich.com können sich die Liebesdienerinnen anonym austauschen. Sofie P. schätzt, dass es in Freiburg „sicher 120 Frauen gibt, die unabhängig arbeiten“. Viele haben einen normalen Job und arbeiten nur nebenher horizontal. Sie selbst stehe mit 30 selbstbestimmten Frauen in Kontakt.

 

Bei der Polizei klingelte zuletzt Anfang Februar eine Prostituierte. Zu einer Anzeige kam es nicht. „Sie hat wieder einen Rückzieher gemacht“, erzählt Schönefeld. Das sei kein Einzelfall. Daraus aber zu schließen, dass dabei automatisch Gewaltandrohung oder Ähnliches im Spiel wären, hält der Kommissar für zu kurz geschlossen. Martin kann sich „an keinen Fall erinnern, wo wir eine Verurteilung wegen Zwangsprostitution oder damit verbundenen Tatbeständen wie Menschenhandel hatten“.

 

Im vergangenen Oktober bekam im B&B-Hotel an der Tullastraße ein 33-Jähriger einen Baseballschläger zu spüren und lag dann nicht vernehmungsfähig im Krankenhaus. „Es gibt gelegentlich Vorfälle“, sagte B&B-Sprecherin Katja Hasselkus der BZ. Das B&B wird schon länger Bumms-Bordell genannt, sagt Sofie P. Das sei was für die ganz schnelle Nummer. Wegen Kokainhandels verurteilte das Freiburger Landgericht im Juni 2011 einen 47-Jährigen, der mehrere Terminwohnungen betrieb, zu knapp drei Jahren auf Bewährung. Im vergangenen Juli erreichte ein 49-Jähriger – auch er betrieb mehrere Terminwohnungen und gab sich zeitweise als Präsident eines United Tribuns-Ablegers aus – einen Freispruch vor dem Landgericht. Weil die Beweislage wegen illegalen Drogen- und Waffenbesitzes zu dünn war. Schönefeld und Martin kennen den Fall. Ob aber das Vermieten an Huren etwas mit der Rockergruppe zu tun habe?

 

Im Vergleich zu Hamburg oder Wien, Berlin oder selbst Aachen findet das Geschäft mit der käuflichen Liebe in Freiburg immer noch auf einem kriminell harmlosen Niveau statt. Auch wenn es bei der Polizei im Bereich der Organisierten Kriminalität angesiedelt ist.

Abgelehnt: Hühnerstadl-Standort

 

Das Freiburger Rathaus hatte Ende 2012 die neue Bordellkonzeption samt Sexsteuer beschlossen. Die Polizei freute sich, weil es hernach klar definierte Standorte gab, die Lage somit übersichtlicher, die Kontrollen einfacher. Das Rathaus freute sich, weil es seither mitverdient: 340.000 Euro allein 2013 und 2014. Gerechnet hatte man mit rund 500.000, aber die Szene hat schnell reagiert: Weil Bordellbetreiber und Huren in Wohnungen pro angefangene zehn Quadratmeter jeden Monat 100 Euro in den Stadtsäckel stecken müssen, wurden die Zimmer auf steuersparende Größen verkleinert. Für Beratungsstellen wie Pink oder FreiJa hat das neue Bordellkonzept kaum etwas gebracht.

 

Ob das von der Bundesregierung auf den Weg gebrachte neue Prostitutionsgesetz was bringt? CDU, CSU und SPD wollen unter anderem Gangbangs und Flatrate-Sex verbieten, eine Kondompflicht für die Freier, eine medizinische Beratungspflicht für die Frauen und eine Meldepflicht für Liebesdienerinnen. Ohne Hurenpass droht gar ein Berufsverbot. „Ein Hurenpass“, sagt Sofie P. und tippt sich an die Stirn, „kommt für mich nicht in Frage.“ Und für viele andere auch nicht. Es sei diskriminierend, so etwas zu fordern.

 

Der Verein Doña Carmen kritisiert die Inhalte spitzzüngig: „Es ist keineswegs Zufall, dass die jetzt von der Großen Koalition beschlossene Meldepflicht für Sexarbeiter/innen, für die es keine vernünftige Begründung gibt, zuletzt unter den Nationalsozialisten per Runderlass des Reichsinnenministers 1939 eingeführt wurde.“

 

Für die Freiburger Escort-Lady ist klar, dass auch die Kondompflicht ins Leere laufen wird: „Wenn es eine nicht ohne macht, wird man ihr sagen, dass unten 100 andere stehen, die es gerne ohne machen.“ Bei ihr wollen mehr als 50 Prozent der Kunden Blowjobs ohne Gummi, jeder fünfte auch bei anderen Spielarten keinen Safer Sex. Das älteste Gewerbe der Welt wird sich auch durch das jüngste Gesetz nicht großartig verändern.

 

Text: Lars Bargmann / Fotos: © iStock.com/siur, bar