Seit zwei Wochen ist ihr neues Album „Integrier mich, Baby“ im Handel, die Vinyl-Version hat das Freiburger Label Ritchie Records (chilli 07-08/2012) produziert. Am 15. November spielt sie im Freiburger Club White Rabbit. chilli-Autor Dominik Bloedner hat sich mit Bernadette La Hengst über Arbeiten in Freiburg, das gehobene Künstler-Prekariat, Feminismus und Heimat unterhalten.

chilli: Das Konzert in Freiburg wird für Sie, Hamburgerin und Berlinerin, ein Heimspiel. Wie kam der Kontakt? Warum hängen Sie so an Freiburg?
Bernadette La Hengst: Eine lange Liebesgeschichte. Schon Anfang der 90er war ich oft mit meiner Band „Die Braut haut ins Auge“ im Jos Fritz Café oder Jazzhaus, zwei von uns kamen aus Freiburg. 1999 kam dann der Kontakt zu Ingo von Ritchie Records, der die Abschiedsplatte der „Braut“ und meine anderen Platten als Vinyl rausbrachte. Er war auch Initiator der Band „Die Zukunft“.


chilli: „Planet der Frauen“ war nach „Cabinet“, einer deutsch-türkischen Begegnung, und der „Bettleroper“ das dritte Stück, für das Sie am Freiburger Theater Musik gemacht haben. Kommen weitere?
Bernadette La Hengst: Mein erstes Projekt fürs Theater Freiburg war 2007. In dem mobilen „Orbit”, den die Stadtplaner von „raumlaborberlin“ für ein Jahr in Freiburg aufgestellt haben, habe ich in einem Freiburger Altersheim mit den Anwohnern Lieder und Texte über die Zukunft geschrieben und aufgeführt. Das hat der Intendantin Barbara Mundel wohl so gefallen, dass sie mich danach für die „Bettler-oper“ ins Theater holte. Seitdem bin ich fast jedes Jahr wieder gekommen, es fühlt sich tatsächlich an wie eine zweite oder dritte Heimat. Wir überlegen gerade, was das nächste Projekt in der Spielzeit 2013/14 sein kann.

chilli:Sie machen Theater mit Menschen aus sozialen Randgruppen und fordern ein bedingungsloses Grundeinkommen. Ihre Kunst hat einen politischen Anspruch. Wodurch wurden Sie politisiert?
Bernadette La Hengst: Ich weiß nicht mehr genau. In den 90ern sind so viele Sachen in der Welt passiert, die mich geärgert haben und in die ich mich einmischen wollte – angefangen von der Wiedervereinigung und Nazi-Übergriffen bis zum Irak-Krieg und dem Nato-Angriff auf Serbien. Ich habe gemerkt, dass es nicht reicht, als Musikerin auf Benefiz-Konzerten für eine gute Sache spielen, sondern dass man sich als Künstlerin in der eigenen Kunst mit der Welt beschäftigen muss, um sie zu verändern. Ich würde es eher so formulieren: Meine Kunst stellt an mich einen politischen Anspruch. Und dem muss ich mich immer wieder stellen. Ich muss mich also fragen: Wie möchte ich leben, wie verändert sich eine Gesellschaft zum Besseren?

chilli: Warum glauben Sie an eine bessere Welt?
Bernadette La Hengst: Ich bin eher Optimistin als Pessimistin, meine größte kreative Antriebskraft ist die Sehnsucht, auch nach einer besseren Welt. In meiner Arbeit beschäftige ich mich meistens damit, wie man sich durch Selbstermächtigung aus dem Dilemma der eigenen Existenz befreien kann. In meinen Theaterprojekten gebe ich Menschen eine Bühne, die sonst nicht gehört werden, wie im aktuellen Stück „Integrier mich, Baby” im Hamburger Thalia Theater, in dem drei Migrantinnen, die ich aus Integrationskursen gecastet habe, die Lehrerinnen in einem Integrationskurs der Zukunft spielen.


chilli: Was ist für Sie Glück?
Bernadette La Hengst: Glück finde ich überall dort, wo ich Freundschaften gesät und etwas hinterlassen habe. Das träge Glück, das ich in dem gleichnamigen Lied beschreibe, ist etwas für mich schwer Erreichbares. Ich bin so ein unruhiger Geist, dass es mir schwerfällt, mich in ein träges Glück fallen zu lassen. Wir alle sind getrieben von den Zwängen der Uhr und von Existenzängsten und rennen durchs Leben. Durch das bedingungslose Grundeinkommen, also die Entkoppelung von Lohn und Arbeit, erhoffe ich mir eine grundsätzliche Änderung der Gesellschaft.

chilli:Ist Heimat für Sie etwas Schönes oder Beklemmendes?
Bernadette La Hengst: Ich fühl mich ganz schnell überall zu Hause. Sobald ich etwas Schönes an einem Ort erlebt habe, verbinde ich mich mit dem Ort und den Menschen. Hyperkulturalität heißt, dem Verlust des Ursprungs nicht nachzutrauern, sondern den Menschen eher als Teil eines hyperkulturellen patchwork-artigen Gebildes zu sehen. So versuche ich das auch zu betrachten und zu fühlen. Im Lied „Haus im Ozean” versuche ich so eine Art grenzen- und geländerloses Zuhause zu besingen, was gleichzeitig Utopie ist und die bittere Realität der afrikanischen und arabischen Flüchtlinge, die über das Meer nach Europa gelangen.

chilli: Warum Popmusik und kein krachender Punk? Anders gefragt: Kann man mit harmonischen Klängen ebenfalls Wut ausdrücken?
Bernadette La Hengst: Ich glaube, dass ich Subversion und Schönheit zusammenbringen kann. Mir geht es ja nicht in erster Linie um Wut, sondern eher um einen Ausweg aus dem Dilemma, was Wut natürlich auch sein könnte, aber selten mein Weg war. „Integrier mich, Baby“ wäre als Punknummer eher ein ironischer Witz, niemand will sich gern zur Integration anschreien lassen. Mit einem Disco-Chanson geht das besser, und trotzdem verstehen alle, dass ich hier die Hierarchien umdrehe. Dasselbe kann ich natürlich auch zu meinem Liebhaber sagen, das macht den Reiz des Liedes aus: die tanzbare Einladung zu einem neuen Gedanken.

chilli: Sie pendeln mit Ihren Projekten zwischen der Musik und dem Theater. In welchem Bereich fühlen Sie sich mehr Zuhause?
Bernadette La Hengst: Ich fühl mich in verschiedenen Bereichen sehr wohl, wenn es ausgewogen ist. Wenn ich nicht überall alleine verantwortlich bin, sondern auch in Gruppen arbeite oder mal einen Auftrag für jemand mache. Aber zu viel Auftragsarbeit macht mich unzufrieden, dann muss ich mir wieder etwas ausdenken, selber Regie führen oder meine nächste Soloplatte herausbringen, die ich von vorne bis hinten selbst entwerfe. Ich betrachte mein Leben und meinen Beruf als einen Gemischtwarenladen. Je weniger ich über die Nützlichkeit und Verwertbarkeit meiner Kunst nachdenke, umso leichter wird es manchmal, damit Geld zu verdienen.


chilli: Sie kommen nicht aus einem wohlhabenden Elternhaus. Könnten Sie auch ohne diese „street credibility“ übers Prekariat singen?
Bernadette La Hengst: Ich kenne auf jeden Fall den gehobenen Mittelstand, aber auch Prekariat und Armut. Im Moment befinde ich mich irgendwo im gehobenen Künstler-Prekariat. Ich kann relativ gut von der Kunst leben, aber ich habe keine Altersvorsorge, und auch bei Krankheit hab ich keine Rücklagen. Das nagt manchmal an mir.

chilli: Was verstehen Sie unter Feminismus?
Bernadette La Hengst: Ich bin Feministin, weil ich weiß, dass mir andere Feministinnen den Platz freigeschaufelt haben für das, was ich jetzt selbstverständlich tun darf.

chilli: Letzte Frage: Mit einer Million Euro würde ich …
Bernadette La Hengst: … ein großes Haus in Mecklenburg kaufen und dort mit anderen zusammen leben, für die nächsten 30 Jahre würde ich uns ein bedingungsloses Grundeinkommen auszahlen, und mal sehen, was passiert …

Info:
Bernadette La Hengst, Jahrgang 1967, heißt eigentlich Bernadette Hengst und stammt aus Bad Salzuflen. Sie zog erst nach Berlin, um Schauspielerin zu werden, danach nach Hamburg, wo sie mit anderen Frauen die Band „Die Braut haut ins Auge“ gründete. Nach Auflösung der Band machte sie solo weiter, machte Theater und machte Politik – unter anderem mit dem Hamburger Agitprop-Kollektiv Schwabinggrad Ballett. 2010 veröffentlichte sie zusammen mit Oliver M. Guz und Knarf Rellöm unter dem Namen „Die Zukunft“ die Platte Sisters & Brothers. Das Lied „Drogen nehmen und rumfahren“ wurde bei Youtube inzwischen 170.000 Mal angeklickt. Am Freiburger Theater hat sie bereits drei Stücke als Musikerin stark geprägt.

Fotos: Christiane Stephan