Er kam in Belgien zur Welt, hat in Köln studiert und seine künstlerische Heimat schließlich im Dreiländereck gefunden. Marc Clémeur, Generaldirektor der Straßburger Rheinoper, setzt in seinem Haus bewusst auf die kulturelle Mischung. Im Interview mit culturzeit-Autor Steve Przybilla erzählt der 59-Jährige, wie er auch die junge Generation für die Oper begeistern will.

 

 

cultur.zeit: Herr Clémeur, als Sie 2009 den Posten des Generaldirektors übernahmen, wollten Sie die Oper zu einem Treffpunkt für alle Generationen und Nationalitäten umbauen. Inwiefern ist Ihnen das gelungen?
Marc Clémeur: Dieses Vorhaben wurde in beiderlei Hinsicht erfüllt. Der Anteil des nicht französischen Publikums liegt inzwischen bei 21 Prozent, was sicherlich auch an unseren zweisprachigen Untertiteln liegt. Den Anteil junger Opernbesucher konnten wir sogar noch stärker verbessern: 30 Prozent sind jünger als 26 Jahre – da wird so mancher deutscher Kollege schon ein bisschen neidisch.

 

cultur.zeit: In Deutschland hat die Oper gerade in der jüngeren Generation ein Imageproblem. Was machen Sie anders?
Clémeur: Wir versuchen konsequent, auch junge Leute zu begeistern, zum Beispiel durch die Kulturkarte, mit der Studenten für fünf Euro eine Vorstellung besuchen können. Oder durch die jährliche Kinderoper. Außerdem ist unser Regiestil gemäßigter als in vielen deutschen Opern, in denen es oft extreme Aktualisierungen gibt. Wir sind in der Umsetzung eher klassisch und ziehen trotzdem – oder gerade deswegen – viele junge Leute an.

 

cultur.zeit: Also gehen Sie genau in die andere Richtung wie die Züricher Oper? Dort setzt man bewusst auf frischen Wind, zum Beispiel mit der Uraufführung von „Die Stadt der Blinden“ in der aktuellen Saison.
Clémeur: Nein, da unterscheiden wir uns nicht. Die klassische Herangehensweise war nur auf die Umsetzung bezogen. Auch wir zeigen jedes Jahr eine Uraufführung, diese Saison etwa mit einem Auftragswerk über Gutenberg. Es zeigt, wie die Schrift unsere Gesellschaft verändert hat – von den Hieroglyphen bis zum Internetcafé.

 

cultur.zeit: Ein anderer von Ihnen eingeführter Service ist der Rheinoper-Express, ein Shuttlebus, der von Deutschland aus direkt nach Straßburg fährt. Warum wird er bisher kaum angenommen?
Clémeur: (lacht) Die Leute nehmen die damit verbundenen Abonnements an, nur den Bus eben nicht. Viele wollen noch etwas in Straßburg unternehmen und sich nicht an den starren Fahrplan des Busses binden. Trotzdem behalten wir dieses Angebot erst einmal bei – man weiß ja nie, wie sich das entwickelt.

 

cultur.zeit: Vor zwei Jahren kürzte das Département Unterelsass die Subventionen von 290.000 Euro auf 100.000 Euro. Wie sicher ist Ihr Haus für die nächsten Jahre finanziell aufgestellt?
Clémeur: Man weiß natürlich nie, wann der nächste Börsencrash kommt. Trotz der globalen Finanzkrise sind wir aber relativ gut abgesichert. Wir werden von sieben staatlichen Akteuren finanziert und haben ein jährliches Budget von 23 Millionen Euro – da war die von Ihnen genannte Kürzung nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Wegen der Inflation bedeutet ein gleichbleibendes Budget andererseits einen leichten Rückgang der Mittel. Und trotzdem: Wenn ich sehe, wie in Italien oder Spanien an der Kultur gekürzt wird, dann bin ich froh über ihren hohen Stellenwert in Frankreich und Deutschland.

 

cultur.zeit: Was muss eine gute Oper heute leisten?
Clémeur: Die Oper ist ein Ort, der die Probleme der Welt behandelt, aber – und damit werden viele deutsche Kollegen nicht einverstanden sein – durch die Harmonie der Musik auch auf eine gewisse Weise verklärt. Ich bin gegen Regisseure, die Stücke dekonstruieren und dadurch hässlicher machen. In einer guten Oper gibt es immer Hoffnung.

 

 

Aus der aktuellen Ausgabe der cultur.zeit, unserem Kulturmagazin für das Dreiländereck.