Exakt 104 Schüler aus allen Teilen der Welt pauken seit vergangenem Herbst am UWC Robert Bosch College in Freiburg. Es ist die einzige Schule dieser Art in Deutschland, 13 weitere gibt es weltweit. Tiril Rahn aus Norwegen und Nana Asante-Apeatu aus Ghana machen in Freiburg die vielleicht intensivste Erfahrung ihres Lebens.

 

 

Halten zusammen: Tiril (rechts) teilt sich ein Zimmer mit Zyiy (von links), Sophie und Dhea.

 

„I’m an exception“, sagt Tiril Rahn. Die 18-jährige Norwegerin mit langen braunblonden Haaren sitzt im Klassenzimmer 120 des UWC im alten Kartäuserkloster. Auf dem Stundenplan steht Anthropologie, die Lehre vom Menschen. Mit ihrem indischen Lehrer Mihir Sharma (25) spricht sie über kulturelle Unterschiede. Als „exception“ fühlt sie sich manchmal in Freiburg. Zum Beispiel als sie vor ein paar Tagen in der Straßenbahn 40 Euro zahlen musste. Sie hatte den falschen Fahrschein gelöst.

 

Eine Ausnahme ist Tiril nicht nur deswegen: Die Schülerin in Jeans, grauem Pulli und Turnschuhen gehört zu einer kleinen Zahl von Schülern weltweit, die an ein UWC kommen. „Ich fühle mich privilegiert. Es gab so viele andere Bewerber“, schwärmt Tiril. Neben ihr sitzen weitere „Außerwählte“ aus Malaysia, Bolivien, Brasilien und von den Philippinen. Der Unterricht läuft auf Englisch, das Niveau ist hoch. Gesprochen wird über Macht, Beziehungen und soziale Strukturen. „Welche Bedeutung hätte Fleisch, wenn Veganer das Sagen hätten?“, fragt Sharma seine Schüler. „Tiere zu töten, wäre ein Verbrechen.“

 

Nur zwei Türen weiter unterrichtet Pascale Chrétien Französisch. Die Kanadierin hat ihren Traumjob gefunden: „So neugierige, motivierte und engagierte Schüler hat man sonst nirgends.“ Sie war selbst UWC-Schülerin. Das Besondere ist für sie der soziale Mix. Den gebe es zwar auch an anderen Schulen, aber nirgends so gewollt wie hier. „Die Welt braucht Menschen mit einem offenen Geist.“

 

Einer ihrer Schüler ist Nana Asante-Apeatu. Der 17-jährige Ghanaer findet die Stimmung im UWC „total verrückt“. Es gebe kaum Konflikte, schon gar keine handgreiflichen. Ganz anders als in seinem Land. Der Respekt am UWC sei unglaublich groß. Probleme würden einfach angesprochen und gelöst. Am Anfang sei ihm das künstlich vorgekommen. Mittlerweile sagt er: „Das ist wirklich so!“ Eine Freundin hat er am UWC auch schon gefunden.

 

Außergewöhnlich: Das UWC ist im ehemaligen Kartäuserkloster untergebracht.

 

Das ist ganz im Sinne des Schulleiters, Laurence Nodder, 56 Jahre alt. „I love Freiburg“, schwärmt der grauhaarige Südafrikaner. 13 Jahre lang leitete er ein UWC in Swasiland. Dann suchte er eine neue Herausforderung. „Meine Motivation ist, junge Menschen zusammenzubringen für Frieden und Nachhaltigkeit. Wir leben das hier jeden Tag.“ Das größte Problem der Welt sei, dass manche meinen, Reden sei nicht mehr möglich, Krieg sei die Lösung. Dass das falsch ist, will er den Schülern mit auf den Weg geben.

 

Dafür müssen diese viel leisten. Der Zeitplan ist eng: Unterricht, Sportprogramm, Themenabende, Gärtnern in der Klosteranlage, Ausflüge am Wochenende. „Ich bin müde, einfach kaum freie Zeit“, ächzt ein kolumbianischer Schüler etwas später in der UWC-Mensa. Teil des Pflichtprogramms sind sogenannte CAS-Aktivitäten (Creativity, Action and Service). Sie sollen soziale Kompetenzen stärken, Kreativität fördern und die Schüler in die Freiburg-Community einbringen, erklärt Julia Angstenberger von der Freiburger UWC-Pressestelle.

 

Demnächst wird es aber doch „handgreiflich“, denn in einer Kooperation mit der Freiburger Handwerkskammer bekommen die UWC-Schüler ab dem kommenden Schuljahr im Unterricht oder bei Besichtigungen das deutsche duale Ausbildungssystem erklärt. Angedacht sind zudem praktische Projekte wie der Bau eines solarbetriebenen Trocknungsschranks für Kräuter, Obst und Gemüse aus dem hochschuleigenen Klostergarten.

 


Ausnahme-Schule trifft Handwerk?
Gerade das ist das Ziel: „Die Schüler sollen Respekt vor Menschen lernen, die praktisch arbeiten“, sagt HWK-Geschäftsführer Johannes Burger. Daran hapere es in anderen Ländern noch, ergänzt Nodder: „Oft herrscht die Vorstellung, dass das Handwerk minderwertig gegenüber akademischen Berufen ist.“ Dabei sei es hochmodern.

 

Auf Zack: Nana aus Ghana schnauft nach dem Unterricht kurz in seinem Zimmer durch.

Lässig: Nana Apeatu aus Ghana in seinem WG-Zimmer am UWC.

 

Nana ist mittlerweile in seinem Viererzimmer, sitzt auf dem Bett. Aus den Laptopboxen dröhnt US-HipHop. Früher hat er gerappt. Heute findet er kaum mehr Zeit dafür, erzählt er. „Das fehlt mir.“ Seine Hände umschlingen ein Rugby-Ei. Dann geht er nach draußen. Basketballspielen mit den Kollegen. „Das UWC ist emotional anstrengend“, sagt Ariane Köhler, die kaufmännische Geschäftsführerin. Im Nachhinein sei es aber das schönste Erlebnis überhaupt. Köhler weiß, wovon sie spricht – sie war selbst UWC-Schülerin.

 

Text: Till Neumann / Fotos: Till Neumann