Benni Gruber* (*Name geändert) ist 26 Jahre alt, Student, zweifacher Vater – und seit Weihnachten auch Ex-Häftling. Im August 2010 musste er in der Justizvollzugsanstalt in Stuttgart-Stammheim eine dreieinhalbjährige Haftstrafe antreten. Warum, darüber will er nicht sprechen. Ein Jahr später ließ er sich wegen der besseren Bildungsmöglichkeiten nach Freiburg verlegen. Mitte Dezember stand er dann nicht mehr hinter, sondern erstmals wieder vor der Gefängnismauer an der Hermann-Herder-Straße. Wegen guter Führung wurde Gruber vorzeitig entlassen. Jetzt sitzt er in der Wohnung seiner Mutter in seiner süddeutschen Heimatstadt und versucht, den Start in sein neues Leben mit einem 400-Euro-Job zu finanzieren. Das Freiburger Stadtmagazin chilli hat ihn besucht.


Der Weg ins Gefängnis

Dass Gruber die kommenden 850 Tage hinter Gittern verbringen würde, war ihm an jenem Augusttag vor zweieinhalb Jahren nicht bewusst. „Ich hatte kein schlechtes Gewissen, als die Polizei angerufen hat und gefragt hat, wo ich bin“, sagt er, „ich dachte, die wollen nur mit mir reden.“ Was der Auslöser für diesen Anruf war, will er nicht verraten.

„Es war kein Kavaliersdelikt, aber ich habe trotzdem geglaubt, dass ich an dem Tag wieder nach Hause darf.“ Es kam anders. Ein Polizist sagt ihm, dass er über Nacht auf der Wache bleiben muss und am kommenden Tag dem Haftrichter vorgeführt wird. Da dämmert es ihm erst, dass es ernster werden könnte. Knapp 24 Stunden später geht es vom Haftrichter zurück in die Zelle auf der Wache. Dort sitzt schon ein anderer junger Mann, der wegen Kokainhandels am selben Tag nach Stuttgart-Stammheim eingeliefert worden war. „Mit dem haben sie mich zusammengekettet und uns dann ins Gefängnis Stammheim gefahren.“ Unterwegs bekommen die beiden von den Beamten Zigaretten. „Wir durften sogar im Polizeiauto rauchen.“ Gruber ist eigentlich Nichtraucher. „Aber ich habe geahnt, dass das die letzte Zigarette in Freiheit sein wird – das wollte ich mitnehmen.“ Die Gedanken des angehenden Häftlings überschlagen sich in diesen Momenten: „Scheiße, was ist los? Was passiert da drinnen? Und wann komme ich wieder raus?“ Die letzte Frage wird sich Gruber in den kommenden zwei Wochen immer wieder stellen.

Macht und Ohnmacht

Eine wichtige Lektion für die kommenden Jahre lernt Gruber gleich bei der Vernehmung auf dem Revier: Dass hinter schwedischen Gardinen nichts aus eigenem, freiem Willen geschieht. Er muss unterschreiben, dass er freiwillig eine Speichelprobe und seine Fingerabdrücke abgibt. „Man hat mir gedroht: Entweder du gibst sie uns oder wir holen sie uns.“ Er fühlt sich seiner Autonomie beraubt: „Dieses Gefühl, dass man Herr seiner selbst ist und über sich selbst bestimmen kann – das gibt es dann nicht mehr.“

Auf Beamte, denen das relativ egal ist, trifft Gruber im Lauf der zweieinhalb Jahre immer wieder. „10 bis 20 Prozent behandeln einen wie ein Stück Dreck. Manche lassen einen nicht duschen, weil sie in den Feierabend wollen. Andere schmeißen alle Sachen bei Zellenkon-trollen achtlos auf den Boden. Und wieder andere sind einfach extrem kleinlich – zum Beispiel was die erlaubte Menge an Süßigkeiten angeht.“ Wie das zu einer Resozialisierung beitragen soll, ist dem 26-Jährigen schleierhaft: „Da wird man sauer und aggressiv. Man soll zu einem besseren Mensch gemacht werden und wird einfach nur gedrückt und bekommt zu verstehen, dass man eigentlich etwas Schlechteres ist.“

Das Freiburger Gefängnis.


Die Ankunft in Stammheim

Im Knast werden die Delinquenten erst einmal neu mit Secondhand-Klamotten eingekleidet – und zwar komplett: „Alles war gebraucht, sogar die Unterhose.“ In einem Warteraum trifft Gruber auf einen, der schon einmal gesessen hat. Der gibt Auskunft auf die Frage, ob im Gefängnis tatsächlich das Gesetz des Stärkeren gilt: „Ach was. Hier passiert höchstens einmal im Monat was. Und das nicht ohne Grund.“ Mit dem Kokainhändler und dem erfahrenen Knastbruder auf einem Zimmer verbringt der 26-Jährige seine erste Nacht in der Anstalt.

Am nächsten Tag kommt Gruber auf eine Vier-Mann-Zelle. Dort teilt er sich zusammen mit einem Tschechen, der wegen Raubüberfall sitzt und kein Deutsch spricht, einem türkischen Drogendealer und einem älteren deutschen Einbrecher eine Toilette, bei der man beim Verrichten des Geschäfts im Sitzen über die Schwingtüre schauen kann. „Das war unmenschlich.“ Eine Woche später wird der Neue auf eigenen Wunsch in eine Einzelzelle verlegt.

Der Alltag: Warten

Damit beginnt für ihn der Alltag hinter Gittern – für ihn ein Dahinvegetieren in Langeweile. „Das Schlimmste im Knast ist, dass die Zeit nicht rumgeht.“ Die Tage gleichen sich wie eine Zelle der anderen. „Ich habe es vorher nicht geglaubt, aber es stimmt: Nach drei Monaten kennst du das komplette Fernsehprogramm auswendig“, erzählt Gruber, „deswegen ist Big-Brother im Gefängnis eine so beliebte Sendung, da passiert wenigstens jeden Tag etwas Neues.“

Das Fernsehen soll eigentlich der Überbrückung dienen. Ein Häftling verbringt viel seiner Zeit wartend. Er wartet auf das Essen. Er wartet auf Besuch. Er wartet auf den Hofgang. Er wartet auf seinen Anwalt. Er wartet darauf, dass er duschen darf. Gruber hat das Warten gelernt: „Wenn ich heute zehn Minuten an der Bushaltestelle stehen muss, vergeht die Zeit viel schneller als früher.“

Der Umzug nach Freiburg

Nach einem Jahr in Stammheim kommt Gruber in die Stadt, die er zuvor nur einmal in seinem Leben – wegen eines Fußballspieles – besucht hat. Wer sitzt, muss einer mehr oder weniger sinnvollen Beschäftigung nachgehen. Die Arbeitslosenquote im Gefängnis geht gegen Null. Viele Häftlinge fertigen Produktions-Teile für Firmen draußen. Gruber entscheidet sich gegen einen solchen „Nullachtfuffzehn-Job“, er will lieber seinen Kopf arbeiten lassen und studieren. Zumindest für Häftlinge ist Freiburg in Sachen Studium – auch nach der Aberkennung des Exzellenz-Titels an der Uni – noch Elite: „Das ist außer Berlin die einzige JVA, die dir die Möglichkeit anbietet, anstatt zu arbeiten auch zu studieren. Hier gibt es ein Riesenschulsystem.“ Gruber beginnt sein Fernstudium. Die Zellgenossen Abwechslung im Alltag bieten die Hofgänge und die Stunden, in denen die Zelltüren geöffnet werden. Dann kommen die Häftlinge auch mal ins Gespräch – auch wenn das nicht immer leicht ist. Viele sind verschlossen. Und es gibt Gruppen, die grundsätzlich unter sich bleiben. „Die Russen sind ganz eingefleischt. Bis auf einen Gruß bekommt man von denen kaum etwas mit.“ Sie gelten untereinander als sehr loyal. „Wenn ein Russe ins Gefängnis kommt, bekommt er alles, was er braucht.“

Generell teilen sich die Gruppen schnell nach Nationalität und Herkunft ein: Türken, Albaner, Kroaten, Araber. „Von den Insassen in meinem Alter sind keine 20 Prozent Deutsche.“ Richtig ausgeschlossen werden aber nur die, die sich an Kindern vergangen haben. „Für die hat keiner Verständnis – keiner hat Interesse, mit denen zu reden.“ Deswegen ist der Haftbefehl für die Sträflinge auch ein so wichtiges Dokument: „Da steht drauf, warum du drin bist. Wer den nicht zeigt, der hat schon ein Problem.“

Ansonsten gebe es keine grundsätzlichen Feindschaften im Bau: „Ich habe auch Mitglieder verfeindeter Motorradgangs miteinander lachen sehen.“ Gewalttaten seien selten – auch weil solche Aktionen rigoros harte Folgen wie Einzelhaft oder Verlegung nach sich ziehen. „Aber man muss schon aufpassen, wen man beim Fußball foult – und dumm angucken sollte man auch keinen. Man ist eben nicht auf der Kaiser-Joseph-Straße.“

Er sei in den zweieinhalb Jahren nur einmal handgreiflich geworden. „Aber das waren nur ein paar Ohrfeigen – wegen einer Meinungsverschiedenheit.“ Einfach plaudern sei im Knast nicht so angesagt, die meisten redeten nur dann mit anderen, wenn sie etwas brauchen. „Tabak und Kaffee sind die Hauptwährung.“ Aber es werden auch mal zehn Dosen Thunfisch gegen ein Paar Schuhe oder zwei Packungen Haferflocken gegen eine CD getauscht.

Auf solchen Listen können die Häftlinge wählen, was ihnen auf die Zelle gebracht wird.



Geld und Sex

Und dann gibt es noch eine Währung, die über allem steht. „In Stammheim ist es mit Drogen eher schwer. In Freiburg geht schon eher was“, weiß Gruber, „und in Heimsheim und Rottenburg, da wimmelt es nur so davon.“ Das wisse er von Häftlingen, die aus den jeweiligen Anstalten verlegt worden sind. Stille Post. Die Rauschmittel gelangen auf verschiedenen Wegen in den Bau. Welche das sind, darüber schweigt der Ex-Häftling: „Das wäre Verrat den anderen gegenüber.“
Ein bisschen Geld haben die Häftlinge. Bis zu 55 Euro im Monat verdienen sie – das meiste geben sie für Alltagswaren wie Duschgel, Nudeln, Kuchen oder Schokolade aus. Die werden über ein internes Bestellsystem auf die Zelle geliefert. Wer Freigänger ist, leistet sich aber auch mal ein Bordell: „Etwa die Hälfte geht draußen in den Puff – und darüber reden die meisten dann auch. Man bewegt sich ja ohnehin in der untersten Gesellschaftsschicht und ist unter sich.“ Von Liebschaften innerhalb der Gefängnismauern hat Gruber hingegen nie etwas mitbekommen: „Wenn es das gibt, halten die das geheim. Homosexuelle haben es ja schon in der legalen Gesellschaft schwer, anerkannt zu werden. Da ist es im Gefängnis noch viel schwieriger.“

Das neue Leben

Am 12. 12. 2012, nach zweieinhalb Jahren hinter Gittern, wird Gruber in Freiburg wegen guter Führung frühzeitig entlassen. Das Kapitel Knast will er möglichst für immer schließen. Niemand, der nicht schon von seiner Geschichte weiß, soll je davon erfahren. Kontakte mit ehemaligen Mithäftlingen meidet er. „Ich finde es dumm, dort Freundschaften fürs Leben zu schließen. Die meisten Leute da drinnen haben irgendwann mal Scheiße gebaut. Was will der mit mir, wenn er mich im Gefängnis kennengelernt hat? Will der wieder Scheiße bauen? Nicht mit mir.“ Gruber will nicht mehr dazugehören, zu dem Umfeld, das er selbst als „die unterste Schicht“ bezeichnet.

Text: Felix Holm / Fotos: Felix Holm, Lars Bargmann