Gleich drei Freiburger Gemeinden müssen sich von Immobilien trennen –
Zoff bei Maria Hilf


Die Pfarrgemeinde St. Konrad und Elisabeth brachte den sakralen Stein ins Rollen: Sie verkaufte unlängst die Kirche St. Elisabeth an der Offenburger Straße in Zähringen an den Freiburger Bauträger Gisinger. In den Pfarrgemeinden an der Christuskirche und bei Maria-Hilf in der Wiehre wird in diesen Tagen intern noch heftig gerungen. Aber auch hier wird die Kirche Grundbesitz verkaufen und auch hier wird künftig gewohnt statt gebetet werden. Es geht um viel Geld, um die Finanznot der Kirchen, es geht aber vor allem auch darum, wie transparent die Kirchenoberen mit der Basis solche elementaren Entscheidungen besprechen. Nach chilli-Informationen gibt es hüben wie drüben schon Maulkorberlasse. Längst nicht jeder darf öffentlich sagen, was er denkt. Bei Maria Hilf hat es schon Bürgerproteste und einen Rücktritt aus dem Pfarrgemeinderat gegeben.

 

Die Kausalkette für den Verlust von Kircheneigentum gliedert sich etwa so: Die Einnahmen aus Kirchensteuern gehen bei beiden Konfessionen seit Mitte der 90er Jahre stetig zurück, weil auch die Zahl der engagierten Gläubigen zurückgeht, müssen aus eigenständigen Pfarrgemeinden größere Seelsorgeeinheiten werden, zudem ist der Gebäudebestand oft baulich und energetisch in einem beklagenswerten Zustand, wirtschaftlich längst nicht optimal ausgenutzt, und um das eine zu retten, muss das andere geopfert werden. Die Einnahmen aus den Immobiliengeschäften wandern in den Erhalt des Bestandes, in den Neubau von Einrichtungen, in die pastorale Arbeit.

Der Verkauf von St. Elisabeth war der erste in Baden-Württemberg überhaupt. Der wenig einladende, von wildem Grün umwucherte, denkmalgeschützte Bau an der Offenburger Straße (Baujahr 1965) war schon seit seiner Profanisierung im Jahr 2006 kein Gotteshaus mehr. Der Abriss war schon beschlossen, nachdem sich die Überlegungen, das Freiburger Ensemblehaus dort zu implementieren, erübrigt hatten. Das Ensemblehaus wurde schließlich südlich der Stadthalle gebaut.

Kurz vor dem Abriss wandten sich dann Jörg und Stefan Gisinger an die Gemeinde und erwarben das 3500 Quadratmeter große Grundstück samt Kirche, freistehendem Turm und Pfarrhaus. Zum Kaufpreis machen beide Seiten keine Angaben. Im kommenden Frühjahr will Gisinger an der Offenburger Straße loslegen, ein gutes Jahr später sollen hier rund 30 neue Eigentümer in eine durchaus extravagante Wohnanlage ziehen.

Sehr verschwiegen reagierten die Verantwortlichen auch auf die Informationen des Freiburger Stadtmagazins chilli und der Badischen Zeitung, wonach der Kirchenfonds Maria-Hilf ein 2500 bis 300 Quadratmeter großes Filetgrundstück auf dem Areal zwischen Schützenallee und Zasiusstraße an den Projektentwickler Peter Unmüssig verkaufen wolle. „Ich kann dazu nichts sagen, weil ich davon nichts weiß“, sagte der Vorsitzende des Stiftungsrats, Helmut Osterwald. Dabei hatte er zwei Tage zuvor erst die Mitglieder des Pfarrgemeinderates per Mail darüber informiert: „Außer Ihnen selbst darf bis zur Veröffentlichung des Beschlusses keine andere Person Einsicht in diese Unterlage nehmen. Ich bitte Sie, dies unbedingt zu beachten“, hieß es in Osterwalds Anschreiben. In dem dem chilli vorliegenden Entwicklungskonzept hatte es schon vor der entscheidenden Sitzung geheißen, der Pfarrgemeinderat trage den vorgeschlagenen Weg mit. Und auch die Erzdiözese unterstütze den Verkauf. Nur vier Tage später nickte der Pfarrgemeinderat in nicht-öffentlicher Sitzung die Pläne mit zwölf Ja- zu zwei Nein-Stimmen bei zwei Enthaltungen ab. Das Gremium musste für seine Entscheidung sogar in den ersten Stock des Pfarrhauses umziehen, weil draußen 90 Bürger singend protestierten. „Die Anwohner sind aufgebracht, weil man sie vor fast vollendete Tatsachen eines Großbauprojekts stellt, statt sie, was für eine Kirche eigentlich selbstverständlich sein sollte, frühzeitig mit einzubeziehen“, sagt ein Anwohner.

Maria-Hilf-Saal: Verkauf beschlossen, Käufer noch unbekannt.

 

Im Freiburger Rathaus liegt in diesen Tagen noch keine Bauvoranfrage auf dem Tisch, berichtet Baurechtsamtsleiterin Waltraud Stoll. Ob das Pfarrgemeindezentrum mit dem bekannten Maria-Hilf-Saal überhaupt denkmalgeschützt ist, werde gerade geprüft. Nach dem ersten Zeitungsbericht flatterten der Gemeinde sogleich viele neue Angebote von Bauträgern ins Haus. Obwohl Unmüssigs Logo schon auf dem Konzept prangt, ließ sich Osterwald in einer vom zuvor wohlweislich schon verpflichteten Münchner Mediator Winfried Schwatlo herausgegebenen Mitteilung so zitieren, dass noch gar nicht klar sei, wer am Ende den Zuschlag für das Filetgrundstück bekomme: „Das Rennen ist noch völlig offen.“ Mindestens ein Bauträger will den Maria-Hilf-Saal erhalten. „Der Verlust des Saals wäre für uns schmerzhaft“, so Karl-Ernst Friederich, Chef des Bürgervereins Oberwiehre/Waldsee.

Der Erlös für das Grundstück dürfte bei grob geschätzt drei Millionen Euro liegen. Die Gemeinde will damit den dringend benötigten neuen Kindergarten zwischen Kirchengebäude und Maria-Hilf-Saal und ein neues Gemeindezentrum an der Schützenallee bauen. Zudem sollen Erlöse in den baulichen Unterhalt der Kirche gesteckt und Rücklagen für die pastorale Arbeit gebildet werden.

Als erste politische Gruppierung wandten sich die Grünen im Freiburger Rathaus an Osterwald: Sie stünden einer besseren Nutzung von Innenentwicklungspotenzialen aufgeschlossen gegenüber, es müsse aber ein größtmöglicher Konsens unter den Beteiligten angestrebt werden, heißt es in einer Pressemitteilung. Angesichts der prominenten Lage wäre es von Vorteil, wenn die Eigentümerin ein „transparentes Verfahren bei der Projektentwicklung“ praktizierte, worin sich auch die „besondere öffentliche und soziale Verantwortung der Kirchengemeinde“ hinsichtlich der künftigen Nutzung widerspiegeln solle. Die Grünen fordern „auch den Neubau von erschwinglichen freifinanzierten und öffentlich geförderten Mietwohnungen und die Berücksichtigung von Baugruppen“ – und eine Vorstellung der Pläne im Bauausschuss.

Der Vorsitzende der CDU Mittel- und Oberwiehre, Dirk Blens, äußert sich „enttäuscht“ über die Entscheidung des Pfarrgemeinderates und fordert den Erhalt des Maria-Hilf-Saals. Der sei für die Bürger seit vielen Generationen ein wichtiger sozialer Treffpunkt und gerade in der dicht bebauten Wiehre von größter Bedeutung. Die Konservativen würden sich „mit Nachdruck dafür einsetzen“, dass der Maria-Hilf-Saal und zwei Gesindehäuser als Ensemble denkmalgeschützt werden.

Die Kirchengemeinde will nun transparenter werden: Mitglieder, Nachbarn und interessierte Öffentlichkeit sollen über einen von Schwatlo moderierten Bürgerblog (www.mariahilf-wiehre.de, zukunft@maria-hilf.de) informiert und eingebunden werden. Dabei könnten solche Verkäufe auch deutlich transparenter verkündet werden. Die evangelische Kirche Deutschland hat derzeit bundesweit durchaus gläsern (www.kirchengrundstuecke.de) 183 Gebäude, 147 Wohnbaugrundstücke und 36 Gewerbeflächen zu verkaufen. Angebote aus Baden-Württemberg fehlen in der Liste. An vielen Orten wird in diesen Wochen über die Zukunft sakraler Bauten entschieden. In Hildesheim und Clenze (80 Kilometer von Wolfsburg) sind Kirchen profaniert worden, im Herzogtum Lauenburg in Schleswig-Holstein wird am 14. Oktober die Sankt-Johannes-Kirche samt Pfarrhaus verkauft – für einen fünfstelligen Betrag. Was der private Käufer damit machen will, war noch nicht bekannt.

Objekt der Begierde: Viele bieten für Teile des Gemeindehauses an der Christuskirche.

 

Genauso wenig klar ist, wie es mit dem Gemeindehaus an der evangelischen Christuskirche weitergeht. Am 17. November will die Stadtsynode mit knapp 70 Stimmberechtigten entscheiden, ob Teile des Gebäudes (vermutlich die beiden oberen Geschosse mit rund 550 Quadratmetern) verkauft werden – und auch an wen. Im Rennen sind offenbar zwei Architekten, die Investoren hinter sich haben, Privatleute und nach chilli-Informationen auch die Genossenschaft „bogenständig“ aus dem Schwarzwald. Der Arbeitskreis Behinderte an der Christuskirche (ABC) hat hier seit gut 40 Jahren seine Heimat. Anfänglich hatte Dekan Markus Engelhard einen Verbleib ausgeschlossen. Nach Protesten und der Gründung der Initiative „Freunde der Maienstraße“ ist das aber wohl wieder vom Tisch. „Ich habe nichts Schriftliches, da steckt ja auch immer viel Politik dahinter, also ist das auch nicht sicher“, sagt Irmengard Nübel, Vorsitzende des ABC-Förderkreises und auch bei den Freunden der Maienstraße aktiv. „Es ist politischer Wille, dass der ABC drin bleibt“, erklärt Kirchensprecher Günter Hammer. Wenn die Synode den Teilverkauf entscheidet, wofür vieles spricht, soll mit den Erlösen unter anderem das Erdgeschoss saniert werden.

Tristesse aus Beton: Die Kirche St. Elisabeth in Zähringen ist das erste Gotteshaus in Baden-Württemberg, das in ein Wohnhaus umgebaut wird.

 

 

Nicht weit weg von der katholischen Kirche St. Elisabeth in Zähringen steht die evangelische Thomaskirche an der Tullastraße. Und hier steht schon die nächste Neuordnung auf dem Plan. „Das Areal wird gemeinsam mit der evangelischen Stadtmission entwickelt“, sagt Hammer. Die Kirche bleibe erhalten, aber rund um dieselbe wird wohl auch Altes fallen und Neues entstehen. Hier allerdings wird es keine Wohnnutzung geben. Hier werden weiter nur sakrale Steine gebaut.

Text: Lars Bargmann
Fotos: Joergens.mi/Wikipedia
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