Das Leben ist ein Wettbewerb. Es mag Bereiche geben, die da rausfallen, die Poesie gehört nicht dazu. Gedichte werden bei Poetry-Slams mit Punkten gewertet und in Preise übersetzt. Doch nicht jeder Text wird geschrieben, um einem Massenpublikum zu gefallen. Der Freiburger Autorenkreis „Even Letters“ bildet so eine Ausnahme: Bei Lesungen ist man lieber unter sich.

Wortkünstler: Slam-Poet Tobias Gralk.

 

Hier soll kein Massengeschmack bedient, sondern etwas vorgetragen werden, das man sonst nicht zu hören bekommt. Der literarischen Form sind dabei keine Grenzen gesetzt: Vom Gedicht über die Kurzgeschichte bis hin zum Kochrezept ist alles erlaubt – vorausgesetzt, es ist selbst geschrieben.

In der Freiburger Buchhandlung Klingenberg sitzen an diesem Abend zwölf Menschen und lauschen einem Journalisten, der eine Kurzgeschichte über eine Flucht nach Lampedusa vorliest. Als Nächstes zieht Juliano Gerber einen Zettel aus der Tasche und rezitiert ein Gedicht mit dem Titel „So auch wirklich“. Gerber ist bei jeder der monatlichen Lesungen dabei, er hat den Autorenkreis vor vier Jahren gegründet. Die erste Lesung in einem Wohnzimmer von Freunden besuchten sechs Autoren und Zuhörer, beim nächsten Treffen waren es bereits 22. Mittlerweile umfasst das Kollektiv rund 40 Autoren, von denen jedoch nur ein kleiner Teil regelmäßig zu den monatlichen Lesungen kommt.

Die Raumsuche hat das nicht vereinfacht. Als Gerber in einer Galerie anfragt, zeigt sich der Besitzer einverstanden – jedoch nur, wenn Gerber garantieren könne, dass die Lesungen von fünfzig Leuten besucht würden. Dass er gut daran tut, das Angebot nicht anzunehmen, zeigt die nächste Lesung im Artjamming an der Günterstalstraße. Es erscheinen gerade einmal fünf Leute – Gerbers Vater und dessen Frau eingeschlossen.

Wortkünstler: Lyriker  Juliano Gerber.

 

Doch der 36-Jährige wünscht sich gar keinen größeren Rahmen für die Lesungen. „In kleinem Kreis liest man Dinge, die man sonst nicht lesen würde“, beschreibt er den Reiz der kleinen Gruppe. Poetry-Slam vor Hunderten von Leuten wäre nichts für ihn: „Dort gehen die Leute hin, um ihr Bier zu trinken und nicht um zuzuhören.“

Eine Einschätzung, die Slam-Poet Tobias Gralke nicht teilen kann. Sein jüngster Slam war auf der Freiburger Kulturbörse vor rund 400 Menschen, die seinen fünfminütigen Auftritt gebannt verfolgt haben. Und auch bei den regelmäßigen Poetry-Slams im Atlantik oder The Great Räng Teng Teng, wo natürlich ein anderer Lärmpegel herrsche, sei es die Kunst des Slam-Poeten, eine Verbindung zum Publikum aufzubauen. „Unsere Texte sind nicht fürs Papier, sondern für den Vortrag geschrieben“, begründet er den Unterschied zwischen Lyrik und Slam-Poetry. Für die Texte ergeben sich dabei Einschränkungen: Er dürfe nicht zu komplex und nicht zu simpel sein, denn das Publikum wolle sich nicht in aller Tiefe mit einem Text auseinandersetzen, sondern unterhalten werden.

Doch das müsse nicht, wie es den Slam-Poeten oft vorgehalten wird, nur über die Zahl der Lacher geschehen. „Ein Text ist dann gut, wenn er die Zuhörer berührt“, sagt Gralke. Ein Satz, den auch Gerber sofort unterschreiben würde. Denn das ist bei allen Unterschieden genau der Grund, warum die Freiburger sowohl den plakativen Poetry-Slam als auch die intime Lyrik-Lesung besuchen. Frei nach Elmar Kupke: „Lyrik ist Sprache in die Seele gemalt …“

Text: Tanja Bruckert / Foto: © Sven Dressler, Privat