Kino, Doku, Soap: Drehbücher made in Freiburg – für die weite Welt

Was haben der Tatort, die Lindenstraße und der Kinofilm „Nachtzug nach Lissabon“ gemein? Ihre Drehbücher stammen alle aus der Feder von Freiburger Autoren. Mit drei von ihnen hat sich chilli-Redakteurin Tanja Bruckert unterhalten. Über millionenschwere Budgets, Politik in der Seifenoper und Geschichten, die nur das Leben schreiben kann.

Tatort, Lindenstraße, Nachtzug nach Lissabon, Erika Pluhar-Doku: Filme aus der Feder dreier Freiburger Autoren.

 

AUSSEN / TERRASSE EINES SCHWARZWALDHAUSES – TAG

 

Ein mit Wein bewachsenes Geländer. Blick auf Wiese, Obstbäume und Schwarzwaldberge. Grillen zirpen, Vögel zwitschern, in der Ferne rauscht ein Bach. IRENE FISCHER sitzt auf einer Bank, von der blaue Farbe abblättert, neben ihr liegt ein Drehbuch mit der Aufschrift „Folge 1481“.

 

FISCHER

„Ich habe mindestens schon 150 Drehbücher für die Lindenstraße geschrieben. Das macht riesengroßen Spaß, aber man muss extrem belastbar sein, extrem fleißig und extrem schnell.“

 

Die Arbeit beginnt bereits anderthalb Jahre bevor eine Folge über den Bildschirm flackert. In einem abgelegenen Kurhotel, in dem sich die drei Autoren der Serie vier Mal im Jahr zusammen mit dem Produzenten und der Dramaturgin treffen.

 

IRENE FISCHER
Drehbuchautorin und Schauspielerin der Lindenstraße

Irene Fischer: Drehbuchautorin und Schauspielerin der Lindenstraße.

 

FISCHER

„Zuerst bringt jeder seine Themen ein – von Genmais bis hin zu Leihmutterschaft. Dann überlegen wir, welcher Figur wir die Themen zuordnen, je nachdem, wie viele Folgen welcher Schauspieler in seinem Vertrag hat. So entsteht in zwei Wochen eine Storyline mit rund 150 Seiten, in der Szene für Szene alles festgehalten ist. Danach ist man schlapp, ausgelaugt und hoch zufrieden.“

 

Wenn das ARD-Vorabendgremium dann diese Storyline abgenickt hat, arbeiten die Autoren die vollständigen Drehbücher aus. Und das gleich in drei Fassungen, in die jeweils noch Verbesserungen der Kollegen einfließen, plus einer Regiefassung mit Änderungswünschen des Regisseurs und einer aktuellen Szene:

 

FISCHER

„Kurz bevor die Folgen gesendet werden, arbeiten wir meist noch eine Aktualisierung zu einem politischen Thema ein – jetzt würde sich etwa die Europawahl oder der G7-Gipfel anbieten.“

 

Politik in einer Seifenoper?

 

FISCHER

„Natürlich ist die Lindenstraße ein Soap-Format und mir ist auch klar, dass sie nicht den besten Ruf hat. Doch innerhalb dieses Formats sind wir meiner Meinung nach das Beste, was es gibt. Wir können einiges bewegen, etwa den Leuten Toleranz unterjubeln. Ein Beispiel ist die Figur des Carsten Flöter, der sich mit 20 als homosexuell geoutet hat. Die Zuschauer lieben ihn so, dass sie sagen: Der ist schwul – na und? Gerade bei unserem älteren Publikum ist das nicht selbstverständlich.“

 

Es gibt jedoch auch Themen, die für eine Vorabendserie tabu sind. Kinderselbstmord, Inzest oder Kinderschändung etwa würde Fischer nicht behandeln. Doch von so ziemlich allen anderen Dramen bleiben die Bewohner der Straße nicht verschont.

 

FISCHER

„Die Lindenstraße nennt man nicht umsonst auch die ,Straße der Gebeutelten,, so viele Schicksalsschläge, wie die Bewohner abkriegen – da wäre jeder andere bereits eingeknickt. Wir versuchen zwar realitätsnah zu sein, aber natürlich müssen wir unser Publikum unterhalten.“

 

Die Ideen dafür nimmt sie aus ihrem Alltag. Und der ist vielfältig. Schließlich ist die 54-Jährige nicht nur Drehbuchautorin, sondern spielt in der Serie auch die Anna Ziegler, ist mit dem Regisseur Dominikus Probst verheiratet, hat drei Kinder und zwei Enkel.

 

FISCHER

„Es gibt keinen Elternsprechtag, wo ich nicht irgendwas höre und denke, das ist ja witzig, das könnte ich auch mal verwenden. Ob Politik, Sandkastengespräche, Pubertätsprobleme mit den eigenen Kindern – das kann man alles verwenden.“

 

ULRICH HERRMANN
Redaktionsleiter für den Tatort beim SWR und freier Drehbuchautor für „Nachtzug nach Lissabon“ und andere Kinofilme

Ulrich Herman: Redaktionsleiter für den Tatort beim SWR.

 

AUSSEN / TERRASSE EINES RESTAURANTS – NACHMITTAG

 

Die Terrasse ist gut besetzt, in der Ecke spielen zwei ältere Männer Schach. ULRICH HERRMANN nippt an einer Johannisbeerschorle. Die Sonne wird von seiner verspiegelten Sonnenbrille zurückgeworfen.

 

HERRMANN

„Ich war Kritiker bei der ZEIT und der Frankfurter Rundschau. Auf Dauer war mir das jedoch nicht kreativ genug – ich wollte nicht nur über das reflektieren, was andere machen.“

 

So ist Herrmann seit 1994 Redakteur beim SWR-Fernsehen und seit zehn Jahren zudem freier Drehbuchautor. Sein bekanntestes Werk: Der Kinofilm „Nachtzug nach Lissabon“ nach dem gleichnamigen Roman von Pascal Mercier alias Peter Bieri, der im vergangenen Jahr mehr als 700.000 Besucher in die deutschen Kinos lockte.

 

HERRMANN

„Ich habe sehr intensiv für den Film recherchiert: bin in die Geschichte von Portugal eingetaucht, habe mich mit der Zeit der Diktatur beschäftigt und den Roman an die fünfzehn Mal gelesen. Das Drehbuchschreiben ist kein Rüberkopieren des Romans. Es ist vielmehr wie eine Partitur zu lesen.“»
» Nicht jeder Roman eigne sich dabei auch für ein Drehbuch – ohne Drama gehe es nicht. Und auch nicht jedem Romanautor gefällt der Film zu seinem Werk. So bezeichnete Bieri die Filmdialoge in einem Interview als „entsetzlich banal“.

 

HERRMANN

„Ich wusste von Anfang an, dass Bieri enttäuscht ist, wenn er feststellt, dass der Film weniger reich ist als der Roman. Im Vergleich zur Sprache eines Romans sind die Dialoge im Film immer ein wenig banal. Damit muss der Film leben, schließlich hat er die Aufgabe, zu gefallen.“

 

Dass eine bestimmte Qualität erhalten bleibt, sieht er aber als eine der wichtigsten Aufgaben eines Drehbuchautors überhaupt.

 

HERRMANN

„Ich finde es wichtig, dass Drehbuchautoren eine starke Persönlichkeit besitzen. Sie sind die einzigen, die von Anfang an bis zum ersten Drehtag dabei sind. Viele Ideen beginnen sehr schillernd und werden immer weiter abgespeckt, bis nur noch eine Schmonzette zwischen Fjord und Schloss übrigbleibt – da muss der Autor auch mal insistieren und seine Sachen verteidigen.“

 

Sofern sie im Rahmen sind – denn auch ein Drehbuchautor kann seiner Fantasie keinen freien Lauf lassen. Vielmehr müsse er die Zahl der Schauplätze, Figuren und Drehtage nach dem Budget richten. Eine Aufgabe, die Herrmann auch als Redaktionsleiter für die Tatorte beim SWR kennt. Hier ist er nicht nur für die Stoffentwicklung zuständig, sondern entwickelt auch neue Formate oder überlegt, was die Tatort- reihen voneinander unterscheidet.

 

HERRMANN

„Bis jetzt fällt es mir nicht schwer, neue Ideen zu entwickeln. Die eigentliche Spannung ist ja nicht die Frage, wer der Täter ist – das würde relativ schnell langweilig –, die eigentliche Frage ist die nach dem ,Wie?,. Der Tatort ist kein reiner Krimi, da muss man immer noch etwas anderes erzählen.“

 

SIGRID FALTIN
Drehbuchautorin und Produzentin von Fernsehfeatures, -dokumentationen und Dokumentarfilmen

Sigrid Faltin: Drehbuchautorin und Produzentin von Fernsehfeatures, -dokumentationen und Dokumentarfilmen.

 

INNEN / SIGRID FALTINS BÜRO – AM MORGEN

 

Ein heller Raum im zweiten Stock eines Hauses am Lorettoberg. Durch eine große Glasscheibe reicht der Blick über die Dächer Freiburgs. SIGRID FALTIN sitzt auf einem Sessel. Auf dem Tisch vor ihr stehen zwei Tassen mit dampfendem Tee.

 

FALTIN

„Ich habe eben mein erstes Spielfilmdrehbuch geschrieben. Ich liebe die wahren Geschichten des Lebens, aber bestimmte Sachen kann man im Dokumentarfilm schlecht erzählen: Etwa eine Liebesgeschichte oder Szenen, die sich unter vier Augen abgespielt haben.“

 

„Ticket to Eternity: The Guggenheim Story“ steht auf dem Cover des Drehbuchs. Es ist die Geschichte der in Freiburg aufgewachsenen Hilla von Rebay, ohne die es heute in New York kein Guggenheim Museum gäbe. Das Drehbuch ist fertig – gefördert und für gut befunden von der MFG Filmförderung. Faltins Arbeit noch nicht.

 

FALTIN

„Ich bin jetzt auf der Suche nach einem Produzenten – das ist nicht einfach, weil es ein teurer Dreh wird. Ein Tatort kostet rund zwei Millionen Euro, ein 90-minütiger Spielfilm zwischen anderthalb und drei Millionen. Hier rechne ich mit mindestens zehn Millionen.“

 

Teuer sind zum einen die New Yorker Spielorte, zum anderen das Anpassen der Kulissen an die 30er und 40er Jahre. Und da der Film in der Kunstszene spielt, rechnet Faltin nicht gerade mit einem Blockbuster. Doch träumen ist erlaubt:

 

FALTIN

„Robert de Niros Vater war Assistent bei Hilla von Rebay. Ich fände es wunderbar, wenn de Niro die Figur des Frank Lloyd Wright spielen könnte – aber das ist wahrscheinlich völlig unbezahlbar.“

 

Warum macht sich eigentlich eine Drehbuchautorin Gedanken um die Finanzierung eines Films? Zum einen, weil Faltin seit 1998 ihre eigene Freiburger Filmgesellschaft „White Pepper“ hat, mit der sie Fernsehfeatures und Dokumentarfilme produziert. Zum anderen, weil auch aus einem guten Drehbuch nicht automatisch ein Film wird. Faltin schätzt die Quote auf rund zehn Prozent.

 

FALTIN

„Für meinen letzten Film, eine Dokumentation über die Wiener Burgschauspielerin Erika Pluhar, habe ich anderthalb Jahre nach einem Sender gesucht. Anderthalb Jahre, bis ich gewusst habe: Es war nicht alles für die Katz, sondern ich kann den Film auch machen.“

 

Doch obwohl die Sender gerne im Voraus ein möglichst genaues Bild vom geplanten Film haben möchten – nicht für jeden Dokumentarfilm kann man ein Drehbuch schreiben. Als Beispiel nennt die 58-Jährige einen Film, für den sie eine Lörracher Patchworkfamilie ein Jahr lang begleitet hat.

 

FALTIN

„Für den Sender habe ich vorab eine Zusammenfassung geschrieben: Steht eine Scheidung oder eine Hochzeit an, wer sind die Personen? Doch etwa zwei Monate nach Drehbeginn hat der Patchworkvater die Diagnose Lungenkrebs bekommen. Die Wahrscheinlichkeit, dass er während der Dreharbeiten stirbt, lag bei fünfzig Prozent. Das ist das Leben, dafür kann man kein Drehbuch schreiben. Wir machen jetzt eine Fortsetzung, und ich hoffe sehr, dass er die auch noch sehen kann.“

 

DIE VERSTECKTE WELT DER FREIBURGER DREHBÜCHER. KLAPPE ZU.

 

Text: Tanja Bruckert / Fotos: © dpa, Concorde Filmverleih, Britt Schilling, tbr