Auf der Eins tanken, die Energie auf das Cis und auf der Drei abstützen“, dirigiert Winfried Toll. Seit 25 Jahren achtet der Komponist und Dirigent darauf, dass bei den Konzerten des Freiburger Kammerchors jeder Ton sitzt. Ausgezeichnet mit dem „Europäischen Kammerchorpreis“, mit Tourneen in Europa, Kanada und Brasilien sowie sechs erfolgreichen CD-Produktionen gehört die Camerata Vocale Freiburg zu den gefragtesten deutschen Kammerchören. Mit chilli-Volontärin Tanja Bruckert hat sich Toll über die Entwicklung des Chors und das A-cappella-Programm zum Start seines Jubiläumsjahres unterhalten.

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chilli: Eine studentische Gruppe hat die Camerata Vocale 1977 gegründet, elf Jahre später sind Sie als künstlerischer Leiter hinzugekommen. Was hat sich seit der Anfangszeit verändert?
Toll: Aus der kleinen Studentengruppe hat sich unter meiner Leitung ein Kammerchor entwickelt, ein Jahr später haben wir den ersten Landes- und wieder ein Jahr darauf den ersten Bundeswettbewerb gewonnen. Das war unser Durchbruch. Mittlerweile ist der Chor von der Altersstruktur her nicht mehr rein studentisch, sondern gut durchmischt, wir sind aber nach wie vor semiprofessionell aufgestellt.

chilli: Was hat sich musikalisch verändert?
Toll: Wir sind unserem breit gefächerten Repertoire treu geblieben. Ein großer Zugewinn ist die oratorische Zusammenarbeit mit dem Kammerorchester Basel, die bereits seit über zehn Jahren besteht. Der A-cappella-Markt ist mit vielen guten Kammerchören dicht besetzt, die Verbindung mit einem so guten Orchester hebt uns aus der Masse heraus.

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chilli: Was schätzen Sie so am Basler Kammerorchester?
Toll: Es passt von der Größe her gut zu unserem Chor mit 30 bis 35 Leuten, da die Besetzung sehr überschaubar ist. Mit dem Kammerorchester haben wir sehr viel Barockmusik gemacht und einen richtiggehenden Händelzyklus angeregt, den wir auch weiterführen möchten. Das Schöne an dem Orchester ist jedoch, dass es sich nicht auf Barock festgelegt hat, sondern das Repertoire auch neue und romantische Musik beinhaltet.

chilli: Sie selbst legen den Schwerpunkt dieses Jahr auf die gemäßigte Moderne.
Toll: Nicht nur. Ich habe natürlich bestimmte Schwerpunkte, die mir in meiner ästhetischen Welt gut liegen, im A-cappella-Bereich sind das die Spätromantik und die gemäßigte Moderne. Wir berücksichtigen natürlich auch andere Epochen, doch die große A-capella-Literatur ist von Mitte der Romantik bis heute anzusiedeln.

Dirigent Winfried Toll startet mit einem A-cappella-Programm ins Jubiläumsjahr.

Dirigent Winfried Toll startet mit einem A-cappella-Programm ins Jubiläumsjahr.

 

chilli: Auf dem ZMF hat es in den vergangenen beiden Jahren eine A-cappella-Nacht gegeben, auf der Internationalen Kulturbörse in diesem Jahr ebenfalls. Liegt der Gesang ohne Instrumentalbegleitung momentan im Trend?
Toll: Auf jeden Fall. Durch Komponisten, die sich von den klassischen Traditionen lösen, gibt es einen Cross-Over-Bereich zur Populärmusik, der vor allem die junge Generation anspricht. Es ist eine Easy-Listening-Musik, die gut klingt, oft geschickt arrangiert wird und daher momentan viele Anhänger hat. Bei den A-cappella-Konzerten des Daejeon Philharmonic Choirs in Südkorea, den ich ebenfalls leite, ist die Hälfte der Besucher zwischen 17 und 25 Jahre alt. Doch auch in Freiburg haben wir ein breites Publikum von Studenten bis hin zum etablierten Bürgertum.

chilli: Wie unterscheidet sich Ihr Programm von dieser Easy-Listening-Musik?
Toll: Ich sage oft: I don’t want to entertain the public. Ich möchte dem Publikum ein Programm bieten, das über reine Unterhaltung hinausgeht und ein Eindringen in die Größe eines Werkes möglich macht. Dafür nehmen wir uns auch mal ein sperriges Werk vor, das einem nicht sofort entgegen springt, sondern das man sich erarbeiten muss. Man kann es mit dem Erklimmen eines hohen Gipfels vergleichen – je anstrengender der Weg war, umso reicher wird man belohnt.

Infos & Termine

Zoltán Koldály: Messe breve
A-cappella-Motetten des 19. und 20. Jahrhunderts
5. Mai 2013 beim Festival des Orgues d’Alsace
6. Mai 2013 in der Christuskirche Freiburg

Festliches Jubiläumskonzert
21. September 2013 im Konzerthaus Freiburg

Fotos: Lena Boehm / G. Kaltenbach / Tanja Bruckert