“Ey, ich geh Bahnhof, Bro.” Ältere Semester, die einem Gespräch zwischen Jugendlichen lauschen, können oftmals nur ratlos den Kopf schütteln: Was für eine Sprache soll das bitte sein? Jugendsprache, Türkenslang oder Ethnolekt nennt sich die Sprechweise von Jugendlichen mit ihren verschiedenen Unterformen, die klingt, als hätte ihr Sprecher die eine oder andere Deutschstunde zu viel geschwänzt.

 

Vanessa Siegel erforscht für ihre Doktorarbeit an der Universität Freiburg diesen Sprachstil, der von der Wissenschaft bislang nur wenig beachtet wird. Im Gespräch mit chilli-Redakteurin Tanja Bruckert erklärt die 34-Jährige, warum die Veränderung von Sprache kein Grund zur Trauer ist, sondern unsere Sprache erst spannend macht.

 

chilli: Frau Siegel, ist alles bürstig bei Ihnen?
Vanessa Siegel: Ist alles was?!

 

chilli: Bürstig. Laut einem Wörterbuch für Jugendsprache heißt das so viel wie: Ist alles in Ordnung?
Siegel (lacht): Na ja, nur weil ich mich rein wissenschaftlich mit Jugendsprache beschäftige, heißt es nicht, dass ich alle Ausdrücke kenne.

 

chilli: Kann man das überhaupt? Gibt es denn die eine Jugendsprache, die man theoretisch aus einem Wörterbuch lernen könnte?
Siegel: Nein. Wir gehen davon aus, dass es mehrere Jugendsprachen gibt. Das heißt, dass es Jugendgruppen geben kann, die sich sprachlich durch bestimmte Merkmale auszeichnen – das können auch große Gruppen sein, etwa eine ganze Stadt oder ein Stadtviertel. Oder Jugendliche, die zum Beispiel die gleiche Musik hören. Manchmal schafft dann ein besonders kreatives Wort von dort den Sprung über die Medien oder die Facebookkontakte in die allgemeine Sprache.

 

chilli: Die Sprache eines 15-Jährigen aus Herdern kann sich also durchaus von der eines Gleichaltrigen aus Weingarten unterscheiden.
Siegel: Es kann schon sein, dass es da Unterschiede gibt. In dem Fall aufgrund dessen, dass es in Weingarten eine andere Einwohnerstruktur gibt. Aber so große Unterschiede, dass man rein aufgrund der Sprache den Stadtteil erkennen kann, gibt es in Freiburg wohl eher nicht. Für meine Doktorarbeit habe ich mit Stuttgarter Jugendlichen gearbeitet, die in Stadtteilen mit besonders hohem Migrantenanteil leben. Die Sprache, die ich dort untersucht habe, ist ein spezieller Typ der Jugendsprache, der sich auch „Eth- nolekt“ nennt. Er zeichnet sich durch bestimmte Merkmale aus, zum Beispiel – und das ist mein Thema – eine reduzierte Syntax. So etwas wie „Ich geh Bahnhof“, hat seinen Ursprung in solchen multiethnischen Netzwerken.

 

chilli: Woher kommt diese Verkürzung? Haben die Jugendlichen heute keine Zeit mehr, ganze Sätze auszusprechen oder kommt es vom SMS-Schreiben?
Siegel: Es gibt in der Sprache bestimmt ein Ökonomiebestreben, aber in dem Fall ist das sicher nicht so. Die ersten Sprecher dieses Jugendsprache-Typs, die dokumentiert sind, waren türkischstämmig und so hat es historisch gesehen wahrscheinlich etwas damit zu tun. Im Türkischen gibt es keine Präpositionen – zumindest nicht so, wie wir es im Deutschen kennen. Doch aus heutiger Sicht kann man das nicht mehr damit begründen. Die heutigen Sprecher können vielleicht gar kein Türkisch – diese Phrasen haben sich einfach etabliert.

 

chilli: Wird in zehn Jahren, wenn die heutigen Jugendlichen erwachsen sind, diese Sprache zum ganz normalen Umgangston unter Erwachsenen gehören?
Siegel: In diesem Fall ist das eher unwahrscheinlich, da Artikel und Präpositionen zentrale, strukturelle Bestandteile des Deutschen sind. Um das herauszufinden, müsste man Sprechergruppen über mehrere Jahre begleiten. Aber das ist ein schwieriges Unterfangen. Ich gehe davon aus, dass sich jugendsprachliche Merkmale verlieren, wenn man erwachsen wird. Es ist eher so, dass beispielsweise bestimmte Wörter in die Sprache der Erwachsenen überschwappen können. Aber in dem Moment, in dem sie Erwachsene benutzen, werden die Wörter wahrscheinlich so uncool, dass sie die Jugendlichen wieder weglassen.

 

chilli: Andere Wissenschaftler beklagen den Verfall der Sprache, Sie sehen die Jugendsprache als Bereicherung.
Siegel: Ich glaube, es sind seltener Wissenschaftler, die von Verfall sprechen, als Sprachpfleger und Hobbylinguisten. Wir in der Linguistik sprechen von Variation, die zu einer Veränderung führen kann. Über die Zeit verändert sich gesprochene Sprache – das ist heute so und war vor 200 Jahren so. Das ist eine Eigenschaft, die Sprache auszeichnet, darum ist sie auch so spannend. Ob man Jugendsprache spricht, kann man zum Beispiel damit vergleichen, ob man in bestimmten Situationen mehr oder weniger dialektal spricht: Ich würde etwa mit meinen Großeltern anders sprechen, als ich mit Ihnen spreche. Und so können sich auch die Jugendlichen mehr oder weniger bewusst entscheiden: Verwende ich jetzt eine Präposition oder nicht? Das ist eine Art von Variation, die die Sprache reicher macht. Deswegen ist es seltsam, von Verfall zu sprechen.

 

chilli: Wer sagt „Ich geh Bahnhof“ könnte sich also auch anders ausdrücken, will es aber nicht.
Siegel: Bei meinen Untersuchungen hat sich gezeigt, dass mehr als neunzig Prozent der Präpositionen gesetzt werden. Die Jugendlichen setzen sie beispielsweise dann nicht, wenn sie etwas sagen, das die Präposition ihrer Meinung nach nicht braucht. Wenn ich sage, „Ich geh Bahnhof“, ist das „zum“ in dem Moment nicht funktional: Jeder weiß auch ohne die Präposition, was ich sagen möchte. Natürlich ist es sehr wichtig, dass die Jugendlichen auch Standarddeutsch sprechen können – wenn sie in einem Vorstellungsgespräch keine Artikel oder Präpositionen verwenden, sieht es nicht gut aus. Doch ich fände es schön, wenn auch diese Sprechweise als Variation akzeptiert und nicht sofort als Fehler gesehen wird.

 

Text und Foto: Tanja Bruckert