Die chilli-Redakteurer Lars Bargmann und Georg Giesebrecht haben kurz vor Weihnachtendem Freiburger Kulturbürgermeister Ulrich von Kirchbach (SPD)  einen Besuch im Rathaus abgestattet. Der Sieg der Opposition im Stuttgarter Landtag und die Auswirkungen auf Freiburg war eines der Themen, die das Kulturjahr 2011 prägten. Von Kirchbach erzählte aber auch von Überraschungen im Etat, über eine große Enttäuschung und das Jahr 2012.

 

 

Gut gelaunt vorm Rathaus: Ulrich von Kirchbach. Foto: Georg Giesebrecht

 

 

 

chilli: Herr von Kirchbach, der neue Staatsminister im Kunstministerium Jürgen Walter war neulich in Freiburg und hat die Stadt als „hoch attraktiven und besonderen Kulturstandort im Land“ bezeichnet. Haben Sie ihn mal beiseite genommen, um über eine Bewerbung dieses „besonderen Kulturstandorts“ als Europäische Kulturhauptstadt 2020 zu sprechen?

 

Von Kirchbach: Natürlich, aber das Land wird sich nicht in den Meinungsbildungsprozess innerhalb der Stadt einmischen. Jürgen Walter weiß die Bedeutung Freiburgs aber sehr zu schätzen.

 

chilli: War es mehr als ein atmosphärischer Besuch?

 

Von Kirchbach: Auf jeden Fall. Er war einen ganzen Tag hier, hat sich vieles angeschaut, war bei der Wiedereröffnung des sanierten E-Werks…

 

chilli:  …In der grün-roten Koalitionsvereinbarung steht als ein Ziel, die finanzielle Situation der soziokulturellen Zentren im Land zu verbessern, das sind in Freiburg die Fabrik für Ökologie, Handwerk und Kultur und eben das E-Werk. Künftig will das Land für jeden Förder-Euro einer Kommune 50 Cent zuschießen.

 

Von Kirchbach: Bisher kriegen wir für jeden Euro 33 Cent, das ist also ein deutlicher Sprung nach vorne. Und weil wir ja die Förderungen für die Fabrik und das E-Werk im Doppelhaushalt erhöht haben, wird das sehr positiv für Freiburg sein.

 

chilli: In Summe?

 

Von Kirchbach: Allein beim E-Werk wären das 42.000 Euro mehr im Jahr. Und für die Fabrik 13.000 Euro. Ich glaube unter der alten Landesregierung hätte sich da nicht so viel getan.

 

chilli: Walter meinte, die Kulturpolitik der neuen Landesregierung setze darauf, auch Räume für Neues zu schaffen. Ist das politisches Pflichtvokabular oder gibt es tatsächlich neue Impulse?

 

Von Kirchbach: Das Kulturkonzept des Landes haben die alte Regierung und die damalige Opposition im Konsens beschlossen.  Die Sicherung dessen, was wir haben, ist schon mal wichtig. Nun ist zusätzlich ein Innovationsfonds geplant, aus dem die Kultureinrichtungen auch für neue Projekte Geld beantragen können. Ja, das ist ein neuer Impuls.

 

chilli: Ist es von Vorteil, wenn eine Stadt mit grünem Oberbürgermeister und rotem Kulturbürgermeister eine grün-rote Landesregierung bekommt? Hat sich dadurch in der kulturpolitischen Kommunikation zwischen Stuttgart und Freiburg etwas verändert?

 

Von Kirchbach: Wir hatten auch zu Schwarz-Gelb sehr enge und gute Kontakte. Die Drähte sind jetzt vielleicht etwas kürzer, wenn man sich aus der parteilichen Arbeit besser kennt. Zuschuss-Entscheidungen werden aber nicht kraft parteipolitischer Konstellationen gemacht.

 

chilli: Sie sind für, der OB – seit dem Expertenhearing im Mai – gegen eine Bewerbung als Kulturhauptstadt. Ohne Dieter Salomon an Bord wird die Bewerbung keinen aussichtsreichen Kurs segeln. Haben Sie noch Hoffnung?

 

Von Kirchbach: Das Thema liegt jetzt auf dem Spielfeld des Gemeinderats. Da wird erst wieder Bewegung rein kommen, wenn die EU im nächsten Jahr darüber entschieden hat, wie es nach 2019 weitergeht. Ich glaube, dass innerhalb des Rates eine Mehrheit für eine Bewerbung möglich ist. Dafür ist es jedoch Voraussetzung, dass sich die Fraktionen auf eine gemeinsame inhaltliche Leitidee einigen können…

 

 

Meilensteine im Kulturjahr 2012: Die Eröffnungen des neuen Ensemblehauses an der Stadthalle und des Zentralen Kunstdeopts in Hochdorf. Fotos: Georg Giesebrecht

 

 

chilli: …in der das Wort Klangschaft eine Rolle spielt?

 

Von Kirchbach: Das ist die Idee von Jazzhaus-Vorstand Herbert Schiffels und Musikprofessor Bernhard Wulff, auf die Sie anspielen. Beide schlagen als Leitidee vor, dass man von den Stärken Freiburgs als Musikhauptstadt eine Projektionsfläche für andere Bereiche bietet. Aber es gibt auch andere Ideen, etwa den Themenkreis Freiheitsbewegung, Frei-Bürger, die der Schriftsteller Jürgen Lodemann vorgeschlagen hat. Und weitere. Man muss sich am Ende auf eine Schnittmenge einigen.

 

chilli: Die Grünen werden nur mitmachen, wenn auch Begriffe wie Nachhaltigkeit und Ökologie wichtig sind.

 

Von Kirchbach: Ja. Aber die machen das Konzept allein aber auch nicht selig.

 

chilli: Wachgeküsst ist die Bürgerschaft noch nicht.

 

Von Kirchbach: Die Arbeit der Initiative Pro Kulturhauptstadt ist sehr positiv. Der Funke kann aber nicht wirklich überspringen, solange die Politik nicht ein klares Signal gibt.

 

chilli: Für den zweiten, 10,3 Millionen Euro teuren Bauabschnitt im Augustinermuseum hat der Gemeinderat gerade einen Sperrvermerk für 700.000 Euro im Haushalt aufgehoben und 530.000 Euro für die Planungsmittel bereitgestellt. Wie weit hinken Sie dem ursprünglichen Zeitplan hinterher?

 

Von Kirchbach: Wir wollen Anfang 2012 den Baubeschluss fürs neue Torhaus fassen. Dann kann das alte Torhaus im Frühjahr abgerissen werden und die archäologischen Grabungen beginnen. Anfang 2013 wollen wir mit dem Bau beginnen, der dann Ende 2015 fertig wäre. Wir sind also nur ein halbes Jahr im Verzug. Das ist angesichts der schwierigen Haushaltslage zu Anfang des Jahres akzeptabel.

 

chilli: Wie zufrieden sind Sie mit der Zuschauerresonanz?

 

Von Kirchbach: Wir hatten seit der Eröffnung vor gut eineinhalb Jahren 165.000 Besucher, sonst hatten wir im Jahr 60.000. Heute wollen sehr viele Besuchergruppen neben dem Münster auch das Augustiner sehen. Früher hat man sich dafür ja fast schämen müssen. Das ist also eine Erfolgsgeschichte.

 

chilli: Wie bewerten Sie die Kritik von Wirtschaftsförderer Bernd Dallmann ob der zu knappen Öffnungszeiten?

 

Von Kirchbach: Wir haben uns ja vorher mit anderen Städten kurzgeschlossen. Alle sagen, dass Öffnungszeiten in den Abend hinein nichts bringen. Wir haben anfangs einmal in der Woche eine Abendführung angeboten. Jetzt mangels Interesse nur noch einmal im Monat. Das sagt alles. Die Kritik ist unberechtigt.

 

chilli: Vor einem Jahr hatten Sie im chilli-Interview gesagt, sie würden sich auf „viele positive Überraschungen“ freuen…

 

Von Kirchbach: …die es unbestreitbar gab. Das Literaturhaus hat mittlerweile fünf Optionen für ein Gebäude, das ist sehr überraschend. Eine positive Überraschung war übrigens auch, dass die Lokhalle als Kulturort für Freiburg gesichert wurde. Dann haben wir 150.000 Euro für die Einrichtung des Naturmuseums gesichert, die Fassade der Stadtbibliothek saniert, mit Christine Litz eine neue Leitung fürs Museum für Neue Kunst, und mit Caroline Hilti auch eine fürs Naturmuseum gefunden. Das E-Werk hat 70.000 Euro mehr als vorgesehen bekommen, die Fabrik für Handwerk, Kultur und Ökologie 50.000, das Wallgrabentheater 70.000, der Jazzchor 15.000, der Balthasar-Neumann-Chor 10.000, die Young Opera 15.000, der Innovationsfonds Kulturkonzept 20.000, der Jazzkongress 10.000, das Festival Tamburi Mundi 8000, das Kulturwerk T66 15.000. Wir haben elf zusätzliche Förderungen im Haushalt abgesichert. Das hatte ich zwar gehofft, aber nicht zu träumen gewagt. 2011 hat die Kultur nicht ins Paradies geführt, aber deutlich nach vorne gebracht.

 

chilli: Es gab aber auch Enttäuschungen.

 

Von Kirchbach: Aus meiner Sicht nur eine, der Stillstand bei der Kulturhauptstadtbewerbung.

 

chilli: Der auch ein Schlag  in die Magengrube vom federführenden Kulturamt war?

 

Von Kirchbach: Das Team hat da mit großer Begeisterung viel Arbeit reingesteckt. Und dann kam der Stopp aufgrund eines Hearings, das ich anders interpretiert habe. Das ist die einzige Enttäuschung, allerdings eine große. Das hat zu Frustrationen geführt.

 

chilli: Wie groß ist der Frust wegen des geplatzten Fests der Innenhöfe, das zuletzt knapp 30.000 Euro Miese erwirtschaftete?

 

Von Kirchbach: Da gibt es ja eine neue Konzeption unter dem Motto Mittsommerkonzerte. Wir hoffen, dass dieses Format genauso erfolgreich wird wie das Fest der Innenhöfe.

 

chilli: Was wird das Jahr 2012 auszeichnen?

 

Von Kirchbach: Wir starten die Bühnensanierung im Stadttheater und können vielleicht auch die Barrierefreiheit vorziehen auf 2012 oder 2013. Wir werden das neue Ensemblehauses eröffnen und auch das modernste Kunstdepot Europas. Die Entscheidung fürs Literaturhaus wird fallen, wir müssen was für die Schulbibliotheken machen, die Frage klären, wie die Lokhalle bespielt werden kann und schauen, wie wir die Situation der freien und der Amateurtheater verbessern können. Und ich hoffe, dass wir uns endlich den dringend notwendigen neuen Bücherbus kaufen können.

 

chilli: Herr von Kirchbach, vielen Dank für dieses Gespräch.