Mehr als 27.000 Menschen haben bis zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe ihre Unterschrift auf die Seite orchesterretter.de gesetzt und damit leise gegen die lautstark umkämpften Pläne des SWR-Intendanten Peter Boudgoust protestiert, das Radiosinfonieorchester in Stuttgart (RSO) und das Sinfonieorchester in Baden-Baden/Freiburg (SO) zu fusionieren. Der Intendant will bis 2020 rund 166 Millionen Euro sparen. Weil er einen ausgeprägten Pessimismus bei den Erlösen aus Einnahmen und Rundfunkgebühren hat. Und er sieht auch die beiden Klangkörper in der Bringschuld: Dauerhaft fünf Millionen Euro jährlich sollen die sparen – mithin ein Viertel ihres Etats. Der Ton in der Debatte wird rauer.

Für Christian Höppner, den Generalsekretär des Deutschen Musikrates, macht sich Boudgoust dafür zum „Totengräber“ zweier international renommierter Orchester und leistet einen „kulturpolitischen Offenbarungseid“. „Wir halten die geplante Fusion für einen völligen Blödsinn, eine Fusion zweier so renommierter Orchester zu einem völlig neuen und damit völlig renommeelosen wäre eine Katastrophe“, sagt Uta Terjung, die beim SO im Vorstand sitzt. SO-Manager Reinhard Oechsler, derzeit in einer Loyalitätsproblematik, fürchtet bei einer Fusion „einen Abrutsch in die Drittklassigkeit“.


Ende Juni hat der 41-köpfige SWR-Rundfunkrat die Beschlussvorlage der Intendanz zur Zukunft der beiden Orchester mit einer satten Zweidrittelmehrheit durchgewinkt. Wenn nicht schon bis zur nächsten Sitzung am 28. September ein alternatives Konzept vorliegt, das eine Fusion im Kern einfach durch etwas anderes komplett ersetzt, wird fusioniert. So klingt die aktuelle Situation.

Der Freiburger Gemeinderat hat sich längst mit einer Resolution gegen die Fusionspläne gewandt – nicht zuletzt, weil die Chancen, ein fusioniertes Orchester nach Freiburg zu kriegen, wohl minimal sind, weil der Hauptstadtvorteil schwer wiegt. „Wenn wir das Sinfonieorchester verlieren, dann ist das ein viel größerer Schaden als der, der durch die Festkrise verursacht wurde, weil wir dann eine internationale Spitzeneinrichtung verlieren“, sagt Bernd Dallmann, Chef der Freiburger Wirtschaft, Touristik und Messe GmbH. Und das nicht nur beim Image, sondern auch in der Bilanz, denn schließlich zahlt das SO im Konzerthaus jährlich rund 350.000 Euro Miete.

Zu den lautstarken Kritikern haben sich neben den „Rettern“ auch die Deutsche Orchestervereinigung, der Deutsche Musikrat und der Deutsche Kulturrat gesellt. Und natürlich der Förderkreis des SO: Der klimpert derzeit auf der kompletten Klaviatur, will Kommunen mit einbeziehen, die vom SO profitieren, die trinationale Metropolregion zum Mitspielen bewegen und damit womöglich auch an Fördertöpfe der EU kommen: Eine Aufgabe, die auch für die Intendanz des Senders aller Ehren wert wäre. Wenn sie denn kommunale Mitsprache nicht fürchtet. „Es gibt kein anderes Orchester auf der Welt, das in der Lage ist, zeitgenössische Werke auf ähnlich hohem Niveau aufzuführen. Das SWR Sinfonieorchester wäre weltweit das erste Orchester dieses Ranges, das zerstört würde“, heißt es in einem Dossier des Freundeskreises.


Nicht nur Oechsler hofft, dass die Städte Stuttgart, Freiburg, Baden-Baden und viele andere, die wie Mannheim von den Konzerten profitieren, sich finanziell beteiligen. Für Terjung steht das, was der SWR riskiert, und das, was er dafür bekommt (12,5 Prozent Einsparung pro Orchester) im krassen Missverhältnis. Die Intendanz drücke sich zudem um eine klare Aussage herum, wo denn der Sitz des neues Orchesters wäre: „Das ist natürlich politisch brisant. Wir hoffen, dass die Politik jetzt mit der Intendanz auf Augenhöhe ins Gespräch kommt.“ Freiburgs Oberbürgermeister Dieter Salomon (Grüne), Dallmann und Kulturbürgermeister Ulrich von Kirchbach (SPD) haben mit Boudgoust und Hörfunkdirektor Bernhard Herrmann am 3. Juli bereits gesprochen. Salomon erklärte dabei, dass die Stadt grundsätzlich bereit sei zu detaillierten Gesprächen. Soweit auch die anderen Städte zu einem finanziellen Engagement bereit seien, werde Freiburg sich einem gemeinsamen Konzept nicht entziehen. Dafür zuständig wäre indes der Gemeinderat. Und in dem entflammen schon Wortgefechte, wenn es um ein paar Zehntausend Euro geht. Und: Ist es Aufgabe der Kommunen, dem SWR beim Sparen zu helfen?

In die Debatte eingeschaltet hat sich auch Laurent Bayle, Direktor der Cité de la musique in Paris. Er schreibt an den Intendanten, dass er die Überlegungen „mit Entsetzen“ zur Kenntnis genommen habe. In einem Land mit einem „unvergleichlichen kulturellen Erbe“ erscheine dieser Plan „geradezu verantwortungslos“. Sollte er umgesetzt werden, würde er „schlicht das Verschwinden des SO bedeuten“. Das Schicksal des Sinfonieorchesters liegt jetzt in den Händen eines neuen Finanzierungskonzepts. Das aber muss spätestens Ende September vorliegen. Und schon bald verabschiedet sich die dafür mitentscheidende Politik in die Sommerpause.

Text: Lars Bargmann / Fotos: Astrid Karger / Wolfram Lamparter