Es gibt kaum eine chilli-Ausgabe, in der sein Name nicht erwähnt wird. Meist in winzigen Buchstaben unter Fotos von Künstlern wie The Tiger Lillies, Sascha Bendiks, Cecile Verny oder Äl Jawala. Dabei ist der Mann hinter der Kamera nicht weniger spannend: Der ehemalige Berufsmusiker startet gerade mit seiner Künstler-, Event- und Businessfotografie richtig durch. Ein Grund, seinen Namen mal größer zu drucken: FELIX GROTELOH. chilli-Redakteurin Tanja Bruckert hat sich in einem Freiburger Hinterhof-Studio mit einem lässigen 38-Jährigen in Jogginganzug über retuschierte Künstlervisagen, Fotos von Babybäuchen und lügende Werbebilder unterhalten.

Künstlerfotograf Felix Groteloh kriegt sie alle vor die Linse.

 

chilli: Wie wichtig ist ein guter Fotograf für einen Künstler?
Groteloh: Im Gegensatz zum Fotostudio um die Ecke mache ich so viele Fotos, bis ich weiß: Das ist es. Das Problem ist, dass das natürlich kostet. Zwar wissen die größeren Künstler, wie wichtig es ist, gutes Promomaterial zu haben – selbstverständlich ist das aber nicht. Ein Beispiel: Ich mache das Booking für „Jazz ohne Stress“ im Waldsee. Die meiste Zeit renne ich dabei den Leuten wegen Fotos hinterher und bekomme dann welche, wo ich denke: Bist du blind? Was ist denn mit dir los? Ein Bühnenfoto, alles saudunkel, nur ein Notenständer vorne im Bild. Das will keiner in seiner Zeitung haben.

chilli: Sie fotografieren aber auch den Menschen von nebenan, machen sogar Bewerbungsfotos. Warum braucht man dafür einen Profifotografen?
Groteloh: Meist entscheidet doch schon das Foto, ob eine Bewerbung gelesen wird oder nicht. Wenn eine Frau darauf aussieht wie eine kleine Maus, wird sie nicht ernst genommen. Oder sie sieht sehr sexy aus und wird auf ihr Aussehen reduziert. Ein gutes Bild zeigt hingegen: Hey, das ist eine hübsche Frau, aber als Mann muss ich mich warm anziehen.

chilli: Und das alles kann man mit einem Foto rüberbringen?
Groteloh: Nö. Du kriegst nicht alles, was eine Person ausmacht, in ein Foto rein. Aber man kann sich so nah wie möglich hinbewegen. Wichtig ist dabei, nichts vorzutäuschen: Wenn das Foto eine völlig andere Person zeigt, hast du ein ganz schlechtes Standing. Denn der andere denkt sich: Wenn schon das Foto nicht gestimmt hat, was stimmt dann in der Bewerbung noch alles nicht?

Bendiks & Schroeder

 

chilli: Das heißt, Sie müssen die Person vorher kennenlernen.
Groteloh: Im Idealfall schon – und das ist das, was Zeit braucht. Einfach draufdrücken kann jeder, dafür braucht es keinen Fotografen. Ein spannendes Bild wird es, wenn du kurz die Kontrolle verlierst. Dann sieht man nicht nur eine schöne Frau, sondern ich kann dir durch die Augen schauen. Bei manchen klappt das sofort, die sind so geile Schweine, dass du fünf Fotos machst und alle gut sind. Doch für manche ist ein Shooting schlimmer als Zahnarzt und Steuerberater zusammen – denen muss man versuchen, die Angst zu nehmen.

chilli: Gibt es etwas, das Sie nicht fotografieren würden?
Groteloh: Ich mache keine Babybäuche und keine Pärchenfotos, weil ich dazu keinen Bezug habe. Ich habe zwei Kinder, und von dem Babybauch meiner Frau gibt es kein einziges Bild. Hochzeiten mache ich nur, wenn ich die Leute kenne, denn meine romantische Ader ist gleich null. Die meisten Hochzeiten sind so klischeehaft, dass ich schon mal sage: Da drück ich nicht drauf.

Bülent Ceylan

 

chilli: Dann kommt bei der Ringübergabe „Nö, mach ich nicht“?
Groteloh: Nein, Quatsch, ich bin immer noch ein Dienstleister, da gehören manche Sachen einfach dazu. Ich passe mich auch immer an: Wenn es der Anlass erfordert, trage ich einen Anzug und halte mich im Hintergrund. So gut es eben geht. Kürzlich habe ich Bülent Ceylan fotografiert – backstage. Ich war der Typ, der abgedrückt hat, wenn er die Hosen runterlässt: wenn er massiert wird oder ihm der Arzt eine Spritze gibt. Wir haben uns gut verstanden, aber es war klar, ich werde ihn nerven, selbst wenn ich versuche, ihm so viel Platz wie möglich zu lassen.

chilli: Bist du noch nervös, wenn du berühmte Künstler fotografierst?
Groteloh: Klar, gerade bei Events gibt es jedes Mal einen riesigen Adrenalinstoß. Ich weiß ja nie, was passiert: Wie sind die Menschen? Wie die Gegebenheiten? Und dann steht Bülent Ceylan auf der Bühne, ich fotografiere von hinten, wie die Wand zum Publikum aufgeht, und weiß: Ich habe nur soundso viele Sekunden, um das Bild zu kriegen.

chilli: Wie wichtig ist die Nachbearbeitung? Haben Sie Ceylan ein paar Falten aus dem Gesicht gebügelt?
Groteloh: Bülent Ceylan habe ich nicht bearbeitet, aber ich retuschiere natürlich viele Künstler. Meine Regel ist, ich mache nur das weg, was ich nicht im Kopf behalten habe. Angenommen, du hast eine Narbe, die mir hängenbleiben würde – die kann ich nicht retuschieren. Aber einen Pickel mache ich natürlich weg. Und Falten kann man schon beim Fotografieren so ausleuchten, dass man sie nicht sieht. Da fängt die Lüge dann schon an, wenn man so will.

The Hotspots

 

chilli: Die extremste Retusche?
Groteloh: Eine Künstlerin um die fünfzig, die deutschlandweit bekannt ist – ich nenne natürlich keine Namen –, hat zu mir gesagt, man darf ruhig ihr Alter sehen. Zum Schluss habe ich das Bild zwei Tage lang retuschiert: Ich hab jede Pore einzeln rumgedreht und ihr locker zwanzig Jahre geschenkt. Teilweise kann ich sie schon verstehen, das Foto wird auf riesige Plakate aufgezogen, wo man wirklich jede Pore sieht.

chilli: Ist jedes Foto eine Lüge?
Groteloh: In Werbefotos ist immer viel Lug und Trug drin, machen wir uns nichts vor. Viele Menschen sagen ja, ich bearbeite meine Fotos nicht, ich will alles ganz natürlich haben. Das ist völliger Blödsinn. Wenn du mit deinem Handy oder der Kamera ein Foto in jpeg machst, dann lügt ja deine Kamera schon. Weil irgendein Ingenieur entschieden hat: diese Farbe sieht so aus und diese so.

Fotos: Felix Groteloh